"Tatort" aus Luzern Väter, uns graut vor euch

Die Mutter wird ermordet, drei Kinder bleiben zurück. Sie haben verschiedene Väter - jeder von ihnen unzuverlässig. Ein grausamer "Tatort" über die Erkenntnis, dass die Glücksstrategien der Alten oft das Unglück der Jungen bedeuten.

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Manchmal ist das Überleben fast so grausam wie das Sterben. So wie in dem "Tatort" aus Köln vor vier Wochen, in dem eine Mutter ihre drei bei einem Hausbrand gestorbenen Kinder beerdigt. Oder wie am Ostermontag in dem aktuellen "Tatort" aus der Schweiz, in dem nun wiederum drei hinterbliebende Kinder den Mord an ihrer Mutter verarbeiten müssen. Hier wie dort: Die Aufklärung des Falles wird zur Analyse einer fatalen familiären Notkonstruktion.

Die drei Kinder der erschlagen am Bahndamm gefundenen Donna Müller stammen von drei Vätern. Der erste, Mitglied einer nahezu militanten Väter-Selbsthilfegruppe, lag bislang in einem verheerenden Sorgerechtsstreit mit der Toten - auch zum Nachteil der doch so geliebten Tochter. Der zweite leitet im fernen südlichen Indien einen Ashram, wo er über der spirituellen Erleuchtung und dem betriebswirtschaftlichen Chaos den eigenen Sohn samt fälliger Alimente vergaß. Und der dritte, ein wohlhabender Unternehmer, zahlte immer brav für seine Tochter, leugnete die Kleine aber vor seiner neuen Frau.

Scheidungsterror und Vernachlässigung, Selbstbetrug und Verrat: Die Kinder waren immer auf sich selbst gestellt, entweder wurde an ihnen gezerrt, oder sie wurden ignoriert. Schwierig zu sagen, was schmerzhafter war. Die Mutter, so finden die Ermittler Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser) bald heraus, flüchtete sich immer wieder in die Esoterik. Zur Zeit ihrer Ermordung absolvierte sie gerade eine Ausbildung zur "spirituellen Heilerin".

Flückiger, der kinderlose Kauz

Wie schon in dem Kölner Trauerschocker vermeiden auch die Verantwortlichen des Schweizer "Tatort" (Buch: Eveline Stähelin und Josy Meier, Regie: Michael Schaerer) trotz der krassen Ausgangssituation allzu plakative Ausschmückungen. Die Väter sind bei allen Unzugänglichkeiten keine Monstren, da ist zuweilen sogar wahre Liebe im Spiel, und die tote Mutter erscheint rückblickend nicht als kriminell egozentrische Sinnsucherin. Doch keiner der Erwachsenen hat es geschafft, die eigenen Glücksstrategien in Einklang mit den Bedürfnissen der Kinder zu bringen.

So schlüsselt der "Tatort" nach und nach die fatale unübersichtliche Gemengelage auf; manchmal, zugegeben, verheddern sich die Autorinnen auch darin. Und die kinderlosen Ermittler werden persönlich immer tiefer in den Krieg um die Kinder gezogen: Ritschard, die einzige offen homosexuelle Ermittlerfigur im "Tatort"-Kosmos, wird von der verbohrten Vätertruppe beim Squash mit ihrer Lebensgefährtin fotografiert und danach im Netz als Kampflesbe desavouiert. Flückiger, der vergrübelter, gramer und unbehauster denn je daherkommt, zeigt sich im persönlichen Gespräch mit der Kollegin geknickt darüber, dass er keinen Nachwuchs hat. Einst, so verrät er, habe er sogar eine Liebschaft zur Abtreibung überredet. Das Kind wäre jetzt so alt wie der Junge des Mordopfers.

Flückiger ist auch so ein Verlorener, bei dem esoterische Heilsversprechen verfangen könnten. Bald sucht er Rat bei dem Guru, der Opfer Donna Müller zur "Heilerin" ausbilden wollte. Ihm wird die übersinnliche Fähigkeit zugeschrieben, mit den Toten sprechen zu können. So nimmt er Kontakt mit der Ermordeten auf - und macht den analytischen Cop mit den zutage geförderten Erkenntnissen ganz nervös.

Immer wieder springt Flückiger von dem Segelboot, auf dem er seine einsamen Nächte verbringt, in den kühlen Vierwaldstättersee. Der Kopf wird dabei nicht klarer, das Herz nicht reiner. Armer Flückiger, der kinder- und bindungslose Kauz braucht endlich ein Leben.


"Tatort: Zwischen zwei Welten", Ostermontag (!), 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 29 Beiträge
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mcvitus 18.04.2014
1. Bei mir hat es sich ausgetatortet.
Warum? Ganz einfach: langweilig und stereotyp. Unsere Filmschaffenden haben den Wandel zu guten Kriminalfilme verschlafen. Sie sollten mal nach Schweden, Dänemark etc schauen. Oder besser noch: eigene Ideen entwickeln.
theodorzaloschnik 18.04.2014
2. Es gibt Tatort-Folgen, die braucht kein Mensch
und die Schweizer Variante gehört dedinitiv zu der Kategorie: braucht man nicht. Man sollte den Tatort beschränken. Kiel, Münster, Wien beispielsweise sind gut. Frankfurt mit Król und Kunzendorf waren ebenfalls sehenswert. Ludwigshafen war mal gut, aber den vielen Jahren ist die Luft raus. Über Hamburg und Nick Tschiller verliere ich besser keine Worte.
WhereIsMyMoney 18.04.2014
3.
So wie sich das anhört wurde das Drehbuch von einer verrückten Feministin geschrieben. Aber der Autor findet dabei wohl nichts schlimmes. Als ob es geschiedene Väter nicht schon schwer genug haben, jetzt wird auch noch Propaganda gegen sie betrieben. Ahja, was war nochmal die Erklärung des Familienministeriums wieso keiner in diesem Land heiraten und Kinder will? Vielelicht sollten sie sich mal diese Serie anschauen.
rechnernetzstecker 18.04.2014
4.
Zitat von mcvitusWarum? Ganz einfach: langweilig und stereotyp. Unsere Filmschaffenden haben den Wandel zu guten Kriminalfilme verschlafen. Sie sollten mal nach Schweden, Dänemark etc schauen. Oder besser noch: eigene Ideen entwickeln.
Och nö, bitte nicht! Skandinavienkrimis kann ich nicht mehr sehen, damit wurde das Fernsehen mindestens die letzten zehn Jahre vollkommen zugemüllt. Diese düsteren Krimis um völlig psychopatische Serienkiller - stereotyper geht gar nicht. Die Schweizer sind schon ok!
tkedm 18.04.2014
5.
Zitat von sysopARDDie Mutter wird ermordet, drei Kinder bleiben zurück. Sie haben verschiedene Väter - jeder von ihnen unzuverlässig. Ein grausamer "Tatort" über die Erkenntnis, dass die Glücksstrategien der Alten oft das Unglück der Jungen bedeuten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-luzern-zwischen-zwei-welten-mit-stefan-gubser-a-964338.html
Der Schweizer Tatort ist ein Graus, vor allem wegen der Synchronisierung. Außerdem nervt der Kommissar schon in den Konstanz-Tatorten, weshalb ich den nicht mehr anschaue. Die Besten sind immer noch die Kölner, Wiener und Münsteraner Ermittler. Und mit Abstrichen auch die Münchener und Ludwigshafener (Odenthal ist und bleibt halt irgendwie DIE Tatort-Instanz ;) ). Diese Mischung macht es, dass der Tatort mir nicht zum Halse raushängt. Etwas härter (Wiener und Kölner), intelligent witzig und ironisch (Münster) oder einfach nur ein i.d.R. guter Spannungsstrang (München, Ludwigshafen).
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