ARD-Pfingstkrimi über Online-Dating Der Dresden-"Tatort" im Schnellcheck

Nach dem Mord an einer Studentin ermitteln die Dresdner "Tatort"-Kommissarinnen undercover auf einem Datingportal. Robuster Schocker über digitale Paarungsgewohnheiten.

MDR/ Wiedemann & Berg/ Daniela Incoronato

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Das Szenario:

Tod durch Tinder. Eine Studentin wird auf dem Parkplatz vor einem Club erdrosselt, bei den Untersuchungen geraten auch die Aktivitäten der Toten auf einem Datingportal ins Visier der Polizei. Offenbar wurde die junge Frau, die im Internet als Birdy auf einer Plattform namens "Love Tender" unterwegs war, von einer Gruppe von Männern bedroht, die sich von ihr getäuscht fühlten. Die Kommissarinnen Hennie Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) tauchen zur Undercover-Recherche mit Decknamen in die Welt der Chats ein.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Vor den Gefahren von Internetflirts warnen? Digitale Paarungsgewohnheiten problematisieren? Die Anonymisierung der Liebe in Zeiten von Tinder und Co. beklagen? Nicht wirklich. Statt zum großen gesellschaftspolitischen Aufschlag nutzt dieser "Tatort" das Social-Media-Thema als Beschleuniger für einen effizienten Angstmacher-Krimi.

Der lässigste Internet-Stunt:

Sieland und Gorniak vor dem Computer, beide legen sich ein Profil beim Datingportal an. Sieland fordert von der Kollegin: "Geileres Bild, geilerer Name." Dann ahmt sie gespielt naiv den Flirttonfall im Chat nach, ohne dass das dümmlich wirkt. Eine Szene, in der die Sieland-Darstellerin Höfels noch einmal beweist, dass sie lustig und ernst in einem Augenblick sein kann. Leider gab es dafür zuvor sehr wenig Möglichkeiten im Dresdener TV-Revier - nach vielen anstrengenden Diskussionen hatte Höfels letztes Jahr ihren Ausstieg angekündigt. Nun geht sie mit ihrem besten "Tatort"-Auftritt überhaupt. Irgendwie schade.

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Dresden-"Tatort": Fataler Internet-Flirt

Der gehässigste Erziehungs-Stunt:

Gorniak geht auf Recherche zu einem Abendessen mit einem Internet-Flirt. Da der halbwüchsige Sohn inzwischen immer wieder nachts ausbüxt und Mist baut, muss sie Betreuung besorgen. Ihr Vorgesetzter übernimmt. Es folgt ein Überrumpelungstrick. Gorniak zum Sohn: "Das ist Herr Schnabel, mein Chef, dein Babysitter." Sohn: "Äh, what?" Schnabel: "Wir werden Spaß haben." Später, als der Sohn immer noch aufbegehrt, bringt Schlagerfan und Spießer Schnabel noch Peter Alexander ins Spiel. Irgendwie perfide.

Der Plausibilitätsfaktor:

Recht hoch. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Erol Yesilkaya, der den "Tatort" zuvor mit "Taxi Driver"- und "Se7en"-Varianten beschenkt hat. Für die Dresdener Folge hat er nun einen Thriller über Täuschung und Enttäuschung entwickelt, in dem die funktionale Psychologie zumeist ganz der Zielführung des Plot unterworfen ist. Die männlichen Protagonisten sind allerdings nicht funktional, sondern eindimensional: entweder Prinz Protz mit Swimmingpool im Keller oder Muttersohn mit Erdnussflips auf dem Fernsehtisch, Zwischentöne gibt es nicht.

Die Bewertung:

7 von 10 Punkten. Trotz Schwächen in der Zeichnung der Charaktere: ein robustes, Genrestück, das zwischen heiter und bedrohlich schwankt. Überraschung: Sachsen kann Schocker.


"Tatort: Wer jetzt allein ist", Pfingstmontag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 22 Beiträge
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cafɘwien 21.05.2018
1. Alwara Höfels verlässt ja zeitnah den Dresdner Tatort
Das ist ja an sich schon mal ein gutes Zeichen. Leider bleibt die darstellerisch schwächere Kommissarskollegin erhalten. Und leider wird es qua pc-Proporzvorgaben einen weiblichen Ersatz für Alwara Höfels geben, was auch nicht unbedingt Gutes erahnen lässt, weil, schaut man sich die weiblichen im Gegensatz zu den männlichen Darstellern des Tatort an, diese zu neunzig Prozent uninteressant agieren. Allein Meret Becker und Franziska Weisz sind hier akzeptable Lichtblicke. Man sollte den Dresdner Tatort lieber in "Schnabel ermittelt" umbenennen und der Figur Schnabel, gespielt vom hervorragenden Martin Brambach, weitreichenden Platz einräumen. Ansonsten sehe ich nämlich schwarz für den Dresdner Tatort. Was aber auch nicht das Schlechtetste wäre.
lasalette13 21.05.2018
2. Tatorte immer langweiliger !
Langweiliger und zu künstlich ! Spannung kaum noch ! Neues Format wäre wünschenswert !
quabah 21.05.2018
3. mit Untertietel
ich habe das Fenster wegen der Hitze auf, die Enten der NAchbarn sind laut am schnattern. Der Tatort hat beeindruckend laute Filmmusik.Man versteht entweder nicht oder muss sehr laut stellen. Finde ich ziemlich nervig.Aha die Enten haben sich beruhigt
cafɘwien 21.05.2018
4. Spielvorgabe: Unterspannung
Kennt jemand den quasi Fachbegriff aus der Schauspielerei: unterspannt? Es ist jetzt 20:40 Uhr. Nur, weil ich Wein zum Tatort trinke, bin ich noch nicht eingeschlafen. Nein, nicht ich bin unterspannt, sondern alle in diesem Tatort Agierenden. 1. Szene: Die Figur Doro Meisner kommt aus einem Club, für das ARD 60+ Publikum auch "Disco" genannt, und gibt Laute von sich in ein Handy. Ja, Laute. Man versteht nichts, aber auch wirklich GAR nichts. Nur Gegrunze. Irgendwann kristallisiert sich eine Handystimme am anderen Ende heraus. Was soll das? Sprechrollen im Film werden bezahlt. Stumme Rollen bekommen Statistenabfindungen. Wollte der MDR sparen? Da Doro Meisner sowieso in der ersten Szene ermordet wird, muss sie ja auch nicht sprechen, um so Gage zu bekommen! Also nur Gegrunze. Nächste Sequenz: Verhörsituation (Zeugenbefragung) auf dem Revier im abgedunkelten Verhörzimmer. Schuss - Gegenschuss: ödes Dialogisieren. Die Spannung sinkt auf den Nullpunkt. Ab jetzt nur noch: Unterspannung. Kurzer Versuch, die Unterspannung zu durchbrechen: Nervtötende Pseudospannungsmusik, weil: echte Spannung ist ja nicht vorhanden, wenn die zwei Damen vom Grill mit grotesk gezückter Waffe in die Wohnung der Freundin der Doro Meisner eindringen. Ich würde sagen: Das Desaster reißt nicht mal mehr Schnabel raus. Das wars. Sehnsüchtig denke ich an die Wiederholung des hervorragend inszenierten Münchner Tatort vom gestrigen Sonntag. Dresden, das war's. Final. Adieu! Warum gibt es dafür 7 von 10 Punkten? Ach, ja: Männer sind Täter. Immer und überall. Das zum gesellschaftlichen Auftrag, gelt, Herr Buß?!
Ekkehard Grube 21.05.2018
5. Endlich mal ein Volltreffer von den Dresdnern!
Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Die Macher des DD-Tatorts sind doch tatsächlich in sich gegangen! Die Konflikte zwischen den beiden Kommissarinnen und ihrem Chef wurden auf ein erträgliches Maß reduziert, und vor allem: Die Konstellation "depperter Kommissariatsleiter – perfekte Kommissarinnen" wurde aufgegeben. Mal hat der/die eine Recht, mal der/die andere, und man/frau arbeitet als Team zusammen. Und ja – sogar Gorniak bringt auf einmal eine variable Mimik zustande. Nun aber zum eigentlichen Thema des Tatorts: Das Thema des Titels, Einsamkeit, wurde so gut umgesetzt, dass man einen Kloß im Hals hatte. Da ist die Einsamkeit der Menschen, die nur noch über Dating-Portale Kontakt aufnehmen, anstatt die Begegnung im realen Leben zu suchen. Da ist die Einsamkeit des Mannes, der seine todkranke Mutter alleine pflegt und ihr am Schluss doch nicht mehr helfen kann, weil erst der Rettungswagen zu lange brauchen würde, und dann der Motor seines Autos nicht anspringt. Die Szene, wie er nach einer durchwachten Nacht im Auto seine Mutter im Arm hält, die in seinen Armen gestorben ist, war für mich an der Grenze des Erträglichen, und das nicht, weil sie so schlecht gewesen wäre, sondern weil sie so erschütternd war. Ein weiterer, ebenso schlimmer und ebenso realistischer Aspekt des Films: Einsamkeit kann auch Schuld erzeugen. Der Mörder von Doro hatte diese umgebracht, weil er glauben musste, sie habe ihn abgezockt – dabei stand dahinter der Chef der Dating-Agentur. Der Mann, der seine Mutter pflegte, bringt nach dem Tode seiner Mutter zunächst den Leiter der Dating-Agentur um, der ihn und andere heimtückisch abgezockt hatte, und hängt sich dann auf. So sind alle in Schuld verstrickt, und alle müssen bezahlen – auch der Chef der Dating-Agentur, der mit der Einsamkeit anderer zynische Spielchen und Finanzbetrug getrieben hatte. Dem Thema entsprechend, war der Film in düsteren Farben und Dunkelheit gehalten, was allerdings oft dazu führte, dass man nicht genau erkannte, wer da gerade wie agiert. Umso bewundernswerter, dass den Machern dieses Tatorts trotz dieser Düsternis ein weiteres Kunststück gelang: Die Szenen mit Schnabel als Aufpasser für den Sohn von Gorniak waren ein warmherziges, augenzwinkerndes komödiantisches Element, und trotzdem hatte man nie das Gefühl, dass es deplatziert sei, im Gegenteil: Es wirkte wie ein tröstliches Licht in all' der Finsternis. Bewegend auch die letzte Szene, in der Sieland offenbart, wie allein sie nach dem Scheitern ihrer Partnerschaft mit der Entscheidung für die Abtreibung und überhaupt mit ihrem Leben ist. Dennoch lächelt sie tapfer, nimmt ihr Schicksal an und sagt: "Es ist gut", woraufhin sie allein ihren Weg geht und auch Gorniak allein zurückbleibt. Eines möchte man nach diesem tief bewegenden Tatort allen Menschen zurufen: "Versteckt euch nicht hinter virtuellen Identitäten, starrt nicht ständig auf eure Smartphones, sondern seht euren real existierenden Mitmenschen in die Augen und wagt es, auf sie zuzugehen, euch zu verlieben, auch, wenn das immer wieder mit dem Schmerz des Zurückgewiesen-Werdens verbunden ist!"
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