Ein niedliches Kinderbettchen, an dem Handschellen befestigt sind. Ein dunkles Loch, das mit bunt getuschten Bildern geschmückt ist. Eine kahle Wand, vor der ein Kassettenrecorder mit lustigen Hörspielen steht. Für das Gemisch aus Sadismus und Fürsorge hätten die Macher des neuen Niedersachsen-"Tatorts" keine verstörenderen Bilder finden können.
Ermittlerin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) taucht in die oben beschriebene Kindergruft ab, als sie den Mord an einem Mann aus der Provinz klären muss. Der führte eine scheinbar normale Ehe - hatte aber im Wald eine kleine Datsche gepachtet, unter der er ein Mädchen in einem Verlies in Geiselschaft hielt. Acht Jahre muss das so gegangen sein; acht Jahre wurden die Eltern der Entführten im Unklaren darüber gelassen, ob ihr Kind noch lebt.
Der Fall Natascha Kampusch ist bei diesem Niedersachsen-"Tatort" zweifellos die Hauptinspiration, allerdings vermeiden die Drehbuchautoren Ulrike Molsen und Eoin Moore allzu eindeutige Verweise auf den realen Fall - wohl auch, weil der Anfang des Jahres verstorbene Filmmogul Bernd Eichinger noch kurz vor seinem Tod ein Projekt über den berühmten Entführungsfall initiiert hatte, das 2012 endlich auch tatsächlich Drehbeginn feiern wird. Die Distanz zu Kampusch lässt Raum für eine universale psychologische Durchdringung des Opfer-Täter-Verhältnisses, bei dem die Allmachtsphantasie des Erwachsenen und die Ohnmacht des Kindes eine pervertierte Vater-Tochter-Beziehung schaffen.
Drogen gegen die bösen Erinnerungen
Regisseur Roland Suso Richter ("Mogadischu") inszeniert atmosphärisch dicht; in dunklen Tableaus wie dem Verlies-Szenario wird die gesamte Grausamkeit der Geiselschaft offenbar, ohne auf drastische Effekte setzen zu müssen. Das ist ehrenwert, das ist effizient.
Bei der dramaturgischen Entwicklung aber fällt dem Regisseur für sein Entführungsdrama, bei dem die Kommissarin auf weitere Opfer stößt, immer nur das Naheliegendste ein. Die Figuren bleiben Behauptung: die Ehefrau des Täters (Michaela Caspar), die das Treiben ihres Mannes mit böser Ahnung tolerierte, genauso wie das Entführungsopfer (Janina Stopper), das sich in die Drogensucht geflüchtet hat in dem hilflosen Versuch, die Bilder ihres Peinigers im Kopf auszulöschen.
Zudem gibt es zu viel Ablenkung von dem psychologischen Kern - etwa durch den attraktiven Journalisten (Benjamin Sadler), der schon im letzten Hannoveraner "Tatort" den amourösen Nebenstrang lieferteund nun die Ermittlerin ganz verrückt macht mit seinem Dackelblick. Oder durch die aktuelle Episoden-Sidekick-Ermittlerin (Inka Friedrich), die sich hier ein bisschen zu adrett stöckelnd durchs offenbar werdende Missbrauchsszenario kämpft. Oder durch den kleinen Sohn von Ermittlerin Lindholm, den sie während seines Ponyhof-Urlaubs aufsucht, als ihr der aktuelle Fall zu sehr zusetzt. Da reitet der Kleine, weiß nichts von dem Sadismus, zu dem Erwachsene fähig sind!
Klar, da wird jeder Mutter gleich ein bisschen wärmer ums Herz. Der menschliche Abgrund aber, den man in diesem "Tatort" phasenweise so wirkungsvoll aufgerissen hat, wird unter all diesem Muttertierglück schnell wieder verschüttet. Wir wünschen einen geruhsamen Sonntagabend.
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