Mucki-"Tatort" mit Jürgen Vogel Der Charme einer Abrissbirne

Verbeulte Stadt, verbeulter Held: In diesem Odenthal-"Tatort" führt Jürgen Vogel seine Muskeln als melancholischer Ex-Schläger durch die unschönen Ecken von Ludwigshafen spazieren.

SWR/ Alexander Kluge

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"LU" ist der Titel dieses "Tatort". So wie das Autokennzeichen von Ludwigshafen, wo man gerne als Stadt der Chemie für sich wirbt. Aber auch so wie der Name eines ehemaligen Rotlichtschlägers, der hier einst in den unterschiedlichen Puffs der Stadt seine Runden gezogen hat. Klingt so, als ob viel offizielles und inoffizielles Ludwigshafen in diesem Krimi stecken würde.

Tut es auch. Im Zentrum steht ein Chemiewerk, in dem vor 15 Jahren ein Mitarbeiter getötet wurde. Nach einem neuerlichen Mord wird der alte Fall noch mal aufgerollt. Wie sich jetzt herausstellt, war der ermordete Chemiker in die Herstellung und den Vertrieb synthetischer Drogen involviert. Oder wie es Kommissar Kopper (Andreas Hoppe) in staksigstem Cop-Sprech formuliert: "Von hier aus wurde Ende der Neunzigerjahre die ganze Republik mit Partydrogen beliefert."

Kollegin Odenthal (Ulrike Folkerts) ist derweil etwas abgelenkt: Sie konzentriert sich ganz auf den ehemaligen Geldeintreiber Lu Wolff, den sie zum nächtlichen Verhör aufs verlassene Revier bestellt, um ein bisschen mehr auf Tuchfühlung zu gehen, als sich vor den Kollegen rechtfertigen lässt. Jürgen Vogel spielt den Ex-Rotlichtfighter als Brechstange mit tätowierten Oberarmen, traurigem Blick und problematisch verheilten Wunden im Gesicht.

Ein Gesicht wie ein zerknülltes Laken

Als die Ermittlerin den ehemaligen Schläger mit Bodybuildingleidenschaft nahekommt, begutachtet er zärtlich ihren ebenfalls tätowierten Arm: "Das ist aber ein gut trainierter Bizeps." Später, als die Polizistin seine Fingerabdrücke abnimmt, seufzt er noch: "Schon lange her, dass mich jemand angefasst hat."

Ein Macho mit Gefühl: Dieser Muskel-"Tatort" ist ganz um die ambivalente Figur von Jürgen Vogel herumgebaut, der hier schon seine dritte Episodenrolle in einem Odenthal-Krimi hat. Dass man nicht ganz so ermüdet ist wie unlängst bei seinem aufgepumpten Auftritt in der gefloppten ZDF-Serie "Blochin", liegt daran, dass er in seiner aktuellen Rolle eben ab und an auch mal die Luft rauslässt.

Der auf zwei Zeitebenen spielende Plot (Regie: Jobst Christian Oetzmann, Buch: Dagmar Gabler) geht nicht immer ganz auf, aber wie Vogel als Gespenst eines untergegangenen Ludwigshafen durch die Stadt schwebt, das hat schon etwas.

Ein weiteres Gespenst aus vergangenen Rotlichttagen: Dschungelcamp-Königin Ingrid van Bergen spielt hier eine allwissende Puffmutter, eine Art wandelndes Sündenregister von Ludwigshafen. 50 Jahre horizontales Gewerbe, gespiegelt in einem Gesicht, das aussieht wie ein lustvoll zerknülltes Laken. Wie Mademoiselle hängt auch der Geldeintreiber der Vergangenheit nach, einmal bemerkt er nostalgisch: Damals hat man die Leute nur ein bisschen verprügelt, heute holt die Russenmafia sofort die Schießeisen raus.

Und so führt Vogel zu einem an Nick Cave, Rowland S. Howard und die Birthday Party erinnernden Betonblues (Musik: Dieter Schleip) seinen ansehnlich lädierten Lu durch die eher unansehnlichen Ecken der BASF-Metropole spazieren; durch das menschenleere Fußgängertunnelsystem unter dem Hauptbahnhof etwa oder durch ein ebenso menschenleeres heruntergekommenes Einkaufszentrum.

Dabei handelt es sich übrigens um das "Tortenschachtel" genannte Kaufhaus am Berliner Platz - das direkt nach dem Dreh abgerissen wurde. So funktioniert dieser "Tatort" auch als das Architekturarchiv einer Stadt, die in ihrer brutalen Hässlichkeit so anrührend ist wie Jürgen Vogels verbeulter Geldeintreiber. Ein "Tatort" mit dem Charme einer Abrissbirne.

Bewertung: 6 von 10


"Tatort: LU", Sonntag, 20.15, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
ruzoe 11.12.2015
1. Meinetwegen
kann er den "Förster vom Silberwald" geben: Jürgen Vogel ist allemal gut für eine sonntägliche Abendfüllung...
Charlie Brown II 11.12.2015
2. ...
Ludwigshafen? Ist das der gleichnamige Vorort von Mannheim?
cafe-wien 12.12.2015
3. Jürgen Vogel rettet Ulrike Folkerts auch nicht mehr!
Ebensowenig wie Auftritte dieser "Darstellerin" bei 3nach9, wo sie sinnlos dauerkokett grinsend so tut, als sei sie eine Schauspielerin. Die Figur Lena Odenthal ist seit Jahren auserzählt. Was wir sehen, ist das immer gleiche Zelebrieren einer Untoten. Gute Tatorte werden eingestampft, oder müssen wegen Fahnenflucht der beteiligten Schauspieler aufgegeben werden, die an Ödnis kaum zu toppende Ulrike Folkerts alias Lena Odenthal aber malträtiert den Zwangsgebührenabdrücker weiter. Warum? Es wäre mal journalistische Aufgabe, die ARD interne Korruption aufzudecken, die das ermöglicht, anstatt hier einem Zombie 6 von 10 Punkten zu geben! Das wird für mich einer der größten "TV-Feiertage", wenn, möglichst bald, die Nachricht durch die Medien geht, dass Ulrike Folkerts und ihr Dackel Kopper final aus dem Programm genommen werden.
herr minister 13.12.2015
4. Odenthal ist o.k.
Zitat von cafe-wienEbensowenig wie Auftritte dieser "Darstellerin" bei 3nach9, wo sie sinnlos dauerkokett grinsend so tut, als sei sie eine Schauspielerin. Die Figur Lena Odenthal ist seit Jahren auserzählt. Was wir sehen, ist das immer gleiche Zelebrieren einer Untoten. Gute Tatorte werden eingestampft, oder müssen wegen Fahnenflucht der beteiligten Schauspieler aufgegeben werden, die an Ödnis kaum zu toppende Ulrike Folkerts alias Lena Odenthal aber malträtiert den Zwangsgebührenabdrücker weiter. Warum? Es wäre mal journalistische Aufgabe, die ARD interne Korruption aufzudecken, die das ermöglicht, anstatt hier einem Zombie 6 von 10 Punkten zu geben! Das wird für mich einer der größten "TV-Feiertage", wenn, möglichst bald, die Nachricht durch die Medien geht, dass Ulrike Folkerts und ihr Dackel Kopper final aus dem Programm genommen werden.
Der eine sagt so, der andere so. Ich finde es gut, dass es ein paar Tatort Figuren gibt, die sich über viele Jahre hinziehen, die mit dem Zuschauer altern und sich entwickeln. Dass dann nicht jede dieser unzähligen Folgen ein highlight wird dürfte klar sein. Gegen neue Gesichter in anderen Tatorts, habe ich allerdings auch nichts, es wäre langweilig wenn jeder nur mit alten Kommissaren besetzt wäre, beides hat seine Berechtigung - und seine Nörgler.
chuckal 13.12.2015
5. Zitat
Lu sagt nicht trainierter Bizeps, er sagt definierter Bizeps.
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