"Tatort"-Star Mehmet Kurtulus: "Digger, sehe ich etwa gekränkt aus?"

Der "Tatort" als Kulturkampf: Mehmet Kurtulus drehte in Hamburg die grimmigsten Fälle der Krimi-Reihe. Im Interview spricht der unbequeme Star über den Abschied von der Elbe, den Fluch der Quote und die Blender und Beamten des deutschen Fernsehgeschäfts.

Mehmet Kurtulus: Deutsch-türkische Schauspieler-Ikone Fotos
DPA

An der Elbe. Ein winziger Schlepper versucht ein riesiges Containerschiff in einen Seitenarm zu manövrieren, zig kleine Boote düsen über den Fluss, Mehmet Kurtulus seufzt bei jedem einzelnen. In der Nacht ist er aus seiner neuen Wahlheimat Los Angeles nach Hamburg eingeflogen, wo er 15 Jahre seines Lebens verbracht hat. Am Abend wird in einer schon seit Wochen ausverkauften Kinosondervorstellung sein letzter "Tatort" gezeigt, danach werden ein paar Gläser mit den alten Freunden geleert. Jetzt schaut Kurtulus rauchend aufs Wasser und macht einen ziemlich glücklichen Eindruck.

SPIEGEL ONLINE: Na, Herr Kurtulus, nostalgisch?

Kurtulus: Klar. Der Hafen vor uns. Hammer. Alle drei Städte in meinem Leben sind Hafenstädte. Istanbul ist genau wie Hamburg, du hast das Gefühl, du kannst die Schiffe auf dem Bosporus anfassen, so wie hier. Los Angeles ist in der Beziehung anders: Der Hafen ist so weit weg und man sieht kaum die Schiffe. Aber Los Angeles ist Los Angeles. Keine wirkliche Stadt, sondern eher ein babylonischer Zustand.

SPIEGEL ONLINE: Klingt anstrengend. Wieso sollte man da leben, wenn man tagsüber in der Sonne an der Elbe liegen und abends in der Schanze gemütlich ein paar Bier trinken kann?

Kurtulus: Weil dort meine Freundin (Désirée Nosbusch, Anm. d. Red.) wohnt, mit der ich morgens zusammen aus dem Haus gehen möchte, um abends dort wieder heimzukommen, ist doch klar. Wir verleben dort mehr Zeit. Das war aus der Ferne streckenweise nicht einfach, aber ich bin froh, dass wir es geschafft haben.

SPIEGEL ONLINE: Am Sonntag läuft der letzte Hamburger "Tatort" mit Ihnen, Sie haben den Vertrag nach drei Jahren und sechs Folgen nicht verlängert. Waren die Drehs wirklich so aufreibend, wie man hört?

Kurtulus: Teilweise schon. Bei fast jeder Folge gab es ein neues Team. Dazu kamen noch etliche Wechsel von Produzenten, Redakteuren und sogar Fernsehspielchefs. Dabei den Spirit der Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren, war nicht einfach. Bei jedem Dreh hieß es: zurück auf Los. Ein Head-Autor wäre toll gewesen, der die gesamte Entwicklung überwacht und koordiniert.

SPIEGEL ONLINE: So wie es bei amerikanischen Serien der Fall ist?

Kurtulus: Ja, wobei ich für Deutschland keine amerikanischen Verhältnisse fordere. Da muss man realistisch bleiben. Es gibt Unterschiede, die sollte man nicht verleugnen, sondern nutzen. In Deutschland steht für die Produktion von Serien und Filmen im Verhältnis nicht viel Geld zur Verfügung. Wir haben nicht wie in den USA fünf Millionen Euro für die Pilotfolge einer Serie, bei uns kostet selbst ein "Tatort" nur um die 1,3 Millionen. Aber was wir haben, ist Zeit. Die wird allerdings nicht oft genutzt. Sehen Sie, wir haben 2007 mit der Produktion des Hamburger "Tatort" angefangen. Schon damals war die Idee auf dem Tisch, einen Film zum 11. September zu machen, aber die leider nicht kontinuierlich weiterverfolgt wurde, deshalb wurde sie dann 2011 beinahe aus dem Stegreif umgesetzt. So was erfordert unglaublich viel Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Ohne die schlechten Bedingungen romantisieren zu wollen: Diese Kraftanstrengung hat sich doch in alle Ihre "Tatorte" positiv eingeschrieben. Wut, Wucht und Unbedingtheit sind in jeder Minute zu spüren.

Kurtulus: Klar, jeder gute Film ist ein Kraftakt. "Kurz und schmerzlos" kam mir und Regisseur Fatih Akin teilweise lang und schmerzvoll vor. "Gegen die Wand" später genauso, da war ich als Co-Produzent noch ein bisschen näher dran. Da sind wir an Grenzen gegangen. Aber innerhalb eines professionellen Systems wie dem Fernsehen sollte man in der Lage sein, effizienter mit seinen Kräften hauszuhalten. Mit ein wenig Sorgfalt im Vorfeld macht das Filmemachen doch noch mehr Spaß, da sonst die Zeit gegen einen spielt.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie genau?

Kurtulus: Zum Beispiel eine klassische Szene bei den Vorbereitungen zu einem deutschen Film: Man hat eine Frage zu seiner Rolle an den Regisseur - und der antwortet einem, das kläre man dann "am Set". Das ist sehr frustrierend, denn es fehlt dazu die Zeit. Beim Dreh sollten solche Dinge doch längst geklärt sein, um sich aufs Spielen konzentrieren zu können.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie mit dem "Tatort" weitergemacht, wenn die Bedingungen andere gewesen wären?

Kurtulus: Schwer zu sagen. Möglicherweise. Mit einem dicken Fragezeichen. Allerdings habe ich nicht mit dem NDR gepokert. Der Vertrag lief aus, der NDR wollte verlängern, der stand geschlossen hinter mir, aber meine persönlichen Umstände ließen mich gegen die Vertragsverlängerung entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Die Quoten waren im Vergleich zu anderen "Tatorten" eher bescheiden. Aus NDR-Kreisen heißt es, Sie seien auch ein wenig gekränkt über die mangelnde Zuschauerresonanz gewesen...

Kurtulus: Digger, sehe ich etwa gekränkt aus? Sag mal ganz ehrlich. Die Quoten waren während des kreativen Prozesses nicht wichtig. Als öffentlich-rechtliche Reihe geriet für den Gebührenzahler die Qualität ins Fadenkreuz. Es galt den Sendeauftrag zu erfüllen. Ich empfinde es als einen tollen Erfolg, dass sieben Millionen stetig einen Undercover-Ermittler folgten, der jedesmal sein Aussehen ändert und auf den ersten Blick nicht viel Identifikationsmöglichkeiten bietet. Dazu haben wir das heilige "Tatort"-Prinzip, nach dem es in den ersten zehn Minute eine Leiche geben muss, auf den Kopf gestellt. Gleich in der ersten Folge kam sie 'ne Stunde zu spät.

SPIEGEL ONLINE: NDR-Fernsehspielchef Christian Granderath sagte, das deutsche Fernsehpublikum sei offensichtlich noch nicht reif für einen türkischen Kommissar. Glauben Sie das auch?

Kurtulus: Das wäre traurig. Aber man muss auch feststellen, dass in zehn Prozent aller hiesigen Haushalte Leute mit ausländischer Herkunft leben - bei der Quotenermittlung aber werden diese gar nicht berücksichtigt. Aber weshalb sich die öffentlich-rechtlichen Sender überhaupt um Quoten scheren, weiß ich nicht. Darüber sollte die gebührenfinanzierte ARD doch eigentlich erhaben sein.

SPIEGEL ONLINE: Die ARD - ein Verein von Angsthasen?

Kurtulus: Nein, ich habe auch wirklich mutige Entscheider kennengelernt. Unser Programmdirektor Volker Herres etwa versicherte mir von Anfang an: Mehmet, Du bist nicht für die Quoten zuständig, wir wollen mit Dir neue Wege gehen, wir wollen mit Dir dem "Tatort" ein neues, junges Publikum erschließen. Und ich traf später Leute, die mir sagten, dass sie erst durch uns mit dem "Tatort"-Gucken angefangen haben. Das war doch ein cooler move von Herrn Herres.

SPIEGEL ONLINE: Fehlt Ihnen eigentlich nach dem Abgang vom "Tatort" nicht die große Aufgabe?

Kurtulus: Viele Freunde aus dem Film- und Fernsehgeschäft haben gesagt, ich sei verrückt, so eine Sicherheit aufzugeben. Meine engen Freunde haben mich allerdings verstanden. Die fanden die Entscheidung richtig, den "Tatort"-Job hinter mir zu lassen - auch ohne zu wissen, was danach kommt. Das hat mich sehr gefreut. Hierzulande herrscht ein sonderbares Sicherheitsdenken, man muss immer was in petto haben und so tun, als ob man ganz viele Angebote hat. Das Film- und Fernsehgeschäft wird zum Teil von Blendern und Beamten bestimmt. Ich bin gerade 40 geworden, ich liebe das Risiko, ich bin neugierig und möchte mich weiterentwickeln. Mein Vater, ein weiser Mann, sagte früher immer zu mir: Jeder, der wirklich etwas will, findet in der Welt seinen Platz. Für solche Sprüche liebe ich meinen Dad.

Das Interview führte Christian Buß


"Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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1. Vokabular
pianoman38 04.05.2012
Was bedeutet nochmal das Wort 'Digger' ?
2. Mann...
tristram175 04.05.2012
Zitat von pianoman38Was bedeutet nochmal das Wort 'Digger' ?
Alder!! Wie in Ey Alder!
3.
eduardschulz 04.05.2012
Zitat von sysopDer "Tatort" als Kulturkampf: Mehmet Kurtulus drehte in Hamburg die grimmigsten Fälle der Krimi-Reihe. Im Interview spricht der unbequeme Star über den Abschied von der Elbe, den Fluch der Quote und die Blender und Beamten des deutschen Fernsehgeschäfts. "Tatort": Interview mit Mehmet Kurtulus zu seiner letzten Episode - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,830904,00.html)
Der scheint ja in Wirklichkeit genau so wie der Batu zu sein. Der coole, mit "stählernem" Blick in die Kamera schauende Batu mimt den unabhängigen, lockeren Kurtulus. Oder war's andersrum? Nein, passt schon.
4.
Latitudinarian 04.05.2012
... "Und ich traf später Leute, die mir sagten, dass sie erst durch uns mit dem "Tatort"-Kucken angefangen haben". «"Tatort"-Kucken»!? Das dürfte doch eigentlich nicht passieren. Das ist ja peinlich!
5. was
derivo 04.05.2012
Zitat von Latitudinarian... "Und ich traf später Leute, die mir sagten, dass sie erst durch uns mit dem "Tatort"-Kucken angefangen haben". «"Tatort"-Kucken»!? Das dürfte doch eigentlich nicht passieren. Das ist ja peinlich!
was ist peinlich? tatort-gucken, tatort in tueddelchen oder 'kucken'? Zwiebelfisch-Abc: gucken/kucken - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,317866,00.html)
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Zur Person
Mehmet Kurtulus, geboren 1972 im türkischen Usak und aufgewachsen in Salzgitter, ist einer der prominentesten deutsch-türkischen Schauspieler. Sein Durchbruch gelang ihm 1998 in "Kurz und schmerzlos" von Fatih Akin - mit dem er 2004 auch "Gegen die Wand" drehte. Der Film gewann auf der Berlinale den Goldenen Bären. Ab 2007 drehte Kurtulus als Undercover-Ermittler Cenk Batu sechs Episoden des Hamburger "Tatort". Weitere Filme: "Der Tunnel" (2001), "Nackt" (2002), "Eine Liebe in Saigon" (2005), "Vasha" (2009), "Transfer" (2010). Kurtulus dreht in der Türkei, Deutschland und anderen europäischen Ländern. Zurzeit lebt er in Los Angeles.