Franken-"Tatort" über Fremdenhass Im finstren Herzen von Gau-Land

Ein libysches Geschwisterpaar wird ermordet - die Spur führt die "Tatort"-Ermittler zu einem rechten Stimmungsmacher, der an eine reale AfD-Spitzenkraft erinnert. Düster-Krimi aus Dunkeldeutschland - stark!

BR/ Felix Cramer

Von


Er sieht aus wie eine ungekämmte Version von Alexander Gauland. Der Mann, der am Ende dieses "Tatort" eine jämmerliche Rede hält, sitzt zwischen Bücherstapeln und Statuen in seinem heruntergekommenen Eigenheim und klagt über die Dummheit der Handlanger in der vom ihm angeführten lokalen rechten Vereinigung. Ein Wutbürger, malad von der Wut, die er selbst schürt.

Das ist eine Stimmung, die ja auch in Interviews mit dem realen, sich bildungsbeflissen aufführenden Alexander Gauland immer wieder durchschimmert. Im "Tatort" schaut sein Wiedergänger (Hansjürgen Hürrig), ein pensionierter Gymnasiallehrer mit Nähe zum rechtsextremen Rand, nun Gauland-mäßig über die Lesebrille und schwadroniert mitleidheischend: "Wir sind umgeben von kleinen hasserfüllten Kreaturen, die nicht mal ihr Fressen wert sind. Dumm, primitiv, überflüssig. Ich habe solche Menschen nie gemocht. Wissen Sie, Dummheit, die sich aufgerufen fühlt, ist unbesiegbar."

Das Interessante ist: Der alte kranke deutsche Mann klagt sein Leid ausgerechnet einem jungen hochbegabten libyschen Maschinenbaustudenten, der zuvor die Gewalt zu spüren bekommen hat, zu der der andere angestachelt hat. Der Junge hat durch einen Gewaltakt einen Großteil seiner Familie verloren; im Verdacht stehen auch Schläger aus dem Umfeld des Lehrers.

Fotostrecke

12  Bilder
"Tatort" aus Nürnberg: Nichts ist fremder als die eigene Familie

Der Hetzer, der beim Gehetzten Zuspruch sucht, was für ein irritierender und ironischer Moment. Und dieser außergewöhnliche, bis über die Schmerzgrenze hinaus ambivalente "Tatort" ist voll von solchen Momenten. Immer wenn das Publikum im Laufe der Ermittlungen glaubt, dass es die Figuren und Frontverläufe eingeordnet hat, gibt es grausame Wendungen. Manchmal auch grausam komische.

Erschlagen mit Betonstahlstangen

Dabei beginnt der "Tatort" als klassischer Fremdenhass-Krimi: In einem maroden Haus am Rande von Nürnberg wird ein älteres libysches Geschwisterpaar mit Betonstahlstangen erschlagen. Die Untersuchungen von Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) kreisen bald um zwei Familien: um die der Toten, zu der der Ziehsohn Ahmad (Josef Mohamed) zählt, der vorzeige-integrierte Maschinenbaustudent. Und um die des ausgebrannten Polizisten Leitner (André Hennicke), der unter Psychopharmaka steht und in dessen Haus Stapel von Büchern und Untersuchungen zu von Migranten begangenen Straftaten lagern.

Das am Anfang so plakative Szenario von rechter Gewalt gegen Flüchtlinge entwickelt sich zum doppelbödigen Drama zweier Familien mit durchlässigen Grenzen. Immer wieder schlägt die Handlung eine unvorhergesehene Richtung ein, immer wieder offenbaren Charaktere unerwartete Wahrheiten, die den Blick auf das Geschehen verändern und schärfen.

Dieser "Tatort" entwickelt seine Wucht über eine Reihe kluger Konfrontationen. Die Dialoge gehören zu den besten, die man in jüngster Zeit in der Krimireihe gehört hat; auf abgeschmackte Good-Cop-Bad-Cop-Spiele wird verzichtet. Und zum Glück auch auf Undercovereinsätze. In der vorigen Episode hatte sich Kommissar Voss ja mit tschetschenischen Wurstwaren in eine Flüchtlingsunterkunft einschleusen lassen, um dann mit lustigem Akzent unter Migranten-Stereotypen zu ermitteln. Ein Gesellschaftskrimi, der seine Empathie wie ein Bauchladen vor sich hertrug und sie doch nicht verkauft bekam.

Einweihungsparty mit exzessiver Zärtlichkeit

Das ist nun in der Episode "Ich töte niemand" anders. Regisseur und Autor Max Färberböck und Co-Autorin Catharina Schuchmann haben schon die erste "Tatort"-Folge aus Franken inszeniert, damals brachten sie einen heiter-erotischen Tonfall in den Krimi. Den schlagen sie dem düsteren Thema zum Trotz auch jetzt an.

Etwa als zwei Kommilitoninnen in kaum verhohlenem Verliebtsein über den muslimischen Musterstudenten sprechen. Oder als der schon vor drei Jahren nach Nürnberg gezogene Kommissar Voss endlich eine Einstandsparty feiert, bei der das angetrunkene Kollegium die Räumlichkeiten mit entfesseltem Geknutsche einweiht.

Und doch führt der Fall direkt ins Zentrum von Wut-Deutschland, ins finstre Herz von Gau-Land. Das diffuse Gefühl der Bedrohung durch "Fremde", das der erwähnte rechte Einpeitscher schürt, führt in diesem "Tatort" dazu, dass sich Familien selbst zerlegen. Nach und nach fallen die Fassaden im gut- und wutbürgerlichen Ambiente. Die Fremden, das sind hier Nachbarn und Ehepartner.

Bewertung: 9 von 10 Punkte


"Tatort: Ich töte niemand", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.