Horror-"Tatort" über Fracking Angriff der Öko-Zombies

Seuchenalarm in der Provinz. Ein Erdgasproduzent fördert giftige Rückstände zutage, Bauern stolpern mit bleichen Gesichtern über ihre Felder. Ergebnis: Ein Zombie-"Tatort", der sich selbst zerlegt.

NDR/ Christine Schroeder

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Kalte Kinderaugen, verrenkte Gliedmaßen, faulige Haut: Die kleinen und großen Bewohner des niedersächsischen Dorfes gut eine Autostunde von Hamburg entfernt erinnern mit ihrer Anmutung und Motorik an das untote Personal eines Horrorfilms.

Unweit der Bauernhöfe hat der Erdgas-Produzent Norfrac Oil seine Erdgasbohranlage aufgestellt. Bis in 5000 Meter Tiefe wird gebohrt, neben Gas fördert man auch Benzol, Quecksilber und radioaktive Substanzen zutage. Ist das Dorf durch illegal abgelassene Lagerstättenwasser verseucht, sind die Bewohner zu Zombies mutiert?

Nun wurde einer der Norfrac-Fahrer, die die giftigen Rückstände in riesigen Tankern durchs Dorf fahren, ermordet. Der Tote war ein Migrant aus dem Iran. Das ruft die beiden Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) auf den Plan, die unter aufgebrachten Ökobauern ermitteln müssen. Ihr Anführer sagt auf einer Protestveranstaltung: "Ausländische Finger bohren sich gierig in unsere Erde."

Falke und Grosz stoßen auf einen relativ neuen soziologischen Typus: den xenophoben Öko, den nationalistischen Müslifreund. Oder wie Falke, der Punk mit Vorliebe für klare Feindbilder, klarstellt: "Ökonazis!"

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Falke-"Tatort": Die Nacht der lebenden Bauernleichen

Nazis, Kindermonster, Zombies: Dieser Krimi ist in seiner Figurenzeichnung nicht zimperlich; nach dem Geisterhaus-"Tatort" vor drei Wochen, der eine Diskussion darüber ausgelöst hatte, wie viel Experimentalfreude die altehrwürdige ARD-Reihe verträgt, gibt es jetzt gleich eine weitere Folge, die sich lustvoll beim klassischen Horrorfilm bedient.

Fressen, Faulen und Fäuste Recken

Autor Marvin Kren hatte vor sieben Jahren mit "Rammbock" den amtlichen Zombiethriller vorgelegt. In "Böser Boden" zitieren er und sein Co-Autor Georg Lippert jetzt den Schauerklassiker "Das Dorf der Verdammten" (1960) und das konsumkritische, subversive Zombiehorror-Meisterwerk "Dawn of the Dead" (1978) des im Juli verstorbenen Genre-Großmeisters George A. Romero. Auch "im Tatort" wird der Supermarkt zum Austragungsort für den Showdown, Horror als Mittel der Konsumkritik.

Gerne würden wir diesem über Strecken patent inszenierten Fressen, Faulen und Fäuste Recken (Regie: Sabine Bernardi, "Romeos") folgen. Aber bei aller Freude an der Wiedergeburt des Horrorfilms aus dem Geiste und mit dem Gelde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Es lässt sich partout keine Haltung zu dem mit großer Geste ausgebreiteten gesellschaftspolitischen Stoff erkennen.

Die im Plot angelegte doppelte Konfliktkonstellation stellt sich als echtes Problem heraus. Hier kämpfen einheimische Ökos gegen multinationale Umweltverschmutzer, aber eben auch Blut-und-Bio-Bauern gegen nichtdeutsche Arbeitnehmer. Die Fracking-Kritik und die Abrechnung mit dem neuen Öko-Autoritarismus überlagern sich ungünstig. Was ist denn nun mit den zum Teil schwerwiegenden Folgen des Fracking für die niedersächsische Provinz? Sind diese weniger verwerflich als der militante Widerstand der Umweltschützer, der möglicherweise bis zum Mord an unschuldigen Arbeitsmigranten reicht? Ist das Thema tatsächlich so komplex, dass da am Ende nur die schlichte Erkenntnis stehen kann, dass irgendwie alle ein bisschen schuldig sind?

Dieser "Tatort" laviert sich ungeschickt um seine großen Themen herum. Überhaupt gerät die Erzählung beständig ins Eiern, auch in eigentlich unverfänglichen Momenten. Es gibt ein paar unglücklich inszenierte Ortswechsel. So muss Kommissar Falke ausgerechnet in dem Moment nach Hamburg zurück, als sich der Konflikt auf dem Land dramatisch zuspitzt. Sein Sohn dealt mit Drogen, er will ihn auf die rechte Bahn zurück stupsen.

Falke findet den Jungen in einem Kiez-Club, auf dessen kleiner Bühne zufällig gerade die bei jungen Leuten sehr beliebten Kuschel-Terroristen AnnenMayKantereit ihre Vater-und-Sohn-Ballade "Oft gefragt" spielen. Da wird der besorgte Vater Falke trotz Mega-Stress eine Minute ganz melancholisch und weich.

Wütend gefällt uns Falke aber einfach besser. Um noch einmal den Groll des Polizei-Punk auf die untoten Ökos in der niedersächsischen Provinz zu bemühen: "Wenn man sein Leben lang nur Hirse frisst, dann sieht man halt so aus."

Bewertung: 4 von 10 Punkten

"Tatort: Böser Boden", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Caldwhyn 24.11.2017
1. Ah ein Verriss
...der Sonntagabend verspricht gut zu werden.
benmartin70 24.11.2017
2.
Zitat von Caldwhyn...der Sonntagabend verspricht gut zu werden.
Yup, Netflix oder Prime werdens richten. Oder ein gutes Brettspiel.
miho42 25.11.2017
3. Moin, moin,
Bei den TV-Kritikern meines Vertrauens bekommt dieser TO einmal 80% und bei dem anderen 66% Zustimmung. Hat doch was. Also schauen. Da ich leider weder über eine Glaskugel noch über seherische Fähigkeiten verfüge, macht eventuelles Meckern eh erst danach Sinn. Schönen Abend noch.
TheFunk 26.11.2017
4. Der Dorf-Niedersachse/ Norddeutsche
ist halt so. Zombiesein ist beinahe Normalzustand :-) Der Dorf-Niedersachse ist jedoch nicht fremdenfeindlich. Insofern hätte die Konstellation mit dem Migrationshintergrund weggelassen werden können. Das war quatsch. Dazu ist auch das Thema zu ernst. Spannend war doch das Ende: Die Wahrheit wird verschleiert. An die Autoren: ist der Biologe, genau wie das Kind, denn jetzt psychotisch? Wasser hat er genug geschluckt....
Aberlour A ' Bunadh 26.11.2017
5. psychotisch?
Zitat von TheFunkist halt so. Zombiesein ist beinahe Normalzustand :-) Der Dorf-Niedersachse ist jedoch nicht fremdenfeindlich. Insofern hätte die Konstellation mit dem Migrationshintergrund weggelassen werden können. Das war quatsch. Dazu ist auch das Thema zu ernst. Spannend war doch das Ende: Die Wahrheit wird verschleiert. An die Autoren: ist der Biologe, genau wie das Kind, denn jetzt psychotisch? Wasser hat er genug geschluckt....
Dass das Kind nicht normal war hat man ja am Zustand des Kinderzimmers deutlich gesehen. Dass das Kind zum "Beisser" wurde kurz nachdem es zu viel Wasser aus dem verseuchten Badesee getrunken hatte, wurde von der Mutter bestätigt. Umkehrschluss: der Biologe wurde gekauft.
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