Lindholm-"Tatort" über Schlachtfabrik Chucky, das Mörderschwein

Massenglück durch Billigwurst? So lautet jedenfalls die Heilslehre eines Schweine-Barons. Kein Wunder, dass er viele Feinde hat. Ein wuchtiger "Tatort" über Fleisch als Lebensphilosophie.

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Landmann, was für ein Name. Mit dem ist man ja geradezu prädestiniert dafür, Wurst herzustellen. Jan-Peter Landmann (Heino Ferch) gibt sich gerne bodenständig. Dabei ist die Fleischfabrik seiner Familie riesig. 450 Angestellte hat er, plus 2000 Arbeitskräfte mit Werkverträgen aus Osteuropa. Wurst ist für Landmann nicht nur Nahrungsmittel, sie ist für ihn Lifestyle, Philosophie und Politik.

Wenn Landmann spricht, könnte man meinen, er verfolge mit seinem Schweinegehackten und Bockwürsten einen gesellschaftlichen Auftrag: "Wissen Sie, wir sind Bauern, meine Mutter war 20 Jahre im Laden, und ich habe während des Studiums noch selbst geschlachtet. Für mich ist Fleisch ein Genussmittel, so wie für andere Zigarren oder Champagner. Nur dass Fleisch für alle da ist. Fleisch ist demokratisch."

Wenn er etwas getrunken hat, neigt Landmann aber auch zu rustikaleren Ansprachen: "Unsere Gesellschaft besteht aus zwei Teilen. Aus denen, die gut essen und aus denen, die billig essen. Ich mache billiges Fleisch und billige Wurst. Aber beides schmeckt spitze."

Verführung durch Fleisch

Mit seiner Billigwurst-Massenbeglückung hat sich Landmann nicht nur Freunde gemacht. Militante Tierschützer bedrohen ihn ebenso wie die wütenden Kleinbauern der Umgebung, die er verdrängt hat. Eines Nachts wird sein Chauffeur erschossen, alles deutet darauf hin, dass der Anschlag Landmann galt.

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) gerät bei ihren Ermittlungen in eine Welt, in der Fleisch alles bedeutet. Erst schickt Landmann der Kommissarin als Zeichen seiner Liebesgunst Kinderwurstwaren für ihren kleinen Sohn. Später brät er ihr eigenhändig ein Steak; das Fleisch dazu hat er allerdings aus Mecklenburg-Vorpommern bezogen, seine eigenen Produkte isst er schon lange nicht mehr.

Spätestens hier beschleicht einen die Ahnung, dass es im Wurst-Imperium von Landmann nicht mit rechten Dingen zugehen kann. So billig wie das Fleisch ist, kann es kaum korrekt produziert sein. Doch obwohl die gesellschaftspolitische Stoßrichtung sehr schnell klar wird, kommt in diesem "Tatort" keine Langweile auf. Buch und Regie übernahm Alexander Adolph, der schon den legendären Münchner Gisbert-"Tatort" mit Fabian Hinrichs gedreht hat und jüngst im Mahler-"Polizeiruf" mit Matthias Brandt Härte und Melancholie aufeinanderprallen ließ.

Hausschwein im Angfriffsmodus

Auch in seinem NDR-"Tatort" aus dem Schweinegürtel Niedersachsens inszeniert Adolph weithin an den üblichen Spannungskniffen vorbei. Die Schockelemente zum Thema Fleischverarbeitung, wie sie etwa ausgiebig in der Wiener "Tatort"-Folge aus dem Jahr 2012 über die Geflügel-Mafia bemüht wurden, setzt er sparsam und zudem in überraschenenden Momenten ein. Dafür schafft er mit einem üppigen Soundtrack zwischen Sinatra und Wagner eine ganz eigene Stimmung.

Nicht unwichtig, da es inzwischen nur noch einen Lindholm-"Tatort" pro Jahr gibt. Da muss schon etwas Besonderes kommen. Die Taktung ist ungünstig, da Lindholm den vielleicht ambitioniertesten weiblichen Identitätsentwurf unter den TV-Ermittlerinnen lieferte (schwanger, alleinerziehend, wechselnde Partner etc.); die Entwicklung der Figur bleibt jetzt zwangsweise auf der Strecke.

Immerhin gelingt es Regisseur Adolph, einen hübschen Verweis auf die Geschichte der Kommissarin einzubauen: In einer Folge aus dem Jahr 2010 hatte Lindholm eine gefährliche Begegnung mit einem aufgebrachten Wildschwein, in "Der sanfte Tod" nun kriegt sie Ärger mit einem Hausschwein.

Das braun-rosa Vieh heißt Chucky, so wie die "Mörderpuppe" im gleichnamigen Horrorfilm, und ist so groß wie ein Pony. Ein Rudi Rüssel mit Rüpel-Gen. Es gehört natürlich nicht zum schnell hochgezüchteten, schlappen Schlachtvieh Landmanns, sondern einem in die Armut geratenen Nachbarn, der in seiner Wut auf den Fleischbaron allerhand nützliches und unnützes Wissen herausschreit in die Ödnis von Buchholz in der Nordheide. Etwa: "Wussten sie, dass der Orgasmus eines Schweins eine halbe Stunde dauert?" Armer Bauer, glückliches Schwein.


"Tatort: Der sanfte Tod", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Kaffee Wien 05.12.2014
1. ARD springt auf den zeitgeistig veganen Zug auf
Was können wir also erwarten? - Selbstredend: political correctness und lenkungsmedialen Impetus en gros. Gespielt von einer Darstellerin, die nach zwei Jahren Krise erstmals wieder in dieser, ihrer einzigen Schauspielrolle zu sehen ist. Im Ganzen aber verheißt dieses aktualistische Thema nichts Gutes. Wir zahlenden Zuschauer werden wieder einmal mit Mainstreammoral der zwangssubventionierten Güte "versorgt". Schade: Der zweite Tatort in Folge, der im selbstherrlichen und selbstgefälligen Gefühl moralischer Überlegenheit und regierenden Gutmenschentums daherkommt und nur seine Überheblichkeit demonstriert. Wieder ein verlorener Tatort-Sonntag.
spiritof81 05.12.2014
2. 2. Öko-Gesinnungstatort mit Kommissarin Lindholm
Das wäre dann der 2. Öko-Gesinnungstatort mit Kommissarin Lindholm. Es gab schon einen, der sich dank der "Fracking"-Hysterie mit der schröcklichen Erdgasförderindustrie befasste. Nein Danke, unterschwellige, nein bewusste Ökoindoktrination brauche ich nicht. Auf diesen Tatort werde ich verzichten, obwohl die Lindholm-Tatorte noch die besseren sind. Die neuen Teams aus Dortmund z.B. oder den Schweiger-Tatort kann man getrost in der Pfeife rauchen.
gästeblock 05.12.2014
3.
Nr. 1 und Nr. 2 haben den Tatort anscheinend schon gesehen. Wie macht man das? Bitte uns Unwissenden nicht den Mörder verraten.
Kaffee Wien 05.12.2014
4. Tatort schon gesehen
Zitat von gästeblockNr. 1 und Nr. 2 haben den Tatort anscheinend schon gesehen. Wie macht man das? Bitte uns Unwissenden nicht den Mörder verraten.
Schon mal was von Pressevorführungen gehört? Auch der SPON-Kritiker hat ihn ja schon gesehen. Tja, wie macht er das nur? Aber im übrigen hat der SPON-Kritiker den Inhalt so gut beschrieben, dass man sich ein nachvollziehbares Urteil als Leser (!) erlauben kann. Darüberhinaus vergesse ich z.B. nicht sofort alles, was in einem Lindholm-Tatort davor geschehen ist, sodass man "hochrechnen" kann, weil sich z.B. die Figur der Lindholm nicht grundlegend ändert. Ist Ihre kindliche Frage damit ausreichend beantwortet?
Augustusrex 06.12.2014
5. Steak braten
"Später brät er ihr eigenhändig ein Steak; das Fleisch dazu hat er allerdings aus Mecklenburg-Vorpommern bezogen" Der Bösewicht besitzt einen Schweineschlachthof. Wo soll da ein ordentliches Steak herkommen? Das was allgemein als Steak bezeichnet wird, stammt vom Rind. Alles andere sind Euphemismen.
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