ARD-Festtagskrimi Der neue Weimar-"Tatort" im Schnellcheck

"Pudding im Nischel, Stahl in der Hose": Nora Tschirner und Christian Ulmen jagen einen psychisch gestörten Frauenmörder. Erbärmliche Plausibilitätswerte, erbaulicher Wortwitz!

MDR/ Wiedemann&Berg/ Anke Neugebau

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Das Szenario:

Der Würger von Weimar bricht aus, das Traumpaar vom "Tatort" muss ran. Wegen drei Frauenmorden saß der wüste Gobi (Jürgen Vogel) in der forensischen Psychiatrie, wo er zum Schwarm aller Anstaltsmitarbeiterinnen avancierte. Wer kann schon einem Mann widerstehen, der aus therapeutischen Gründen Wollunterwäsche in Regenbogenfarben anfertigt. Gobi strickte und strickte, er poussierte und poussierte. Dann floh er durch Weimars Kanalisation und ließ eine erdrosselte Krankenschwester zurück. Bei ihren Ermittlungen begegnen Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) einem Heer williger Damen, die unter ihren Kitteln verräterische Strickschlüpfer tragen.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Nicht vorhanden. Wie heißt es einmal im Film: "Das Leben ist wie eine Bratwurst. Man weiß nie, was drinsteckt." Hier steckt drin: dissoziale Persönlichkeitsstörung, männliche Gewalt, bedenkliche Zustände in der Psychiatrie. Aber was in anderen "Tatorten" zu Debattenkrimis über Sicherheitsverwahrung und Sexismus verarbeitet worden wäre, nutzen Murmel Clausen und Andreas Pflüger, die Stammautoren des Weimar-"Tatorts", für eleganten, enthemmten Wortwitz. Dürfen die das? Na klar!

Der Moment der schönsten Inklusion:

Der wüste Gobi schleicht sich durch Weimar, die Polizei ist in Aufruhr. Ein Beamter fragt: "Sollen wir auch Lautsprecheransagen machen?" Der Chef antwortet: "Unbedingt. Aber nicht Herbert, der nuschelt. Nimm Udo, der ist zwar Legastheniker, aber das fällt verbal ja nicht so auf."

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"Tatort" mit Christian Ulmen: Wüstes Weimar

Der Moment der schönsten Konfusion:

Bei den Untersuchungen wollen die Ermittler auch einen albanischen Musiker verhören, doch der ist nicht in der Stadt. Eine Kollegin erklärt: "Der ist gerade auf der Beerdigung seines Vaters. Und dessen Esel. Missverständnis auf dem Schlachthof."

Der Plausibilitätsfaktor:

Nicht vorhanden. Die Hingabe der Frauen an den Wollschlüpfer strickenden, durch die Kloaken Weimars irrenden Gewaltverbrecher erscheint so unglaubwürdig wie die Profilingmethoden von Kommissarin Dorn unprofessionell sind: "Er hat vielleicht Pudding im Nischel, aber Stahl in der Hose."

Die Bewertung:

7 von 10 Punkten. Trotz des Dauerchaos in der "Tatort"-Redaktion des MDR: Allerhöchster Dialogwitz - aber leider etwas schleppende Inszenierung. Zum Teil ist die Dramaturgie so fadenscheinig wie Gobis Wollschlüpper. Trägt uns trotzdem durch die Winternacht des Zweiten Weihnachtstags.


"Tatort: Der wüste Gobi", zweiter Weihnachtstag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 37 Beiträge
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wannbrach 26.12.2017
1.
Ich habe schon vor längerer Zeit aufgegeben mir deutsche Krimis im fernsehen anzuschauen weil die meisten einfach schlecht sind.
Little_Nemo 26.12.2017
2. Als Erik Öde noch durch den Horst tapperte
Zitat von wannbrachIch habe schon vor längerer Zeit aufgegeben mir deutsche Krimis im fernsehen anzuschauen weil die meisten einfach schlecht sind.
Und ich habe vor einigen Jahren erst so richtig damit angefangen, nachdem ich gemerkt hatte, dass die Zeiten der Kommissare und Chefinspektoren, die beim Ermitteln die Hände nicht aus den Taschen kriegen, gottlob vorbei ist. Herr Buß hatte einen nicht unerheblichen Anteil daran mich darauf hinzuweisen.
cottoncandy86 26.12.2017
3.
Ein tatort ohne öffentlich-rechtlichen Erziehungsauftrag? Wie sollen wir denn so das kommende Jahr überleben? :-) Muss mir gleich nochmal Walulis' "Tatort in 123 Sekunden" anschauen.
emobil 26.12.2017
4.
Zitat von cottoncandy86Ein tatort ohne öffentlich-rechtlichen Erziehungsauftrag? Wie sollen wir denn so das kommende Jahr überleben? :-) Muss mir gleich nochmal Walulis' "Tatort in 123 Sekunden" anschauen.
Erläutern Sie doch mal, worin denn dieser - inzwischen nun bis zum Erbrechen behauptete - "Erziehungsauftrag" eigentlich genau besteht.
avada~kedavra 26.12.2017
5. Egal
was die Kritiker schreiben oder sagen, bis dato habe ich mich von den - doch recht selbstironischen - Tatortfolgen aus Weimar immer recht gut unterhalten gefühlt. Ich hoffe, dass dies auch heute der Fall sein wird.
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