ARD-Sonntagskrimi Der neue Odenthal-"Tatort" im Schnellcheck

Ein gruseliges Motivationsseminar, ein grimmiger Hotelmanager: Kommissarin Lena Odenthal unternimmt mit ihrem "Tatort"-Team einen Betriebsausflug, der allen Beteiligten zusetzt. Zuschauer inklusive.

SWR/ Martin Furch

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Das Szenario:

Gruppenfindung mit Gruselfaktor: Motivationstrainer Simon Fröhlich (Peter Trabner) hat den Auftrag bekommen, das Team um Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) zu coachen. In einem verlassenen und verschneiten Schwarzwaldhotel sollen die Beamten über Kommunikationsprobleme und Zielsetzungen diskutieren. Schwierig, wenn die heruntergekommene Herberge, in der man sich locker machen soll, von einem grimmigen Kerl geleitet wird, der angeblich vor 18 Jahren seine Frau und deren Geliebten ermordet hat.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Den ganz normalen Wahnsinn modernen Mitarbeitermanagements aufzuzeigen: Immer weniger Arbeitnehmer sollen immer mehr Aufgaben übernehmen. So ist es jetzt auch beim Ludwigshafener "Tatort", wo nach dem Rausschmiss von Kommissar Kopper dessen Stelle nicht nachbesetzt wird. Stattdessen sollen sich die überforderten Ermittler bei Saunagängen, Motivationsspielen und fleischloser Vollwertkost das erhöhte Arbeitsaufkommen schönreden.

Der Moment der entlarvten Lüge:

Odenthal fährt den Motivationstrainer gleich bei der ersten Sitzung an: "Die Stelle wird nicht neu besetzt. Da können Sie so viel coachen wie Sie wollen. Warum sind wir hier?" Leider wird die Frage nach dem Sinn des Fernsehermittler-Betriebsausflugs auch nicht auf Filmebene beantwortet: Das von den Schauspielern in freiem Spiel dargestellte Gruppenseminar eiert ziellos vor sich hin.

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Odenthal-"Tatort": Waldlust, Waldfrust

Der Moment der nackten Wahrheit:

Sekretärin Edith Keller (Annalena Schmidt) absolviert unter freiem Himmel ihre Tai-Chi-Übungen und philosophiert: "Die Landschaft lässt die Stille der Dinge erklingen." Dazu wälzt sich der frisch der Sauna entsprungene Seminarleiter Fröhlich nackig im Schnee. Ein Anblick, der dem Zuschauer in Erinnerung bleiben wird. Im Gegensatz zum Rest dieses "Tatorts".

Der Plausibilitätsfaktor:

Niedrig. Das Kollegengeplänkel im Motivationsseminar spiegelt schon den Irrsinn der modernen Arbeitswelt wider - aber die Geschichte des 18 Jahre zurückliegenden Mordfalls wirkt völlig konstruiert.

Die Bewertung:

4 von 10 Punkten. Nach dem Laienspieltheater in der Odenthal-Folge "Babbeldasch" ist der Betriebsausflug in "Waldlust" schon der zweite "Tatort", in dem mit improvisierenden Schauspielern gearbeitet wurde. Leider überzeugt das nicht wirklich.

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Waldlust", Sonntag 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 25 Beiträge
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Ronja2003 04.03.2018
1. So kann man einen ehemals brauchbaren Tatort versemmeln...
Babbeldasch war schon eine Zumutung. Daraus nichts gelernt zu haben scheint beim gebührenfinanzierten Fernsehen als "Resilienz gegenüber dem Zuschauer" empfunden zu werden...
jujo 04.03.2018
2. ...
Ich habe mir schon das letzte "Experiment" nicht angetan. Heute schaue ich die "drei Tage des Condor" mit einer Flasche Rotwein und Chips. Frau Odenthal/Folkerts ist reif für die Rente. Sie sollte die beiden Münchner Oldies gleich mitnehmen. Allerdings war das jahrelang, neben den Kölnern, mein Lieblingstatort!
cafe-wien 04.03.2018
3. Danke für die Inhaltsangabe zur Warnung
Also kein Grund den Fernseher um 20:15 Uhr auf ARD zu stellen. Nächste Woche übrigens auch nicht. In Abwandlung einer alten Unterschriftenaktion: Ulrike Folkerts raus aus meinen Rundfunkgebühren!
pSlr 04.03.2018
4. Geht doch!
Mit Herrn Buß Rezensionen funktioniert das immer so kontraindikatorisch: Findet er's gut, ist es für mich eine Zumutung, verreißt er den Tatort, ist der meist überraschend gut. So auch heute. Eigentlich hab ich die Odenthal-Krimis seit Jahren abgeschrieben und dann läuft heute ein unterhaltsamer, schwarzhumoriger und atmosphärischer Krimi im klassischen Miss Marple "Whodunnit". Erinnert natürlich stark an die Wolf Haas-Brenner-Verfilmungen. Aber warum auch nicht. Jedenfalls eine nette Abwechslung, die mit der Teambildungsstoryline auch für den einen oder anderen Lacher sorgt. Danke Herr Buß! Auf Ihre Rezensionen kann man sich immer verlassen! ;-)
stiller_denker 04.03.2018
5. Eine Zumutung
Die erste halbe Stunde war ja noch ganz witzig und ich dachte "das wird ne Satire" (so wie Lena Odenthal beim Abendessen). Erst dann habe ich begriffen, daß es wieder so ein Improvisations-Tatort wird. Sowas kann man nachts um 3 auf Arte zeigen, aber nicht Sonntag abend, wenn man sich entspannt auf die neue Woche vorbereitet. Werde mir jetzt erstmal nen alten 70er-Jahre Tatort von der Festplatte ansehen. Vielleicht auch zum 42. Mal Miss Marple oder Edgar Wallace, so ein richtig spannender s/w Film. Mit solchen Produktionen bettelt ARD/ZDF ja um Abschaffung der Zwangssteuer.
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