ARD-Sonntagskrimi Der Wien-"Tatort" im Schnellcheck

Eisner hört Miles Davis, Fellner kämpft gegen den Alkohol: Dieser Oldschool-"Tatort" um Waffengeschäfte und Journalistenmord kommt wie ein Cooljazz-Stück daher. Na ja, ein bisschen.

ARD Degeto/ ORF/ Cult Film/P etro D

Das Szenario:

Alte Schule, neue Feinde. Nachdem die Leiche einer Journalistin, die an einer Geschichte über Waffendeals recherchierte, im Auto aus dem Wolfgangsee gezogen wurde, sehen sich Fellner (Adele Neuhauser) und Eisner (Harald Krassnitzer) mit einem alten Fall konfrontiert: Es geht um den Tod eines ehemaligen Verteidigungsministers, der noch heute für Spekulationen sorgt. Die Spur führt zu den Kollegen der Inneren Sicherheit, wo inzwischen offenbar junge Leute auf dem Ticket der ÖVP/FPÖ-Koalition das Sagen haben.

Der Clou:

Die Ermittler werden hier als versehrte Veteranen ihres Fachs inszeniert, die es mit besonders feschen, kaltschnäuzigen Gegenspielern in den eigenen Reihen zu tun bekommen. Die Inszenierungstechniken - bedrohliche Bläserschwaden, lakonische Off-Kommentierung - sind die des Retro-Krimis, die ganz den älteren Ermittlern entsprechen. Eine Hymne an die alte Schule.

Das Bild:

Fellners und Eisners Chef zieht auf dem Dach des Reviers nervös an seiner neuen E-Zigarette. Früher hat er Kippe auf Kippe durchgezogen - das Elektrorauchen soll wohl ein Willkommensgruß an die neuen Zeiten sein, die der Oldie-Cop gekommen sieht.

Fotostrecke

8  Bilder
"Tatort" mit Fellner und Eisner: Gute alte Cop-Schule

Der Dialog:

Bei einer Schießübung zittern die Hände der trockenen Alkoholikern Fellner so stark, dass sie abbrechen muss. Eisner fragt, ob er helfen könne. Fellner: "Ich kann mir nur selbst helfen." Eisner: "Und wie?" Fellner: "Indem ich mir vorstelle, wie unwürdig es ist, wenn ich am Tresen in einer Bar Selbstgespräche führe. Oder wenn mich die Nachbarin im Stiegenhaus bewusstlos vor meiner eigenen Tür auf dem Boden findet. Oder wenn ich neben einem stinkenden Typen aufwache, den ich nicht kenne und der im Suff meine ganze Matratze vollgepisst hat."

Der Song:

"So What" von Miles Davis. Legt Eisner beim Aktenstudium auf, die Nadel des Plattenspielers knistert. Einfache Wahl, gute Wahl.

Die Bewertung:

8 von 10 Punkten. Ein "Tatort" wie ein Cooljazz-Stück, - na ja, ein bisschen. Läuft und läuft und läuft und nimmt auch Handlungssprünge mit schöner Lakonie. Oldschool rules.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Wahre Lügen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Korrektur: In einer vorherigen Version dieses Artikels schrieben wir, die Untersuchungen der Ermittler bezögen sich auf den Tod eines ehemaligen Innenministers. Tatsächlich ging es um einen ehemaligen Verteidigungsminister. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 14 Beiträge
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Dramaturgen-Frau 13.01.2019
1. Der Wiener Tatort als gutes Beispiel
Dafür z.B., dass man eine tragende und sympathische Rolle schaffen kann, indem man einen alten Sidekick auswechselt. Die Figur Bibi steht heute gleichberechtigt neben der Figur Eisner. Das gelang bisher kaum einem Tatort. Ansatzweise noch dem Kölner mit der Figur Jütte, die auch das Potential hat, Dick und Doof die Show zu stehlen. Andere sind damit kläglich gescheitert: z.B. der Borowski-Tatort der aktuellen Gegenwart. Es reicht eben nicht, einen phänotypischen Ersatz vor die Kamera zu werfen, liebe Casterinen und Redakteurinnen! In Ansicht der frühen Wiener Tatorte ist nur zu hoffen, dass die Figur Eisner wieder jene aggressive Sprödigkeit und jenes Dauergranteln bekommt, das sie mal hatte. Es gab nämlich eine Tendenz zur Indifferenz und zum Weichspülen dieser Figur in den letzten Wiener Tatorten. Dazu trüge vielleicht auch bei, mehr aus dem persönlichen Umfeld der Figur Eisner zu zeigen, denn niemand, der ernstzunehmen ist, will heute im Tatort Whodunits mit schlipstragenden Funktionsträgern à la Haferkamp, Ode oder Derrick sehen.
bosworth 13.01.2019
2. @1
Haferkamp, Der Kommissar und Derrick in einen Topf geworfen; das spricht nicht für Sachkenntnis. Aber so lange Sie allwöchentlich herzhaft über Casterinnen und Redakteurinnen schimpfen können....nun, jedem Tierchen sein Plaisierchen.
permissiveactionlink 13.01.2019
3. #1,Dramaturgen-Frau
Wieso ? Zumindest der Haferkamp (Hansjörg Felmy) hatte doch so eine nette und sympatische Ex-Ehefrau, von der er sich immer inspirieren ließ und sich letztlich doch nie wirklich trennen konnte. War das etwa kein privates Umfeld ? Bin mal gespannt, wie Fellner und Eisner auf das unvermeidlich neue berufliche Umfeld in Form von arroganten Kinnmuskelspannern, strammen Marschierern, und rechtsnational durchgeformten FPÖ-"Feschisten" der inneren Sicherheit reagieren. Mir tun die beiden jetzt schon leid !
Dramaturgen-Frau 13.01.2019
4. Sie müssen schon genau lesen, liebste Kollegin Clara
Zitat von bosworthHaferkamp, Der Kommissar und Derrick in einen Topf geworfen; das spricht nicht für Sachkenntnis. Aber so lange Sie allwöchentlich herzhaft über Casterinnen und Redakteurinnen schimpfen können....nun, jedem Tierchen sein Plaisierchen.
Es geht um schlipstragende Funktionsträger (letzter, resümierender Satz). Dafür habe ich einen Querschnitt altbackener Krimilegenden genannt. Aber wer die Künstlerprosa eines Godard für wissenschaftliche Erkenntnis hält, kann das wohl nicht wirklich verstehen, gelt?! Grüße aus dem Wiener Caféhaus ins Frankfurter Umland!
tschortpoberi 13.01.2019
5. Übrigens
In der Rangliste siedle ich die Frankfurter Tatorte ganz unten an, dicht gefolgt von der "Lena Odenthal".
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