ARD-Sonntagskrimis Der Stuttgart-"Tatort" im Schnellcheck

Der Film zum verhunzten Dieselgipfel: Der Stuttgart-"Tatort" spielt komplett im Stau - und nimmt dabei gescheiterte Verkehrspolitik und gescheiterte Lebensentwürfe gleichermaßen ins Visier.

SWR/ Andreas Schäfauer

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Das Szenario:

Schöner sterben dank SUV. Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) ermitteln während eines Staus. Eine junge Frau wurde überfahren und sterbend am Straßenrand zurückgelassen. Die möglichen Verdächtigen sitzen in ihren hochgerüsteten Karossen fest und offenbaren bei den Verhören auf der Rückbank ihre privaten Abgründe.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Auch wenn die überforderten Eltern, frustrierten Arbeitnehmer und hasserfüllten Eheleute alle ihr ganz persönliches Leid offenbaren: Zusammengenommen ergeben die kleinen Charakterstudien ein größeres Bild von gescheiterter Mobilität und verlogener Moral. Wer will, kann in diesem "Tatort" den Film zum verhunzten Dieselgipfel sehen.

Die kluge Einsicht:

"Als wir uns gestritten haben, ob die Paartherapie zu teuer ist, da bist du an einem sterbenden Mädchen vorbeigefahren? Weißt du was, der Paartherapeut ist wirklich zu teuer." Sagt die Frau zu ihrem Mann, steigt für immer aus dem Auto aus und läuft die Straße runter.

Die bittere Aussicht:

"Einige Kunden sagen, sie seien maulfaul, andere sagen, sie seien redselig. Herr Treml, das ist jetzt noch keine Abmahnung, davon sind wir noch meilenweit entfernt. Nehmen Sie es mal als Feedback." Sagt der Chef zu seinem Angestellten, brummt ihm einen Extrajob auf und schickt ihn in den Stau.

Der Plausibilitätsfaktor:

Hoch. Das Stau-Szenario spielt auf der Stuttgarter Weinsteige, der asthmatischen Lunge der Autobauerstadt, die tatsächlich jeden Tag aufs Neue vor dem Totalkollaps steht. Und hier stehen die Menschen mit ihren Wagen, die wie ihre erweiterten Ichs sind. Technik und Psychologie, in diesem "Tatort" spielen die beiden Aspekte perfekt zusammen.

Die Bewertung:

9 von 10 Punkten. In den Anfangstagen war der Stuttgarter "Tatort" ein reiner Bausatzkrimi. Inzwischen ist er das TV-Revier, wo dem Schauplatz die brisantesten und nachhaltigsten Geschichten abgerungen werden. Im Oktober folgt bereits ein weiterer schwäbischer Hammer: Da führt die Spur des Verbrechens direkt aus den Stammheimer Gefängniszellen, in denen vor 40 Jahren die Anführer der ersten RAF-Generationen Suizid begangen haben, in die Gegenwart. Neuerdings also hoch relevant, der Stuttgarter "Tatort".

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Stau", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
josefinebutzenmacher 10.09.2017
1. 25 min gesehen
Genial!
apropos48 10.09.2017
2. Was isch des denn?
Mischung aus Michael Douglas' "Falling down" und Woody Allens "Stadtneurotiker", und das auf Schwäbisch mit Metallica im Stuttgart-Stau. Herrlich!
Tante_Frieda 10.09.2017
3. Suuuuuuuuper!
Super!Mal wieder ein "Tatort",der bislang (Sendung ist noch nicht ganz zu Ende) keine langweiligen Strecken enthält.
fortinbrass 10.09.2017
4. Plausibilitätsfaktor gering
Keine 9 von 10. Ich kann mir einen solchen auskunftsfreudigen Strafverteidiger bei Anfangsverdacht nicht vorstellen. Auch die anderen Verdächtigen waren zu redselig. Sehr ungewöhnlich war ebenfalls die Gastfreundschaft der Zeugen.
nic 10.09.2017
5.
Gut gemachter Tatort.
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