ARD-Sonntagskrimi Der Schweiz-"Tatort" im Schnellcheck

Der erste "Tatort" der Saison 2018/19 - und gleich ein Knaller: Die Schweizer Kommissare ermitteln vor und hinter der Bühne eines Konzertsaals. Ein Entfesselungsakt in Echtzeit.

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Das Szenario:

Giftanschlag auf offener Konzertbühne, Holocaust-Erinnerungen im Backstagebereich. Das Jewish Chamber Orchestra aus Buenos Aires spielt ein Benefizkonzert im Kultur- und Kongresszentrum Luzern, auf dem Programm stehen Werke ermordeter jüdischer Komponisten, Gastgeber ist ein klassikvernarrter Milliardär. Nachdem sich der Klarinettist vergiftet von der Bühne schleppt, ermitteln Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) hinter der Bühne - und stoßen auf ein düsteres Geheimnis des greisen Mäzens.

Der Clou:

Dieser "Tatort" wurde in einer Einstellung aufgenommen. Die Kamera saust zwischen den Figuren hin und her, zeichnet feinnervig die schwierigen personellen Verflechtungen und moralischen Verstrickungen nach - und schafft es sogar, ohne Schnitt in die Vergangenheit zu springen.

Das Bild:

Die Pianistin des Orchesters öffnet eine Tür in der Musikergarderobe - und damit eine Tür zu ihren Erinnerungen: Ohne dass ein Schnitt gesetzt wird, sieht der Zuschauer, wie die Mutter der Pianistin nach der Flucht nach Südamerika stirbt. Gegenwart und Geschichte, hier sind sie durch die Kameraführung eins.

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Ausnahme-"Tatort": Schuld und Bühne

Der Spruch:

"Verfaultes Geld, genetisch verrottet." Der Sohn des Milliardärs über den Reichtum seiner Familie, der offensichtlich durch das Leid anderer Menschen begründet ist.

Die Musik:

"Kassandra" von dem jüdischen Komponisten Erwin Schulhoff, der 1942 im KZ ermordet wurde. Eine aufputschende, geradezu unbekümmerte Symphonie, vom Schöpfer "Arabian Fox" untertitelt, die im Krimi gespielt wird, als der Klarinettist vergiftet von der Bühne wankt. Wie der Titel dieses "Tatorts" sagt: Die Musik stirbt zuletzt.

Die Wahrheit:

Auch böse Menschen lieben gute Musik. Ruchlosigkeit und Feinfühligkeit schließen einander offenbar nicht aus. Dieser "Tatort" ist ein Entfesselungsakt, der lieb gewonnene Gewissheiten ins Wanken bringt.

Die Bewertung:

9 von 10 Punkte. Wie so oft beim "Tatort": Gerade wenn bekannt geworden ist, dass ein Ermittlerteam abgewickelt wird (mit dem Luzerner TV-Revier ist es 2019 vorbei), läuft es noch einmal zu Hochform auf. Grandioser Auftakt für die neue "Tatort"-Saison.

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!

"Tatort: Die Musik stirbt zuletzt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick


insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
competa1 05.08.2018
1. Sorry,aber..
..ich möchte im Sommerloch(eine neue Tatort Folge in der Urlaubszeit macht mich skeptisch)nicht als Versuchskaninchen für "Entfesselungsakte in Echtzeit"dienen.Dann lieber die Rückkehr des Wolfes in die Lüneburger Heide auf NDR 3 gucken.
maxheadroom1900 05.08.2018
2. CH Tatort ? War noch nie was
Wollte man die Tatorte von dort unten nicht gänzlich einstellen ? Waren bisher immer langweilig. Ich hoffe die ARD zahlt dafür nix ?
altais 05.08.2018
3.
Uff. Klingt nach gequält ambitioniertem Filmprojekt. Meine finanzielle Beteiligung ist geleistet, das muss reichen. Zum Anschauen werde ich ja nicht gezwungen...
rainer82 05.08.2018
4. Hochinteressant und angesichts des Neonazi-Mainstreams auch hochaktuell.
So wünscht man sich TV-Krimis: nahe dran am Zeitgeschehen, innovativ und klischeefrei, aufklärerisch und spannend. Da freut man sich auf einen großen Theaterabend vorm heimischen Fernseher! Ach, würden doch auch ma unsere vielen Kommerzsender versuchen, sich an ein so hohes Niveau heran zu arbeiten!
Lektorat Berlin 05.08.2018
5. Doch,
Zitat von maxheadroom1900Wollte man die Tatorte von dort unten nicht gänzlich einstellen ? Waren bisher immer langweilig. Ich hoffe die ARD zahlt dafür nix ?
tut sie. Sogar den Löwenanteil. Die Produktionskosten ALLER Tatorte werden nach der zu erreichenden deutschsprachigen Bevölkerung aufgeteilt, also D +/- 80 Mio, A +/- 10 Mio, CH +/- 4 Mio. Und die CHer, deren Tatort zu rund 95% von außerhalb der CH bezahlt wird, Schaufristen sich dann noch ein jedes Mal, dass er (in der ARD!) nicht in Schwyzertütsch ausgestrahlt wird...
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