Sniper-Krimi aus der Schweiz Dum-Dum-Geschosse im Dumm-Dumm-"Tatort"

Böser Sniper, lieber Sniper: Die "Tatort"-Saison beginnt mit einer Schweizer Episode, in der ein bisschen zu viel Verständnis für einen Heckenschützen mit Rachegelüsten gezeigt wird.

ARD

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Unten leuchtet Luzern, oben armleuchtern die Kommissare. Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) schauen von einem Hügel aufs nächtliche Luzern, wo ein Sniper sein Unwesen treibt, und machen sich so ihre Gedanken. Sie: "Irgendwo da unten ist er." Er: "Letztendlich haben wir den ganzen Scheißdreck der neuen Strafprozessordnung zu verdanken. Müssten wir so lange auf Gerechtigkeit warten, würden wir vielleicht auch mal irgendwann die Nerven verlieren." Worauf sie leise seufzt: "Stimmt."

Selbstjustiz, menschlich gesehen: Das ist das Problem dieses Schweizer "Tatorts", der sich einerseits knallhart modern gibt, sich andererseits aber in seinem watteweichen Verständniswillen an seinen schwierigen Themen verhebt. Denn hier wird die Reform der Schweizer Strafprozessordnung aus dem Jahr 2011, die zur Verschleppung bei der Strafverfolgung führte, mit der Figur des aus dem Jugoslawienkriegs übrig gebliebenen Heckenschützen verknüpft.

Wobei: Der Sniper im "Tatort", dessen Identität gleich am Anfang geklärt wird, ist Schweizer Herkunft. Simon Amstad (Antoine Monot jr., "Absolute Giganten"), ein freundlicher bärtiger Handwerker, muss mitansehen, wie seine Frau an den Folgen einer Vergewaltigung zerbricht. Nun schwingt er sich zum Rächer aller Opfer auf, die aufgrund der zähen Strafverfolgung in Luzern vergeblich auf Gerechtigkeit warten.

Verletzte Seelen, eiskalte Killer

Mit Dum-Dum-Geschossen, wie sie im Balkankrieg von Heckenschützen benutzt worden sind, erschießt der sympathische Bär aus seinem aufgerüsteten Lieferwagen mutmaßliche Vergewaltiger und Verkehrschaoten. Waffentechnisch inspirieren ließ er sich von seinem serbischen Freund Simic (Misel Maticevic, "Hotte im Paradies"), der bereits im Alter von 17 Jahren dazu verdonnert wurde, als Sniper im Jugoslawienkrieg Menschen aus dem Hinterhalt zu erschießen, und der nun versucht, in Schweizer Therapieeinrichtungen trotz dieser Schuld ins Leben zurückzufinden.

Verletzte Seelen, eiskalte Killer: Die gewollte Komplexität der beiden Charaktere ist so verquer erzählt, dass sich die beiden eigentlich großartigen, in der Regel zu jeder Doppelbödigkeit bereiten Darsteller Monot jr. und Maticevic komplett darin verlieren.

Da hilft es auch nicht, dass die Filmemacher (Regie: Florian Froschmayer, Buch: Urs Bühler) in "Ihr werdet gerichtet" reichlich psychologisches und juristisches Erklärwerk auffahren. Schön, dass der Zuschauer nach diesem "Tatort" weiß, was eine posttraumatische Verbitterung ist. Interessant auch, dass der bundesdeutsche Zuschauer jetzt darüber informiert ist, dass das Schweizer Justizsystem das Gegenteil eines Schweizer Uhrwerks darstellt.

Wie hier seufzend und süßlich, menschelnd und melancholisch hintenrum Verständnis für Lynchjustiz eingefordert wird, das stößt aber doch unangenehm auf.

Wertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Ihr werdet gerichtet", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Seite 1
Bueckstueck 04.09.2015
1. Nein. Sag bloss!
Bei SPON werden Tatorte verrupft - das gabs ja noch nie! Meist sind sie dann doch richtig gut, weil völlig falsch verstanden...
tombrok 04.09.2015
2.
Nein, sag bloß, bei SpOn gibt es Foristen, die mantraartig darauf hinweisen, dass von SpOn verrissene Tatorte gerade deshalb sehenswert sind.
Thomas Schnitzer 04.09.2015
3.
Nicht dass man nachher noch den Eindruck bekommt, dass ein Verriß ungeachtet seiner Herkunft meist bedeutet, dass es sich um einen für normale Menschen guten bis sehr guten Film handelt, weil die Ansprüche des Feuilletonisten eben gerade nicht erfüllt werden. Ist dem offensiv-intellektuellen Menschen doch nichts wichtiger als Tiefgründigkeit, während der schöde Normalmensch sich mit solchen Profanitäten wie Unterhaltung und solider Action zufrieden gibt...
Tiberias 04.09.2015
4. Der Schweizer Tatort...
...ist seit jeher Tatort zum Abgewöhnen. Allein die beiden Schnarchzapfen-Kommissare erinnern mich immer an zwei Lavalampen, die sich zähflüssig durch die Landschaft bewegen. Dialoge wie aus dem Seniorenstift, dämlich konstruierte Handlungen und dann auch noch dieses erbärmliche Schwitzer-Dütsch. Ich frage mich, warum die Elite-Schweizer sich überhaupt an der Tatort-Serie der bösen Deutschen beteiligen. Sollen Sie doch einen eigenen Ableger gründen, sowas wie "Tatörtli", wo weltbewegende Themen wie Kuhdiebstahl oder der Vertrieb gefälschter Billiguhren aus China behandelt werden. Dann müsste man sich das als deutscher Fernsehzuschauer auch nicht mehr antun.
h.hass 04.09.2015
5.
Zitat von Tiberias...ist seit jeher Tatort zum Abgewöhnen. Allein die beiden Schnarchzapfen-Kommissare erinnern mich immer an zwei Lavalampen, die sich zähflüssig durch die Landschaft bewegen. Dialoge wie aus dem Seniorenstift, dämlich konstruierte Handlungen und dann auch noch dieses erbärmliche Schwitzer-Dütsch. Ich frage mich, warum die Elite-Schweizer sich überhaupt an der Tatort-Serie der bösen Deutschen beteiligen. Sollen Sie doch einen eigenen Ableger gründen, sowas wie "Tatörtli", wo weltbewegende Themen wie Kuhdiebstahl oder der Vertrieb gefälschter Billiguhren aus China behandelt werden. Dann müsste man sich das als deutscher Fernsehzuschauer auch nicht mehr antun.
Nicht zu vergessen die kultverdächtigen Namen: Liz Ritschard und Reto Flückiger! Hoffentlich wird bald geheiratet, denn ich möchte hören, wie sich der Ermitter bei einem Verdächtigen so vorstellt: "Guten Tag - Reto Ritschard-Flückiger von der Kantonspolizei!"
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