Killerpärchen im Köln-"Tatort" Sex mit Waffen

Bonnie und Clyde in einer Kölner Plattenbausiedlung: Schenk und Ballauf jagen ein Pärchen mit Mörder-Lust und Mörder-Frust. Trotz etwas aufdringlicher Filmzitate - starke kranke Romanze.

WDR/ Thomas Kost

Von


Was für ein schönes Pärchen. Sie eine notorische Lügnerin aus reichem Haus, er ein geprügelter Hund aus der Plattenbausiedlung, der es gewohnt ist, Peiniger mit Gewalt aus dem Weg zu räumen. Jetzt rammt Adrian (Rick Okon) dem Stiefvater von Laura (Ruby O. Fee) ein riesiges Küchenmesser in den Bauch, weil das Mädchen behauptet hat, der Alte habe sie vergewaltigt.

Ausgangspunkt für eine Flucht, die von dem verliebten und verstrahlten Pärchen gar nicht so empfunden wird. Es gibt einen weiteren Toten, als der Junge versucht, Geld aufzutreiben. Es gibt Sex an ungewöhnlichen Orten. Kommissar Schenk (Dietmar Bär) und Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt) sammeln lakonisch Leichen und liegen gebliebene Damenslips ein.

Bald fragt der eine Cop den anderen: "Meinst Du, die machen auf Bonnie und Clyde?" Das sieht zumindest der verfolgte Junge, filmkundlich ebenfalls bewandert, ein wenig anders. Er zieht statt der Dreißigerjahre-Gangster lieber welche aus den Neunzigern zum Vergleich heran: Mallory und Mickey aus "Natural Born Killers" - schon deshalb, weil die beiden Helden des Oliver-Stone-Klassikers am Ende des Films nicht von Maschinenpistolen durchsiebt werden, sondern gemeinsam mit ihren Kindern dem Sonnenuntergang entgegenfahren dürfen.

"Wenn er ins Auto kotzt, erschieß ich ihn"

Beachtlich, dass sich die Verantwortlichen dieser schön fotografierten, souverän rhythmisierten und, zugegeben, ein bisschen aufdringlich zitierenden Kölner "Tatort"-Folge trauen, ganz der inneren Logik des Killerpärchen zu folgen. Öffentlich-rechtlicher Erklärkram bleibt weitgehend außen vor.

Weit kommen der Junge und das Mädchen dann natürlich doch nicht. Bald sind sie zurück in der Betonburg, wo Adrian aufgewachsen ist und wo seine kettenrauchende Mutter mit dem Rollator zum Kippenholen rollt. Die Polizei hat das Pärchen dort bald aufgespürt.

Die Handlung verweilt trotzdem noch einige Zeit an dem Ort, aus dem inszenatorisch ordentlich Kapital geschlagen wird. Kameradrohnen kreisen kunstvoll über der Plattenbausiedlung, Conga-Kanonaden erklingen zu Kamerafahrten durch Betongänge. Der Kölner "Tatort" kommt ungewohnt stylish daher, die sonst so verständigen Erklärbären Freddy Schenk und Max Ballauf geben sich entsprechend hart und wortkarg. Als Oldtimer-Fan Freddy einen Verdächtigen in seinem Wagen abtransportiert, sagt er: "Wenn er ins Auto kotzt, erschieß ich ihn."

Drehbuchautor Jürgen Werner lieferte zuvor schon die Idee für den Dortmunder "Tatort" und entwickelte ihn zum modernen, horizontalen Krimi-Serial. Sein in Handy-Ästhetik gefilmtes Hip-Hop-Abenteuer aus Ludwigshafen vor zwei Wochen war allerdings eine allzu plumpe Ranschmeiße an die Jugend. Da funktioniert der Kölner "Tatort" nun besser: Der junge Regisseur Sebastian Ko ("Wir Monster") bebildert den blutigen Roadtrip von Werne so lustvoll wie konsequent. Er erlaubt dem Zuschauer, sich auch den kranken Momenten dieser Romanze hinzugeben.

Man sieht in der ARD-Primetime ja sonst selten Szenen, in denen ein Pärchen mit rauchender Handfeuerwaffe zum sexuellen Höhepunkt kommt.

Bewertung: 7 von 10


"Tatort: Kartenhaus", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

Mehr Artikel von Christian Buß

insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
troy_mcclure 26.02.2016
1. Na ja
Klingt so, als ob ich mir um 21:05 Torsten Sträter auf 3sat anschauen sollte :-)
Spiegelleserin57 26.02.2016
2. das sind die Vorbilder für...
Gewaltübergriffe. Die nehmen sich doch gewisse Leute zum Vorbild und dann beschweren sich die Leute. Das Fernsehen machte es doch überall vor und so mancher intelligenter Mensch macht es nach. Gibt es nicht eine sinnvollere Darstellung als dies?
Newspeak 26.02.2016
3. ...
Zitat von Spiegelleserin57Gewaltübergriffe. Die nehmen sich doch gewisse Leute zum Vorbild und dann beschweren sich die Leute. Das Fernsehen machte es doch überall vor und so mancher intelligenter Mensch macht es nach. Gibt es nicht eine sinnvollere Darstellung als dies?
Unsinn. Den Ersten Weltkrieg, dem man dieser Tage öfter mal gedenkt, gab es ganz ohne Gewaltvorbilder im Fernsehen. 10000 Jahre Menschheitsgeschichte sind von Gewalt durchzogen und oft genug wurde diese Gewalt sogar geduldet, befördert, von Staaten. Soziale Ungerechtigkeit führt zu Gewalt. Persönlicher Frust und erleidete Kränkungen führen zu Gewalt. Das sieht man natürlich nicht, oder will es nicht sehen, und wird ungern daran erinnert, wenn man selbst auf der Gewinnerseite des Lebens steht. Zum Vorbild für Gewalt taugt der Tatort schon deshalb nicht, weil die Klientel gar kein Fernsehen schaut, sonntags abends um acht.
sametime 26.02.2016
4. Danke für den Tipp
Zitat von troy_mcclureKlingt so, als ob ich mir um 21:05 Torsten Sträter auf 3sat anschauen sollte :-)
Da der Tatort von Herrn Buß gelobt wird, wird er nichts für mich sein. Torsten Sträter kenne ich von extra 3 und der gefällt mir sehr gut. Danke für den Heinweis.
Dramaturgenfrau 28.02.2016
5. In welchem Land schaut Herr Buß eigentlich Fernsehen?
In der "Primetime" entdeckt Herr Buß "Serials", die von "Cops" bevölkert werden. Mit Verlaub, Herr Buß: Es wird allmählich lächerlich! In Ansehung der Herren Bär alias Schenk und Berendt alias Ballauf von Cops zu sprechen, ist einfach nur lächerlich und nicht ironisch-geistreich. Glauben Sie mir! Ich weiß, wovon ich rede: Mein Mann ist Dramaturg! Aber wahrscheinlich müssen diese, Ihre "Kritiken" mit anglophilem Wortgeklimper aufgepeppt werden, da das Besprechen von TV-Ware sicher immer wieder die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz aufwirft, gelt?! Uns Leser entlockt das aber nur eine kurze, bittere Grimasse, die mal ein Lächeln werden sollte. Gut aber, dass Sie uns vor dem Drehbuchautor gewarnt haben: Der hat nämlich den unsäglichen Ludwigshafen-Tatort von vorletzter Woche mit den noch unsäglicheren, auserzählten Schaufensterpuppen, der sichtbar alternden Folkerts und dem ausgesetzten Regal (figuren-) namens Kopper verbrochen. Des weiteren zeichnet sich "Drehbuchautor" Jürgen Werner als verantwortlich aus für "Samt und Seide", "Forsthaus Falkenau", "Das Traumschiff", "Um Himmels Willen", "Schloss Einstein", "Der Bergdoktor", "Marienhof", "Auf alle Fälle Stefanie" und so unselig weiter! Das alles lässt Böses ahnen und den alten, lahmen Spruch auferstehen, der besagt: Wenn Buß positiv rezensiert, kann es nur katastrophal werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.