ARD-Sonntagskrimi Der neue "Tatort" aus Wien im Schnellcheck

Röhrende Autos, schmutziger Sex, billige Popmusik: Der aktuelle "Tatort" aus Wien ist hemmungslos schmuddelig. Herrlich.

ARD/ Petro Domenigg

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Das Szenario:

"Alles, was Sie sehen - ein Song!" Die Frau eines Musikmanagers macht eine ausladende Bewegung aufs Anwesen, um anzudeuten, dass der ganze Reichtum ganz allein auf den Tantiemen zu einem einzigen Lied fußt. Der Mann hat nichts mehr davon; er hängt nackt, tot, mit Gurt um den Hals in der Dusche, im Hintergrund auf dem riesigen Flachbildschirm läuft ein SM-Porno. Bei autoerotischen Spielen hat sich der Musikmanager selbst erwürgt. Oder es wurde nachgeholfen. Teure Drogen und billiger Pop, aufwendiger Sex und falsche Gefühle: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln in der Scheinwelt des Popgeschäfts, Castingshows inklusive.

Der zynischste Moment:

Im Hintergrund hängt der stocksteife Musikmanager in seinen Ledergurten, und Eisner und Fellner assoziieren sich fröhlich - Kung Fu! Schauspieler! Tarantino! - zu David Carradine, der 2009 ebenfalls bei einem autoerotischen Erstickungsspiel zu Tode gekommen ist.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Castingshows machen unsere Kinder kaputt? Nein, auf so eine simple volkspädagogische Stoßrichtung lässt sich dieser hemmungslos schmuddelige Austro-Krimi nicht festlegen. Dafür haben Eisner und Fellner viel zu viel Spaß an den bizarren Entdeckungen.

Eine Szene zum Niederknien:

Fellner erklärt, dass man vom Auto einer Person auf ihre Sexualität schließen könnte, grinst - und kommt am nächsten Tag mit dem flammenbemalten, röhrenden Pontiac ihres Freundes, des Zuhälters Inkasso-Heinzi, vorgefahren. Leider säuft der Wagen immer wieder ab - genauso wie die verzweifelten One-Night-Stands von Fellner.

Der Plausibilitätsfaktor:

Na ja. Die Anspielungen aufs Castinggewerbe sind schon sehr plump. Hier gibt es reichlich flotte Sprüche der Marke: "Gegen den ist Dieter Bohlen ein Ministrant!" Zudem wird der Eindruck vermittelt, zwischen Dino-Rock und Reißbrettpop hätte Österreich musikalisch nichts zu bieten - und das in einer Zeit, wo alle ganz verrückt sind nach Wanda und Bilderbuch.

Die Bewertung:

7 von 10 Punkten. Weil Moritz und Bibi hier so fesch drauflosphilosophieren über die Liebe und die Triebe.


"Tatort: Sternschnuppe", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



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insgesamt 11 Beiträge
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ernstrobert 07.02.2016
1. kein Kleinstaat
bevor er zu Ende ist - ich musste kurz mal an den PC, meine Frau hält die Stellung vor der Mattscheibe - hier vorab: eine sehr unterhaltsame Variante vom Tatort. Zum Glück gibt es die 'Weaner'. Intelligent und sehr witzig, vor allem stilvoll - daran mangelt es den Produktionen der deutschen Kleinstaats-sender: entweder plump ordinär oder naiv verkopft, stillos eben.
cafe-wien 07.02.2016
2. Ein bisschen Münster tut dem Wiener Tatort gut
Aber: Liebe Drehbuchautoren und Regisseure: Warum schreibt bzw. inszeniert Ihr die Figur Moritz Eisner jedesmal anders und neu? Jeder Autor, der für die Sesamstraße schreiben will, muss sich haarklein an die Vorgaben für die Charaktere halten. Und wenn er in seinem Drehbuch dagegen verstößt, war's das mit dem Drehbuch! Warum, um Himmels Willen, wird die Figur Moritz Eisner immer anders dargestellt?! Nein, das ist nicht jeweils eine neue Facette seines Charakters, das ist eine jeweils völlig andere Färbung des Charakters, die mit dem eingeführten Charakter nichts mehr zu tun hat. Beispiel: Das quasi Ausflippen Eisners, als er im Wagen der Bibi alte Rockmusik hört. Dieser Grad an direkter Emotionalität ist im Charakter Eisner einfach nicht angelegt. Man bekommt den Eindruck, dass Drehbuch und Regie die Figur missbrauchen, ja, vergewaltigen, weil sie einfach nicht in der Spur bleiben. Die Figur Bibi ist auch nicht als, pardon, dauerrammelnde Singledame eingeführt worden. Dieses Mal musste sie aber eine (gescheiterte) Affäre nach der anderen einräumen. Und was ist eigentlich mit der Tochter vom Moritz Eisner? Was ist mit dem Vorgesetzten vom Moritz Eisner? Wer ist dieser dauerquatschende Assistent der beiden? Usw. usf. Vorsicht, Drehbuchautoren und Regisseure: Der Wiener Tatort ist ein guter! Macht ihn nicht durch Leipziger Allerlei kaputt. Die köstlichen Dialoge zwischen Eisner und Bibi sind ein hörenswerter Anfang. Aber dann, bitte, nicht alles Andere hinten runter fallen lassen, ja?!
mac4me 07.02.2016
3. Ein bißchen...
...too much, aber sehr unterhaltsam. Herrlich, wie Bibi ihren Kollegen als Ehemann ausgibt und der dann mitspielt. War ansonsten wieder mal keine Werbung für Pontiac;-)
hanno achenbach 07.02.2016
4. Der schlechteste Wiener Tatort aller Zeiten.
Schade drum. Sonst sind sie soviel besser.
Susi Sorglos 07.02.2016
5. Köstlich !
Wien ist ein Stadtteil von Münster, nur charmanter ! Weiter so!
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