ARD-Sonntagskrimi Der Wien-"Tatort" im Schnellcheck

Zuhälter unter Naturschutz! Der österreichische "Tatort" spielt ironisch mit der Idee, dass früher alles besser war - selbst das Rotlichtgeschäft. Ein Abgesang aufs alte Wiener Halbwelt-Milieu.

ARD Degeto/ ORF/ Hubert Mican

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Das Szenario:

Die letzten Tage des Wiener Rotlicht-Imperiums um den Prater: Seit Jahrzehnten herrscht hier ein alter Pate namens "Dokta", nun versucht sich eine Reihe seiner Handlanger selbstständig zu machen, was zu blutigen Verwicklungen führt. Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln zwischen Kettenrauchern und Kettchenträgern, die Feste feiern und Knochen brechen wie in den guten alten Siebziger- und Achtzigerjahren. Eine aussterbende Spezies von Strizzis, die man unter Naturschutz stellen möchte.

Der Clou:

Wien ist hier eine Art Rotlichtmuseum. Die Zuhälter stöhnen wie durch die Globalisierung bedrohte Mittelständler, dass früher alles besser gewesen sei. Den Filmemachern gelingt es, diese Weltsicht ironisch über ihren Retro-Krimi zu stülpen, ohne dass es zynisch wirkt.

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Österreich-"Tatort": Wiener Brut

Der Dialog:

Nachdem auf einer Landstraße an der Grenze zu Ungarn ein Mafia-Handlanger ermordet wurde, gerät auch der schwule Ex-Zuhälter Inkasso-Heinzi, den "Tatort"-Zuschauer schon aus anderen Wiener Folgen kennen, unter Verdacht. Weil er in der Nähe des Tatorts beim Tanken gefilmt wurde, erklärt Inkasso-Heinzi, er sei auf dem Weg zur Zahnpflege gewesen. Die Kommissarin skeptisch: "Seit wann gehst du denn in Ungarn zum Zahnarzt?" Der arme Schlucker, in Anspielung auf die Krankenversicherungen im öffentlichen Dienst: "Ist ja nicht jeder in der BVA."

Der Song:

"In deiner Nähe" von Voodoo Jürgens. Schwülstig, seelenvoll, immer am Absturz entlangtänzelnd, so lieben wir unseren Voodoo. Das Vokuhila-Austropop-Wunderkind, das hier auch einen Cameo-Auftritt hat, liefert das perfekte Liebeslied für dieses Hawaiihemden-Halbwelt-Panoptikum.

Die Bewertung

8 von 10 Punkten. Abgesang auf den alten Wiener Rotlicht-Adel, der lustvoll eintaucht in diese halb verlumpte Dämmerwelt, ohne sich voyeuristisch an Nackedeis zu weiden.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Her mit der Marie!", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Europa! 14.10.2018
1. Wien, Wien, nur du allein (und Münster natürlich)
Wie immer wegen der Tontechnik kaum zu verstehen, aber wunderbar witzig und sogar noch romantisch. Sehr gelungen. Ein wunderbares Kontrastprogramm zum öden Polittalk auf allen Kanälen, der doch bloß darauf abzielt, dem armen Seehofer die Schuld an allen Übeln der Republik zuzuschieben.
d.r.c.b. 14.10.2018
2. Das wiener Genuschel...
... hat den ganzen Tatort verdorben. Das Thema und die Story waren super. Klasse Bilder auch und das Schauspiel hat gepasst. Trotzdem war ich nahe dran den Film zu wechseln. Zumindest kommt mir ab jetzt kein Tatort aus Wien mehr in die Flimmerkiste. Das hat mir gelangt.
foxpwn 14.10.2018
3. Sonderbar
Also zunächst mal war das Rotlicht Milieu nicht am Prater angesiedelt, sondern am Wiener Gürtel, aber das sei nicht-Wienern verziehen. Außerdem habe ich beim besten Willen keine Hommage an bessere Zuhälter Zeiten finden können. Trotzdem ein sehr sehenswerter Teil mit viel Lokalkolorit, der sich aber wie üblich mehr um die beiden Ermittler dreht als um den Fall. Habe mich aber auch schon oft gefragt ob die Zuschauer in ARD und ZDF überhaupt ein Wort verstehen...
TheFunk 15.10.2018
4. Im deutschen Fernsehen
Wäre ein Le deutsche Synchronisierung toll gewesen... teilweise habe och nichts verstanden. Weshalb heisst Inkasso Heinzi denn nun so? Die Rolle hat ihn als Deppen dargestellt... Schade. Und wo ist der Pontiac hin, auch eine "Nebenfluss"? unklar. Weshalb fährt Bibi eine Möhre und keinen vernünftigen Kleinwagen? Weshalb fängt sie wieder das Trinken an? Es wäre ihr gegönnt es nicht zu tun. Traurig, das Heinzi und Pico kein glücklicheres Ende beschieden war. Das hat den Tatort irgendwie kaputtgemacht.
transsib_reisen 15.10.2018
5. felix austria
Herrlicher Lokalkolorit. Dichte Handlung. Und auch noch spannend!
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