ARD-Osterkrimi Der neue "Tatort" mit Heike Makatsch im Schnellcheck

Ego im Sturzflug: Zwei Jahre nach ihrem ersten Fall ist Heike Makatsch als bindungsgestörte Kommissarin Berlinger in Mainz zu sehen. "Tatort"-Auferstehung zu Ostern? Nicht wirklich.

SWR/ Julia Terjung

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Das Szenario:

Trübe fließt der Rhein, traurig arbeiten sich die Menschen aneinander ab. Die allein erziehende Ermittlerin Ellen Berlinger (Heike Makatsch) ist mit ihrer kleinen Tochter von Freiburg nach Mainz gezogen, um sich von der Cousine bei der Kinderbetreuung unterstützen zu lassen. Bei den aktuellen Untersuchungen gerät auch der Sohn der Cousine ins Visier der Polizei, ein 13-Jähriger mit hohem Intelligenzquotient und niedriger Sozialkompetenz. Er könnte eine Mitschülerin erschlagen haben. Ermittlerin Berlinger fühlt sich dem Jungen verbunden, weil sie selber ein gewisses Kontaktproblem hat: Ihre Tochter lässt sie sich vom Kindergärtner hinterhertragen, um dann mit dem jungen Mann in der Küche Sex zu haben. Nähe auf die harte Tour.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Über die Rolle der Kommissarin die Rolle der Mutter zu verhandeln. Das Hadern der Ermittlerin mit den Aufgaben, die ihr für ihr Kind zugewiesen werden, erinnert an Antonia Baums Bericht "Stillleben", der gerade erschienen ist. Eigentlich ein starker Ansatz, wie in diesem "Tatort" versucht wird, Geschlechterbilder aufzulösen: Die Frauen kümmern sich um Job und Weltdeutung, die Männer um Zärtlichkeit und Fürsorge.

Der ärgste Moment von Klugscheißerei:

"Weißt Du, wie die Liebe gemacht wird? Ich weiß, dass Oxytocin die Menschen für die Liebe bereit macht." So beschreibt der superschlaue 13-Jährige die Chemie zwischen den Menschen, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen durch das von ihm genannte Bindungshormon zusammenfinden.

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Makatsch-"Tatort": Rabenmutter trifft Intelligenzbestie

Der dürftigste Moment von Körperlichkeit:

Mit dem erwähnten Bindungshormon ist offensichtlich auch Ermittlerin Berlinger unterversorgt. Offensichtlich will sie etwas vom Kindergärtner, aber als der sich ihr nähert, schaltet sie auf Abwehrhaltung: Als ihr Handy klingelt und er es ausschalten will, damit die beiden ungestört sind, dreht ihm die Kommissarin im Kampfmodus den Arm nach hinten. Eine Annäherung in Alarmstellung, schwierig.

Der Plausibilitätsfaktor:

Leider gering. Trotz des starken Ansatzes in Sachen Geschlechterbilder: Der Fluchtinstinkt und die Arbeitssucht der Ermittlerin bleiben Behauptung; so wie sie nur schwer eine Bindung zu ihrem Kind aufbauen kann, ergeht es auch dem Zuschauer im Verhältnis zu Berlinger - die Figur ist eher Idee als wirklicher Charakter.

Die Bewertung:

4 von 10 Punkten. "Tatort"-Auferstehung zu Ostern? Nicht wirklich. Nachdem der erste "Tatort" mit Heike Makatsch vor zwei Jahren in Freiburg spielte, wurde die TV-Ermittlerin zwangsversetzt, da der SWR in der Zwischenzeit ein anderes Schwarzwald-TV-Revier eröffnet hat. Nun arbeitet Makatsch in jener Stadt, wo Nicole Heesters Ende der Siebzigerjahre als erste "Tatort"-Kommissarin überhaupt im Einsatz war. Dreimal nur trat Heesters als Ermittlerin in Erscheinung; kaum anzunehmen, dass es bei Makatsch mehr Folgen werden. Was im Drehbuch als schwierige Annäherung zwischen einsamen Menschen angelegt gewesen sein mag, wird zum Egotrip.


"Tatort: Zeit der Frösche", 20.15 Uhr, Ostermontag (!), ARD

insgesamt 33 Beiträge
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poetnix 02.04.2018
1. Ach wie aufregend
Ein neuer Pistolenfuchtler-Krimi. Wie aufregend ! Das einzig spannende wird wie immer sein, ob die Leiche im Keller, im Wald, oder im Wasser liegt. Ich tippe auf den Rhein, oder nach einer Karnevalssitzung unterm Tisch.
horkini 02.04.2018
2. Alternativen
zu Kapitalverbrechen gibt es genug! Raub, Einbruch, Wirtschaft, Steuer, (Straßen-)Verkehr. Macht doch mal was wirklich Neues!
emobil 02.04.2018
3.
Zitat von poetnixEin neuer Pistolenfuchtler-Krimi. Wie aufregend ! Das einzig spannende wird wie immer sein, ob die Leiche im Keller, im Wald, oder im Wasser liegt. Ich tippe auf den Rhein, oder nach einer Karnevalssitzung unterm Tisch.
wieder mal eine Kritik, bevor man eine einzige Szene gesehen hat. Wie aufregend!
daniel79 02.04.2018
4.
Waren die Tatorte schon immer so zwanghaft gesellschaftskritisch? Ich kann mir das nicht mehr ansehen, wenn ich danach jedes Mal total bedrückt zurückbleibe. Hiobsbotschaften und Ende-der-Welt Szenarien gibt es auch so schon genug.
shaboo 02.04.2018
5. Wenn eine der Kategorien, ...
... mittels derer SPON regelmäßig über die Tatorte berichtet, schon "der gesellschaftspolitische Auftrag" lautet, dann weiß man sofort, was in unserer zwangsfinanzierten Fernsehlandschaft falsch läuft. Einfach furchtbar, wie man es in diesem unserem Lande schafft, sich selbst bei Themen wie Humor oder Unterhaltung stets bierernst und pseudo-anspruchsvoll zu gerieren. Für mich als Mittvierziger ist es eine immer wieder deprimierende Erkenntnis, dass sich Reformstau bei uns niemals durch Einsicht oder demokratischen Konsens auflöst, sondern schlicht und einfach nur dadurch, dass ganze Generationen erst mal wegsterben müssen, um Platz für neues Denken zu machen. Arme Jugend!
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