Literarischer "Tatort" mit Ulmen und Tschirner Kot und Sühne

Das Lyrische und das Kreatürliche - der Weimar-"Tatort" mit Christian Ulmen und Nora Tschirner über Rosenzüchter und Kinderkot vereint beides vortrefflich.

MDR/ Anke Neugebauer

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Achtung, Bildungsfernsehen. Der "Tatort" aus der Goethe-Stadt Weimar ist ja schon aufgrund seines Handlungsortes literarisch aufgeladen; ein Umstand, aus dem die Verantwortlichen des ostdeutschen Krimi-Reviers immer wieder schamlos, aber auch gehaltvoll Kapital zu schlagen verstehen. In der letzten Folge hatte der dänische Existenzphilosoph Søren Kierkegaard seinen Auftritt, diesmal spielt der schlesische Barockdichter Angelus Silesius eine Rolle.

Zur Vorbereitung auf den Sonntag rufen wir uns an dieser Stelle deshalb ein paar Zeilen aus Silesius' Gedichtsammlung "Cherubinischer Wandersmann" ins Gedächtnis, die auch in dem "Tatort" eine Rolle spielen:

"Die Rose ist ohne Warum
Sie blühet, weil sie blühet
Sie achtet nicht ihrer selbst
fragt nicht, ob man sie siehet"

Zitiert werden diese zarten Zeilen in schriftlicher Form von dem Polizisten Ludwig Maria Pohl (Arndt Schwering-Sohnrey), Lupo genannt, als Rosenzüchter bekannt, als Liebhaber verkannt. Während er im Garten seine Blumen pflegt, verzehrt er sich in stiller Sehnsucht. Zum Beispiel nach Kommissarin Dorn (Nora Tschirner), nach der er schon eine selbst gezüchtete Rose benannt hat. Das findet bald auch Dorn-Ehemann Lessing (Christian Ulmen) heraus, der sich bei Untersuchungen zu einem Mordfall Lupos' Haus und Garten vorknöpft und sich durch Beete und Schubladen pflügt.

Christian Ulmen in "Jerks"

Denn im Blumenbeet des schüchternen Schupos ist eine Bombe hochgegangen, gestorben ist dabei eine Verehrerin von ihm, die ihre Leidenschaft für Lupo ebenso still ausgelebt hat wie dieser die seine für Kommissarin Dorn. Die stille Verehrerin hat's in Stücke gerissen und ins Beet einen Krater. Nun schaut Lupo schicksalsergeben in das Loch im Garten, das für ihn kein Grund zur Verzweiflung ist: "Ich wollte schon immer einen Seerosenteich haben."

In der Comedy-Provinz von "Tatort"-Deutschland

Mit dem makabren Humor ist das so eine Sache: Wird die Pointe nicht klug aufgebaut, kommt sie einfach nur grob daher; nimmt man den komischen Stoff nicht auch zugleich sehr ernst, wirkt der Witz einfach nur zynisch. Andreas Pflüger und Murmel Clausen, die beiden Stammautoren des Weimar-"Tatort", hatten von Anbeginn des TV-Reviers den richtigen Tonfall. Und sie halten ihn in jeder neuen Folge durch.

Damit stehen Pflüger und Clausen ziemlich alleine da in der Comedy-Provinz von "Tatort"-Deutschland. Krimi und Humor, das ist hierzulande eine seltene Kombination. Der anfänglich so unangestrengt humorvoll daherkommende Dresdner "Tatort" ist zum Beispiel inzwischen nur noch albern, der begnadete Humorist Ralf Husmann, so hört man, soll schon seinen Abschied als Stammautor einläuten, und der Münster-"Tatort" hält nur selten die Balance zwischen Witz und Gewalt, der angepeilte schwarze Humor verkommt oft zum trüben Gag.

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Weimar-"Tatort": Ein Schupo namens Lupo

Wie Boerne und Thiel in Münster schlagen sich auch Dorn und Lessing durch ein in sich geschlossenes Paralleldeutschland alter Dichterfürsten und Firmenpatriarchen, regionaler Spezialitäten und Brauchtümer, das es so gar nicht mehr gibt. Sie tun das nur mit besserem Witz als die Kollegen in Münster.

Diesmal geht es, wir befinden uns ja in Thüringen, um eine Porzellandynastie. Lupo, der Schupo, ist ein unehelicher Sohn des kürzlich verstorbenen Patriarchen, deshalb hat er Erbansprüche geltend gemacht und mit Ausblick auf den anstehenden Geldsegen schon mal eine alte Ritterburg für sechs Millionen Euro gekauft.

Der Mordanschlag auf ihn dürfte mit dem Erbe zusammenhängen; nach dem fehlgeschlagenen ersten gibt es einen zweiten. Ihm wird in seiner geliebten Schokomilch das langsam, aber tödlich wirkende Gift Rizin verabreicht. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als im Krankenhaus auf den sicheren Tod zu warten, auch das tut er gewohnt schicksalsergeben.

Dorn und Lessing kurven derweil zwischen Porzellanmanufaktur, Rosengarten und Lupos Ritterburg hin und her, um die schwierigen Familienverhältnisse des Porzellanclans und die schuldhaften Verstrickungen in diesem aufzuklären.

Im Kofferraum haben die Ermittler die Exkremente aus dem Kindergarten des gemeinsamen Sprosses; nach dem Schwänzen des letzten Elternabends wurden sie dazu verdonnert, die Kinderkacke biologisch korrekt zu entsorgen. Kot und Sühne sozusagen. Zu der hohen Kunst, allzu Menschliches in erlösenden Humor zu überführen, lesen Sie bitte auch unser Interview mit Christian Ulmen, das wir anlässlich seines Comedy-Experiments "Jerks" mit ihm geführt haben .

Dieser Humor funktioniert nun auch im aktuellen "Tatort". Regisseur Sebastian Marka inszenierte zuvor den formvollendeten philosophischen Serienkillerthriller mit Ulrich Tukur, für den "Tatort" aus Weimar setzt er nun elegant das Räderwerk der Groteske in Bewegung. Blumenduft, barocke Wortgewalt und im Kofferraum ein muffelndes Gerät zur Fäkalverwahrung namens Exkremer 700: Hier geht das Lyrische und das Kreatürliche gut zusammen.

Bewertung: 8 von 10


"Tatort: Der scheidende Schupo", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
secret77 03.02.2017
1.
Freue mich schon auf die beiden und all die Kommentare, dass das "doch kein Tatort mehr!" sei. "Augen wie ein Luch und Ohren wie ein Lachs" - war schon ein schönerer Filmmoment als "Schau mir in die Augen, Kleines" und "Exkremer 700" riecht ja auch schon wieder vielversprechend ;)
themistokles 03.02.2017
2.
Zitat von secret77Freue mich schon auf die beiden und all die Kommentare, dass das "doch kein Tatort mehr!" sei. "Augen wie ein Luch und Ohren wie ein Lachs" - war schon ein schönerer Filmmoment als "Schau mir in die Augen, Kleines" und "Exkremer 700" riecht ja auch schon wieder vielversprechend ;)
Bin auch mal gespannt. Tatort muss für mich nicht immer Tatort sein. In den letzten Jahren sind immer wieder Teams dazugekommen, die sich von den anderen stark unterscheiden. So kommt meiner Meinung nach Abwechslung rein und für jeden ist was dabei. Gut gemacht! Einen einzigen Kritikpunkt habe ich bei Ulmen/Tschirner- Tatorten aber: der Ton! War bisher nie gut abgemischt, das etwas nuschelige Sprechen der beiden Darsteller tut da sein übriges...leider.
ompo58 03.02.2017
3. Ich weiß nicht...
das alles klingt ja ziemlich langweilig. Wie die bisherigen Tatorte aus Weimar. Farblose Charaktere und auch sonst nichts Originelles. Na, mal schauen...
circul 03.02.2017
4. endlich wieder Weimar
Fast der einzige Tatort für mich. Endlich. Tolle Kulissen, authentische Schauspieler, abgedrehte Geschichten. Ich freu mich!
kruderich 03.02.2017
5. Was mal lustig in Münster begann,
....hat der Art Übermaß angenommen, daß es inzwischen als Normalität rezipiert wird: Das tut dem Ganzen nicht gut. Aber so ist das nunmal in deutschen Redaktionen: Ein Erfolgsrezept wird solange wiedergekäut, bis es dem Zuschauer aus allen Öffnungen hinausläuft und zuwider ist, unabhängig davon ob noch einzelne Perlen dazwischen sein mögen...Tatort ist kein Tatort m
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