Gewalt-"Tatort" mit Maria Furtwängler 300.000 in kleinen Scheinen oder Kopf ab

Die Polizistinnen liegen sich in den Haaren, die Familie eines Entführungsopfers zerbricht: ein brutal genauer "Tatort" über soziale Auflösungsprozesse - bei dem die Ermittlerin etwas zu viel Raum bekommt.

NDR/ Marion von der Mehden

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Gewalt ist ein Kreislauf. Du empfängst sie, du gibst sie weiter. In diesem "Tatort" ist es ausgerechnet die Kommissarin, die Teil dieses Kreislaufs wird; im körperlichen und seelischen Ausnahmezustand treibt sie mit Wutausbrüchen und Handgreiflichkeiten riskant die Untersuchungen zu einem Entführungsfall voran.

Am Anfang, als Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) noch im angeheiterten Zustand vor einem Musikklub zwischen parkenden Autos auf die Straße uriniert, wird sie von einer Gruppe junger Männer gedemütigt und geschlagen. Später, als sie beim Verhör aufgewühlt vor dem Hauptverdächtigen sitzt, packt sie diesen bei den Haaren und schreit ihm Unterstellungen ins Ohr. Lindholms Zorn ist gerecht. Aber das Objekt ihres Zornes das falsche.

Der Mann, dem die Ermittlerin zusetzt, ist der Bankfilialleiter Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann). Dessen Frau wurde entführt, doch nach einer hektischen Lösegeldübergabe verstummen die Geiselnehmer, alle Spuren verlieren sich. Die letzte Nachricht der Entführer lautet: "300.000 in kleinen Scheinen, sonst schneiden wir ihrer Frau den Kopf ab."

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Lindholm-"Tatort": Strähnchen gegen Strähnchen

Die Solidargemeinschaft der Bankerfamilie im niedersächsischen Walsrode zerbricht, die unprofessionell aufbrausende Kommissarin verliert das Vertrauen ihrer Kolleginnen. Dieser "Tatort" erzählt von Erosionsprozessen an allen sozialen Fronten; jeder schreit für sich allein.

Inspiriert ist der fiktive "Fall Holdt" vom realen Fall Bögerl: 2010 wurde in Baden-Württemberg die Bankiersehefrau Maria Bögerl entführt, eine Lösegeldübergabe scheiterte, einen Monat später wird die Leiche gefunden, im Jahr darauf begeht der Ehemann Suizid. Bis heute sind die Behörden mit dem Fall beschäftigt, bis heute verläuft jede Spur im Leeren.

Auslöschung und Selbstauslöschung

Dieser "Tatort" ist folglich nichts für Ratefüchse. Regisseurin Anne Zohra Berrached hat zuvor das rigoros explizite Abtreibungsdrama "24 Stunden" gedreht. Ihren ersten Fernsehkrimi hat die Filmemacherin nun als bürgerliches Trauerspiel inszeniert, in dem sie penibel, ja fast dokumentarisch die verschiedenen Stufen der Auslöschung und Selbstauslöschung nachzeichnet. In den trockenen Dialogen wird jedes medizinische Detail der unterschiedlichen Zerstörungsprozesse aufgezeigt. Auch Worte - Drehbuch: Jan Braren - sind hier Werkzeuge der Gewalt.

Gerade der Schlagabtausch zwischen den Polizistinnen zeigt, wie zersetzend Verbalinjurien sein können. In einer jungen, smarten, blonden Ermittlerin (perfide lässig: Susanne Bormann) findet die angeschlagene, immer kurz vor der Suspendierung agierende Charlotte Lindholm ein beängstigendes Spiegelbild. Das doppelte Lottchen in der Bitch-Version: Die beiden Frauen haben die gleichen blonden Strähnchen, das gleiche professionelle Lächeln, Zuneigung will sich nicht einstellen.

Im Gegenteil: Bald muss sich das ältere Lottchen beim heimlichen Wundenlecken auf der Toilette mit anhören, wie das jüngere ihr jovial ein Alkoholproblem andichtet. Kolleginnen im Krieg.

Ein starker Seitenstrang im Krimi-Plot - der sich allerdings vor den eigentlichen Kriminalfall schiebt. Furtwängler wütet als Rache-Cop in eigener Sache furios, da droht die Entführung beständig in dem von ihr verursachten emotionalen Sturmtief weggeblasen zu werden. Stadelmann spielt da den bemitleidenswerten und zugleich beängstigenden Opferehemann aufwühlend vielschichtig, aber gegen den erdrückenden Ermittlerinnenpart kommt er nicht an.

Umso erstaunlicher, dass der Figur der Kommissarin zum Schluss die Luft rausgelassen wird: Dass ihr nichts anderes einfallen soll, als sich weinend an die breite Brust ihres bärtig-bärigen Lovers zu schmeißen, nimmt diesem Gewaltkrimi mit seinen komplexen Geschlechterbildern am Schluss erheblich die Wucht raus.

Bewertung: 6 von 10 Punkten


"Tatort: Der Fall Holdt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
mrs.cheekyhobson 03.11.2017
1. Furtwängler
als furioser Rache-Cop ? Wir dürfen also alle sehr gespannt sein ...
inmyopinion61 03.11.2017
2. Klingt wirklich spannend.
Wetten, dass die als Schauspielerin tätige Frau Furtwängler wieder die einzige Mimik, die sie televisionär aufsetzt, auch diesmal zeigen wird. Deshalb jetzt schon mal 1 von 10 Punkten. Dabei gibt es so große Schauspielerinnen in Deutschland. Ach ja, die sind nicht mit Herrn Burda verbandelt.
slim_chance 03.11.2017
3.
Gewaltkrimi? Ehrlich? Ist dieses Land wirklich so arm? Opferehemann, gefällt mir das Wort auch Werkzeug der Gewalt tolle Formulierung aber liest sich so als würde der Autor Herr Buß nur über theoretisches Wissen verfügen. Tatort? Langweilig!
Rauner 05.11.2017
4. Wenn Frau Furtwängler
Von den Verantwortlichen auf den Bildschirm geschoben wird – Warum auch immer, die schauspielerische Leistung kann es jedenfalls nicht sein – schalte ich grundsätzlich nicht ein, selbst wenn Herr Buß positiv wertet (sonst ist seine Kritik für mich durchaus relevant). Ich weiß nicht, warum nicht mal jemand sagt, der Kaiser hat ja gar nichts an (bzw. sie kann ja gar nicht Schauspielern)
TLB 05.11.2017
5.
Sehr geehrte(r) cafe-wien, Ihre persönlichen Animositäten haben Sie ja nun ausgebreitet und jeder mit einem mehr als zweistelligen IQ hat sie vernommen. Dass aber die Darstellung einer Bäckereifachverkäuferin angeblich wenig schauspielerisches Talent verlangt, ist zumindest durch -um nur ein Beispiel zu nennen- "Chocolat" hinreichend widerlegt. Zudem haben diverse Filme Andreas Dresens recht schlichte Berufe als Protagonisten. Ihr eventuell berechtigte Kritik torpedieren sie mit Ihrem Hochmut selbst.
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