ARD-Sonntagskrimi Der neue Kiel-"Tatort" im Schnellcheck

Borowski kämpft mit den Gespenstern der Vergangenheit, seine neue Kollegin Sahin prügelt ihren Boxsack: Der neue Kieler "Tatort" ist ein Geister-Krimi, der ein bisschen zu schlau sein will.

NDR/ Christine Schroeder

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Das Szenario:

Den Ermittler plagt die Vergangenheit, in einer Villa poltern die Geister. Kommissar Borowski (Axel Milberg) besucht einen alten Freund, dessen Ehefrau vor vier Jahren spurlos verschwunden ist, es sind noch einige Dinge zwischen ihnen zu klären. Die zweite, psychisch labile Ehefrau des Freunds sieht sich in der großen Villa von dem Geist der ersten konfrontiert. Borowski und seine neue Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) müssen einen ziemlich fadenscheinigen Hokuspokus untersuchen.

Der Clou:

Dialoge mit dem Totenreich, sonnig inszeniert. Die Filmemacher versuchen ihren Psychohorror mit hellen Bildern und tänzerischer Leichtigkeit zu inszenieren. Ein interessantes Paradoxon - das leider am Ende nicht die rechte Wirkung erzielt: Als Zuschauer weiß man nicht recht, ob man sich von den Spukeinlagen erschrecken lassen soll oder ob man sich wissend über sie erheben soll. Die Filmemacher wechseln einfach zu schnell auf die Thriller-Meta-Ebene.

Das Bild:

Borowski besucht während seines Trips in die Vergangenheit auch seine Ex-Frau, die gerade als Ballettlehrerin einen Kurs mit kleinen Mädchen unterrichtet. Die Kamera kreist nun um die ehemaligen Liebenden, während die sich inmitten der tanzenden Kleinen mit zärtlichem Sarkasmus über die guten und schlechten alten Tage unterhalten. Ein bisschen viel Schwanengesang für ein Beziehungsgespräch.

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Der Dialog:

Borowski überrascht zur neuen Kollegin: "Was ist das?" Sahins knappe Antwort: "Das ist Walter, mein Kumpel und mein Coach." Worüber die beiden sprechen: über einen Boxsack, den Sahin eigenhändig an die Decke des Büros gedübelt hat. Soll wohl besonders tough und trocken rüberkommen. Mein Gott, Walter!

Der Song:

Irgendein Song von Portishead. Die hallen alle so schön schwermütig und gespenstisch, als ob sie direkt aus dem Jenseits herüberhallen würden.

Die Bewertung

4 von 10 Punkten. Versuch eines eleganten, melodramatischen und doppelbödigen Spuk-Thrillers. Leider nicht geglückt. Mit Klassikern wie Hitchcocks "Rebecca" (1940) oder Cukors "Gaslight" (1944), die hier Pate standen, hat man einen besseren Abend.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!

"Tatort: Borowski und das Haus der Geister", Sonntag, 20.15 Uhr



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
n8f4ll 02.09.2018
1. ...
Schlechte Rezension, na dann schalte ich erst recht ein. Thema hört sich eigentlich gut an. Ausserdem mag ich Borowski :) Bis später bei Twitter :)
Charlie Whiting 02.09.2018
2. Geister...
...hören sich schon mal gut an. Neue Kolleginnen sind auch meistens spannend. Dann heute ausnahmsweise mal Tatort. Zuviel Hektik ist ja nicht zu erwarten was ich im Moment gut finde...
hoppla_h 02.09.2018
3. Borowski
Zitat von n8f4llSchlechte Rezension, na dann schalte ich erst recht ein. Thema hört sich eigentlich gut an. Ausserdem mag ich Borowski :) Bis später bei Twitter :)
Borowski mag ich auch! - Aber, ob ER ein schlechtes Drehbuch, schlechte Regie ... 'retten' kann? Trotz schlechter Rezension einschalten? - Oft haben Sendungen dann doch positiv überrascht. Insgesamt bin ich von vielen neuen "Tatort" enttäuscht.
CAFE&WIEN 02.09.2018
4. Den Begriff Sidekick zu wörtlich genommen
Der neue Borowski-Sidekick ist kein Gewinn für den Kiel-Tatort. Man vermisst Sibel Kekilli schmerzlich! Welche Redakteurin kam auf die Idee, Borowski ein kleines boxendes Mädchen zur Seite zu stellen? Es reicht nicht aus, eine phänotypische Ähnlichkeit zur Figur Brand zu nehmen (klein, dunkelhaarig, migrantös, "tough" etc.) und zu meinen, damit schon eine Figur entwickelt zu haben. "Mir gefällt Ihr Ton nicht!", sagt der Verdächtige Freund vom Borowski. Genauso ist es! Präpotenz und Phänotypie machen noch keine Figur. Im letzten Kiel-Tatort, der „Borowski und das Land zwischen den Meeren“ hieß, tauchte eine sehr sympathische Polizistin, dargestellt von Anna Schimrigk, auf, die mit Borowski zusammenarbeite. DAS wäre der neue Sidekick gewesen! Der wäre dann sogar quasi organisch eingeführt gewesen durch den letzten Borowski. Aber nein, es musste ja unbedingt was ostentativ Migrantöses sein. Wegen Zeitgeist und so, gelt?! Man hat den Eindruck, dass beim Tatort jeder, und vor allem jede, mitmischen darf. Da heißen dann Figuren „Quirin“, weil das Patenkind der verantwortlichen Redakteurin so heißt usw. usf. Die ARD macht sich mit solchem klüngelhaften Vorgehen keine Freunde. Ich fürchte, wir werden nicht mehr allzu lange darauf warten müssen, bis Axel Milberg dann auch „seinen Dienst quittiert“. Und das wäre nach Brandt im P110, nach Król und Kunzendorf, nach Sawatzki und Schüttauf, nach Striesow, der nächste wirklich große Verlust für den Tatort. Und wer bleibt? - Die Ödnis aus Ludwigshafen. Das kann's doch wohl nicht sein, oder?! Mit einer solchen Castingpolitik, kombiniert mit wirren Geisterstories macht man Borowski kaputt. Man gewinnt auch keine Sympathie, wenn man Borowski wieder auf sein Auto schießen lässt! Das war genau ein einziges Mal ein Clou. Das "Zitat" heute wirkt fantasielos. Apropos: Kaputtmachen. Warum, liebe ARD, müssen Sie im Lauf des Films eine Werbeeinblendung vornehmen?! Reichen die Werbungen für "Die Heiland", die Sie seit Wochen unablässig platzieren, nicht aus? Bitte: Unterlassen Sie das!
Ekkehard Grube 03.09.2018
5. Das war's dann wohl mit dem Kieler Tatort
Es hat gute Borowski-Tatorte gegeben – das waren diejenigen, in denen die Schrulligkeit von Borowski nicht zu dick aufgetragen wurde und die eigentliche Krimihandlung, die im Vordergrund stand, auf bewegende Weise menschliche Dramen darstellte. In diese Reihe gehören u.a. "Borowski und der brennende Mann", "Borowski und die einsamen Herzen", "Borowski und die Kinder von Gaarden" und "Sternenkinder". In dieser Folge dagegen war Hopfen und Malz verloren. Die Handlung war wirr, es dauerte viel zu lange, bis man als Zuschauer halbwegs begriffen hatte, worum es ging. Im Vordergrund standen dagegen Schrulligkeiten und Spinnereien jeder Art. Am besten gefiel mir deshalb die Szene, in der Borowski eine "spiritistische Séance" veranstaltete, bei der er selbst als "Medium" das Glas hin und her schob. Da begehrte Borowskis Patenkind Grete stellvertretend für den Zuschauer – gegen diesen unerträglichen Schwachsinn auf, fand das Ganze "peinlich" und verließ schließlich das Zimmer. Standing ovations, Grete! Und die Neue, Mila Şahin? Sie hatte einige gute Szenen, in denen sie sich energisch durchsetzte, aber insgesamt ging sie in dem total verhauenen Drehbuch unter – wie der ganze Film. Äh – wie war noch mal der Schluss? Ich hab' den irgendwie nicht ganz gerafft. Entweder, die Macher des Kieler Tatorts finden zu dem eingangs geschilderten Konzept zurück, in dem glaubwürdig erzählte menschliche Dramen im Mittelpunkt stehen und auch die neue Ermittlerin Mila Şahin Kontur gewinnen und auf Augenhöhe mit Borowski agieren kann. Oder aber man macht den Kieler Tatort einfach dicht.
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