ARD-Sonntagskrimi Der Stuttgart-"Tatort" im Schnellcheck

Die Welt aus den Augen eines Betrügers: Dieser Stuttgarter "Tatort" um den Mord an einen Anlageberater bricht tückisch mit den Sehgewohnheiten des deutschen Ermittler-Krimis. Drauf einlassen!

SWR/ Alexander Kluge

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Das Szenario:

Ein Leben, auf Lügen gebaut. Eines Tages erhält der Familienvater Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) Besuch von der Mordkommission. Ein ihm bekannter Anlageberater wurde umgebracht, und weil Gregorowicz sich bei der Befragung in Widersprüche verstrickt, nehmen die Beamten ihn ins Visier. Fortan hetzt der Mann durch Stuttgart und versucht sämtliche Spuren zu den Betrügereien und Tricksereien, in die er verwickelt ist, zu beseitigen. Und das sind eine Menge.

Der Clou:

Dieser "Tatort" ist konsequent aus dem Blickwinkel des Hauptverdächtigen erzählt. Der ist ein notorischer Lügner - aber ist er auch ein Mörder? Das Publikum steckt in einem moralischen Dilemma, es sieht die Welt mit den Augen eines Betrügers, mit dem es zunehmend sympathisiert. Die Kommissare Lannert und Bootz indes wirken aus der Sicht der Verfolgten bedrohlich - dass die Ermittlerdarsteller Richy Müller und Felix Klare ihre Rollen ausgerechnet in der Jubiläumsfolge zum zehnjährigen Bestehen ihres TV-Reviers funktional runterschrauben, verdient Respekt.

Das Bild:

Schicker Anzug aus, schlichte Anstaltskleidung an. Der Verdächtige, der gerade im Verhör alle Lebenslügen zugab, muss für die Untersuchungshaft seine Garderobe abgeben. Ein Akt der Demontage, denn mit dem Anzug gibt der Lügner auch eine seiner Identitäten ab. Wer bin ich - und wenn ja wie viele?

Der Spruch:

"Dies ist ein sogenannter Stuttgarter Verhörraum, Stühle und Tisch sind fixiert, weil hier mal jemand richtig Randale gemacht hat. Seitdem ist das hier Vorschrift." Kommissar Lannert weist den Verdächtigen auf die Besonderheiten des Verhörraumes hin. Freundlich, sachlich - und doch mit suggestivem Unterton.

Der Song:

"Mad About The Boys" von Dinah Washington. Der schwarz schimmernde Jazzklassiker, der in einem Café läuft, in dem der Verdächtige einen Teil seines riskanten Doppellebens verbringt, spiegelt gut die Stimmung dieses modernen Film-Noir-"Tatort" wider.

Die Bewertung

8 von 10 Punkten. Ein "Tatort", der durch seinen genialen Perspektivwechsel zum Verdächtigen die geordnete deutsche Fernsehkrimi-Gemütlichkeit aus den Fugen geraten lässt. Trotz kleiner Hänger gegen Ende: effizient, elegant, anrührend. Unbedingt drauf einlassen!

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Der Mann, der lügt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Dramaturgen-Frau 04.11.2018
1. Wir können gespannt sein! Das Experiment wird gelingen
Das Stuttgarter Tatort-Team um Lannert und Bootz gehört zu den Top-Teams des Tatorts. Auch versteht man hier "Experiment" richtig. Das hat der hervorragende Brüggemann-Tatort aus Stuttgart bewiesen, der die gesamte gespielte Zeit über im Stau stattfand. Warum dieser heutige Tatort nur 8 von 10 Punkten erreicht, der katastrophale und lächerliche von letzter Woche aus Bremen mit seinen schlechten Darstellern 9, bleibt wie immer das Geheimnis des Kritikers. Schlechter als irgendeine Bremen-Tatort KANN dieser heutige Tatort aus Stuttgart gar nicht sein. Dafür bürgen schon echte (!) Schauspieler. Der Rotwein ist geöffnet, Richy Müller und Co. können kommen!
lordofaiur 04.11.2018
2. Klasse
Super Tatort, der Beste seit langem. 10/10
lupo62 04.11.2018
3. Endtäuschendes, zu abruptes Ende
Schauspielerich super, auch psychologisch gelungen - bis auf den Schluß. Warum will der vermeindliche Täter die Schuld auf sich nehmen? Nur wegen seiner Frau, die er offenbar verdächtigt?
Eddy_Duane 04.11.2018
4. Beeindruckend
Also ich fand den Tatort richtig gut. Schauspielerisch ganz klasse, das Ermittlerteam dezent im Hintergrund. Eine große Ratlosigkeit bleibt bei mir allerdings bestehen: Irgendwann dachte ich natürlich, dass das Leben einfacher ist, immer die Wahrheit zu sagen. Paradox jedoch ist, dass dem - in diesem Fall! - ganz bestimmt nicht so gewesen wäre.
tomaska20181102 04.11.2018
5. Komplett andere Meinung als Spiegel.
Ich schaue seit vielen Jahren Tatort und bin in der Bewertung quasi immer exakt anderer Meinung als die Redaktion des Spiegel. So auch hier - es hat mir nicht gefallen. Beim Ansehen der Sendung möchte ich unterhalten werden, gerne mit Pfiff, Überraschung, Spaß und Spannung. Was ich jedoch überhaupt gar nicht erwarte sind dramaturgische Experimente und schwierige Konstrukte in der Darbietung. Meine Frage in das Forum: Bin ich in der Minderheit oder wurde lediglich die Perspektive des gelassenen Zuschauers, der einfach „nur“ Fernsehen und entspannt die Woche ausklingen lassen will, noch nie ausgesprochen?
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