"Tatort" über Crystal Meth Vögeln bis die Sonne aufgeht. Und wieder unter

Bauern auf Crystal Meth, Kids im Dauerpartymodus: Der Kieler "Tatort" zeigt, wie die Droge sich in unterschiedlichen Milieus verbreitet hat. Entfesselte Rauschbilder inklusive.

ARD

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Alles ist erleuchtet. Die Bruchbude mit dem improvisierten DJ-Pult, die hyperwach aufgerissenen Augen, die ekstatisch zuckenden Leiber. Wie kleine Kraftwerke dampfen Rita (Elisa Schlott) und Mike (Joel Basman) in ihrem verummelten Apartment, nachdem sie zusammen Crystal Meth geraucht haben und das Dopamin und Serotonin durch ihre Körper pumpt. Sie jauchzen, legen Techno auf, tanzen, vögeln. Bis die Sonne aufgeht. Und wieder unter. Und wieder auf.

Irgendwann sind zwei Wochen um.

Die Schönheit einer amtlichen Crystal-Meth-Sause - dieser "Tatort" zelebriert sie im wärmsten Licht und im anregendsten Rhythmus. Fern ist erst mal der Kater, fern sind die Fotos menschlicher Ruinen, die man aus Abschreckungskampagnen kennt. Oder sie scheinen zumindest fern. Solch ein einladendes Rauschszenario hat man im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen.

Ein mutiges TV-Stück ist der neue Kieler "Tatort" geworden; er verzichtet auf penetrante Pädagogik, setzt auf den mündigen Zuschauer. Und macht eben dadurch die Verführungskraft von Crystal Meth nachvollziehbar, einer Droge, vor deren Zerstörungskraft allerorts gewarnt wird und die doch längst Mainstream ist und durch alle gesellschaftlichen Bereiche zirkuliert, von den sozio-ökonomischen Brachen im tschechischen Grenzgebiet bis zu den Entscheiderebenen der Berliner Republik.

Ein Dorf auf Crystal Meth

Der aktuelle "Tatort", das ist nur folgerichtig, führt durch unterschiedliche Milieus: In einem Dorf nahe Kiel wird der Kopf eines jungen Mannes gefunden, der Rumpf bleibt erst mal unauffindbar. Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) treffen auf Rita und ihre Party-Gang, machen aber auch Bekanntschaft mit den Bauern von Mundsforde, die zwischen Apathie und Ekstase dem Ackerbau und der Viehzucht nachgehen. Ein Kuhkaff auf Crystal Meth.

Drehbuchautor Rolf Basedow hat zuvor für Dominik Graf verschiedene Parallelkosmen ausgeleuchtet, das alte untergehende Westberliner Ludenreich in "Hotte im Paradies" etwa, die neue russische Hauptstadt-Mafia in "Im Angesicht des Verbrechens" oder den fränkisch-tschechischen Rotlichtsumpf in "Das unsichtbare Mädchen". Basedow, ein abenteuerlustiger Rechercheur und begnadeter Verdichter, bringt den Zuschauer dazu, sich in Milieus zu verlieben, in die man sich nicht verlieben sollte. Anders gesagt: Manchmal wirken Basedows Geschichten wie Drogen. Regisseur Christian Schwochow hat mit seiner "Turm"-Verfilmung und mit der Wende-Tragikomödie "Bornholmer Straße" ganz neue, für das deutsche Fernsehen gewagte Perspektiven auf ostdeutsche Stoffe gefunden.

Für den Crystal-Meth-"Tatort" haben Basedow, 67, und Schwochow, 36, nun einen ganz eigenen Erzählmodus entwickelt, um von der Dynamik der Droge zu erzählen. Rausch- und Euphoriemomente stehen hier neben Flashbacks und psychotisch anmutenden Bildexplosionen. In klug austarierten Rückblenden wird erzählt, wie Ritas und Mikes Himmelsstürmerei zum Höllentrip wird, wie das Gefühl der Freiheit zur Unterwerfung unter die Droge führt. In einer Szene bettelt Rita im Vierfüßlerstand wie eine Hündin um mehr Stoff.

Der NDR hat den "Tatort" vorab in einer Therapieeinrichtung vorführen lassen, in der auch ehemalige Crystal-Meth-Konsumenten betreut werden. Viele von ihnen sollen in dem Film die Triggermomente wiedererkannt haben, die sie zuvor zur hochgefährlichen Substanz geführt hatten. Eine Erkenntnis, die möglicherweise dabei hilft, nicht rückfällig zu werden.

So verführerisch der Sex und das Getanze in diesem "Tatort" in Szene gesetzt sind: Man muss schon sehr, sehr dumm sein, um darin eine Werbung für Crystal Meth zu sehen.


"Tatort: Borowski und der Himmel über Kiel", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD. Im Anschluss (21.45 Uhr) Videochat mit Schauspielern, Filmemachern und Experten bei tatort.de und n-joy.de

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
tomkey 23.01.2015
1. Endlich!!
Sonntag ist Borowski-Tag! Einer der wenigen Tatorte die ich mir anschaue. Freu mich drauf.
bonngoldbaer 23.01.2015
2.
"einer Droge, vor deren Zerstörungskraft allerorts gewarnt wird und die doch längst Mainstream ist und durch alle gesellschaftlichen Bereiche zirkuliert, von den sozio-ökonomischen Brachen im tschechischen Grenzgebiet bis zu den Entscheiderebenen der Berliner Republik." Jetzt verstehe ich endlich einige politische Entscheidungen der letzten Jahre.
donauknie 23.01.2015
3. So-so... mündig. Auf einmal?
So weit geht also der Mut der Tatort-Autoren: Sie "verzichte(n) auf penetrante Pädagogik, setz(en) auf den mündigen Zuschauer." Das grenzt ja schon an Selbstauflösung des Staates. Wie beruhigend, dass das moralinfreie Gatter für den uns zugestandenen Auslauf sich auf die Sphäre des Rausches - sex & drugs - beschränkt. Wäre auch verheerend, würden sie unsere Mündigkeit überstrapazieren. :-) In anderen, freilich weniger drängenden Fragen des gesellschaftlichen und politischen Lebens können wir im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm weiterhin auf den pädagogischen Eros und den erigierten Zeigefinder der zuständigen Volkserzieher vertrauen.
hearty 23.01.2015
4. schon wieder die talentfreie Kikelli
kann man dem Borowski nicht eine Assistentin geben, die schauspielern und sprechen kann? Die Kikelli kann nur "gegen die Wand".
exil-berliner 23.01.2015
5. Öffentliche Produktionen & METH
Zitat von heartykann man dem Borowski nicht eine Assistentin geben, die schauspielern und sprechen kann? Die Kikelli kann nur "gegen die Wand".
Die Öffentlichen TV Sender eben, Beschäftigungsträger für B-Schauspiel Talente. Zur Crystal Situation welches der Tatort versucht als Momentaufnahme darzustellen kann man nur sagen, der Mensch ist ein suchtanfälliges Wesen von seinem Wesen Grund auf. Es wird daher immer Epedemien geben wie aktuell mit METH, vor allem wenn Serien wie Breaking Bad den Hype noch maximieren und medial ausschlachten.
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