Neonazi-"Tatort" aus Dortmund BVB, braungelb

Neonazis unter Fußball-Hooligans, hilfsbereite Faschos bei der Omi nebenan: Ermittler Faber bricht im "Tatort" zum Exkurs in den unübersichtlichen braunen Sumpf Dortmunds auf.

ARD

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Früher war alles einfach. Glatze, Springerstiefel, NS-Firlefanz an der Bomberjacke, schon war der Neonazi identifiziert. Heute ist es ein bisschen komplizierter.

Der nette blonde junge Mann mit längeren Haaren, Käppi und Ohrringen, der der alten Dame die Einkaufstüten hochträgt, könnte glatt auch aus dem Antifa-Milieu stammen - wenn man sich seine Badges an der Mütze nicht genauer ansehen würde, die eine stramm rechte Gesinnung anzeigen. Die gepiercte Erzieherin im Kindergarten ginge auch als alternative Hausbesetzerin durch - solange sie nicht den Mund aufmacht und gegen "Türken-Fotzen" wettert. Und der junge Germanistik-Student mit Popperscheitel wirkt wie ein redlich besorgter Bürgersohn - solange man nicht in die Kammer mit völkischem Kunsthandwerk schaut, das er über das Internet vertreibt.

Auf den ersten Blick erscheint die Welt, in die sich Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) mit seinem Team im neuen Dortmunder "Tatort" begibt, recht freundlich: Es geht um eine rechtsextremistische Gruppierung, die sich "Nationale Soziale" nennt und deren Mitglieder kultiviert, kritisch und bürgernah auftreten. Man organisiert Veranstaltungen, auf denen darüber debattiert wird, wie Dortmund endlich seine Schulden abbauen kann; wer will dagegen etwas sagen.

Mal abgesehen davon, dass die Neurechten am Ende doch immer wieder auf den einen Lösungsvorschlag kommen: "Ausländer raus!"

Good Cop versus Türken-Cop

Es braucht nicht viel, dann bricht der Hass durch die bürgerliche Fassade. So bindet Kommissar Faber seine türkische Kollegin Nora Dalay (Aylin Tezel) in eine riskante Ermittlungsstrategie ein: Er kitzelt mit der Anwesenheit der türkischstämmigen Polizistin den Fremdenhass hervor, um danach Verständnis für die Verhörten vorzuspielen und so Informationen bei ihnen abzusaugen.

Der Anführer der "Neuen Sozialen" wurde ermordet. Und während Faber und Dalay bei den Untersuchungen ihre Good-Cop/Türken-Cop-Masche durchziehen, rückt Kollege Kossik (Stefan Konarske) seinem Bruder Tobias (Robert Stadlober) auf die Pelle, dem schwarzen Schaf der Familie, der im rechten Milieu eine zweifelhafte Heimat gefunden hat.

Wie sich herausstellt, fädelte der Ermordete kurz vor seinem Tod gerade ein Bündnis mit einer Gruppierung namens "Dorstfelder Front" ein, einem Haufen Neonazis, die Wohnungen und Körper mit SS-Runen vollkritzeln und auch sonst alle Kriterien stumpfer Skinheads erfüllen. Gab es Zoff zwischen den Neu- und den Altrechten?

Mit wachem Blick durch den braunen Sumpf

Mit feiner Sensorik spüren die Verantwortlichen dieses "Tatorts" (Regie: Nicole Weegman, "Es ist alles in Ordnung", Buch: Jürgen Werner) den aktuellen Strömungen am rechten Rand nach. Die neuen Bündnisse zwischen Neonazis und Fußball-Hooligans oder das unübersichtliche Zeichensystem der "Autonomen Nationalisten" kommen hier ebenso vor wie der Fremdenhass im Mantel bürgerlicher Besorgtheit, so wie sie bei der Pegida-Bewegung und ihren Montagsdemos zutage tritt. Ein "Tatort", der höchste Aufmerksamkeit einfordert.

Zumindest am Anfang. Denn leider wird dieser Blick auf die komplizierte, sich verschiebende Emblematik im hell- bis dunkelbraunen Borussen-Revier nicht über die gesamte "Tatort"-Episode durchgehalten. Vielleicht hatten die Verantwortlichen Angst, man könnte ihnen vorwerfen, nicht eindeutig genug die Bösen zu benennen.

Auch die V-Mann-Problematik, die am Ende dieses Neonazi-Krimis angerissen wird, wird mit arg dickem Stift nachgezeichnet. Die Folge "Odins Rache", 2004 von "Berlin Calling"-Regisseur Hannes Stöhr für den WDR und den Kölner "Tatort" inszeniert, bleibt in der Durchleuchtung der schizophrenen Aspekte dieses Themas unerreicht.

Trotzdem: So tief ist schon lange kein TV-Krimi mehr durch den braunen Sumpf gewatet. Angesichts der traurigen Lage werden wohl weitere Filme zum Thema folgen müssen.


"Tatort: Hydra", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
Timo Schöber 09.01.2015
1. Traurig
Die Thematik ist sehr aktuell - leider und sehr traurig. (Ich fühle mich aber unwohl dabei, dass ausgerechnet mein geliebter BVB dafür herhalten muss.)
z._de_la_rocha 09.01.2015
2.
Geliebt oder nicht, aber es ist ja keine zufällige Wahl. Es ist ja kein Geheimnis, dass bei diesem Verein das größte braune Potenzial der Bundesliga zu finden und beobachten ist.
Diskutierender 09.01.2015
3. Sportliche Lösung
Zitat von z._de_la_rochaGeliebt oder nicht, aber es ist ja keine zufällige Wahl. Es ist ja kein Geheimnis, dass bei diesem Verein das größte braune Potenzial der Bundesliga zu finden und beobachten ist.
Und genau deswegen hoffe ich auch inständig, dass sich möglicherweise dieses Problem in der Bundesliga auf sportliche Art löst.
planet2 09.01.2015
4. Warum ?
Es kann nicht sein,und aus diesem Grund sollte dieser Tatort nicht angeschaut werden. Und die Ursache sollte bekannt sein.
Attila2009 09.01.2015
5.
Zitat von Timo SchöberDie Thematik ist sehr aktuell - leider und sehr traurig. (Ich fühle mich aber unwohl dabei, dass ausgerechnet mein geliebter BVB dafür herhalten muss.)
Es ist doch wohl aber auch klar dass dies ein gestellter frei erfundene Film ist und keine Doku ? Wir sind manchmal bissel leichtgläubig was im TV kommt. Damit bestreitet keiner dass es Neonazis im BVB Fanlager gibt, die sind überall.
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