Faktencheck zum Schweiger-"Tatort" Ein koksender Innensenator - unmöglich?

Ein Law-and-Order-Mann mit Drogenproblemen, der Kiez von Gangs regiert: Der erste Teil des Doppel-"Tatorts" mit Til Schweiger hat Fragen aufgeworfen - auch die, weshalb nur 8,24 Millionen Menschen zusahen. Der Faktencheck.

Gordon Timpen/ NDR

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Haben auf St. Pauli tatsächlich Albaner und Türken das Sagen?

"Albaner, Libanesen, Türken - das sind die Leute, die unseren Kiez bestimmen." So empört sich im "Tatort" ein rechtspopulistischer Politiker. Der Gegenspieler von Tschiller ist der mächtige Clan-Chef Firat Astan, ein Türke kurdischer Abstammung. Tatsächlich ringen seit den Neunzigerjahren vor allem albanische und kurdische Clans um die Vorherrschaft im Drogenhandel und in der Prostitution.

Zu besonderer Berühmtheit gelangte die "Eros-Center-Gang" um den Albaner Sefadin L., von denen einige Mitglieder gerade in Hamburg vor Gericht stehen, weil sie in tätliche Auseinandersetzungen mit Türstehern eines Klubs auf der Großen Freiheit verwickelt waren.

Zur Zeit drängen aber auch wieder verstärkt Rockerbanden auf den Kiez. Am Montag eskalierte ein schwelender Streit zweier verfeindeter Gangs: Ein Taxi mit drei Mongols-Mitgliedern wurde auf der Reeperbahn mutmaßlich von Hells Angels beschossen. Die Polizei setzte bei der anschließenden Fahndung 46 Streifenwagen ein und nahm zwölf Verdächtige aus dem Umfeld der Hells Angels fest.

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Ein Innensenator, der kokst - ist das möglich?

Öffentlich tritt er als Law-and-Order-Mann auf, in seinem Büro schnieft er gierig das Koks vom Schreibtisch: Im "Tatort" führt der Hamburger Innensenator mit dem schönen hanseatisch klingenden Namen Constantin Revenbrook ein denkbar bigottes Dasein. Eine Anspielung auf den Rechtspopulisten Ronald Schill, der erst als "Richter Gnadenlos" Bekanntheit erlangte und 2001 mit der von ihm mitgegründeten Partei Rechtsstaatlicher Offensive in den Hamburger Senat gelangte.

In seiner Amtszeit als Hamburger Innensenator 2001 bis 2003 gab sich Schill immer als harter Kämpfer gegen den Drogenhandel. Schon damals gab es Behauptungen, der Politiker selbst sei Kokainkonsument. Schill ließ daraufhin eine Haarprobe untersuchen, der Test fiel negativ aus. Auch gab er eine eidesstattliche Versicherung ab, niemals "weißes Pulver" genommen zu haben.

2008 gelangte schließlich ein Video an die Öffentlichkeit, in dem der Ex-Senator in einer Männerrunde ein Röhrchen an seine Nase hält und zwei tiefe Züge nimmt. Kurze Zeit später sagt Schill in dem Video: "Aber jetzt wirkt das Koks bei mir, du. Ich fühl mich total wach." Konsequenzen hatte das Filmchen nicht: Weder wurden seine Pensionsbezüge eingeschränkt noch wurde strafrechtlich gegen ihn ermittelt.

Droht ein Verkauf des Hafens an einen Investor?

Auch in Sachen Wirtschaft hat der Schill-Wiedergänger im "Tatort" starke Ansichten: "Das Konzept Hafen finanziert Hafen, ist gescheitert", erklärt er einmal. Deshalb denkt die Stadt über einen Verkauf an einen russischen Investor nach.

Tatsächlich wurde schon einmal ein Teilverkauf erwogen. 2007 prüfte man in einem Bieterverfahren verschiedene Angebote privater Investoren, um mit den möglichen Einnahmen nötige Infrastrukturmaßnahmen bei der stadteigenen Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) leisten zu können. Nach dem Widerstand der Mitarbeiterschaft wurde aus dem Teilverkauf aber ein Börsengang: Es wurden rund 30 Prozent des Aktienkapitals der HHLA als Stammaktien angeboten.

153 Euro Gefahrenzulage für einen lebensbedrohlichen Job?

Als der kurdische Gangster Astan seinen Ausbruch aus der Haftanstalt plant, will ihn der Innensenator in einer gefährlichen Überführung nach Bayern verlegen lassen. Allerdings werden offensichtlich einige Polizisten der Spezialeinheit bestochen. Einmal heißt es im "Tatort": "Tja, vielleicht sollte der Senat doch mal über seine 153 Euro Gefahrenzulage nachdenken."

Die Angabe ist ziemlich exakt. 153,39 Euro monatlich erhalten beispielsweise Mitglieder des Mobilen Einsatzkommandos oder Beamte, die mit einer "auf Dauer angelegten veränderten Identität" arbeiten, also verdeckte Ermittler.

Hält der NDR Helene Fischer für eine gute Schauspielerin?

Schwer zu sagen. Der Hauptgrund, die "Atemlos"-Sängerin als Killerin zu besetzen, dürfte ein quotenstrategischer gewesen sein. Der zugkräftigste deutsche Filmstar und die zugkrätigste deutsche Schlagerfrau - das muss doch einen Quotenrekord geben!

Die Rechnung ist nicht aufgegangen. Nur 8,24 Millionen Zuschauer sahen am Freitag den "Tatort" (Marktanteil: 22,1 Prozent). Damit liegt Schweiger weit hinter den aktuellen Quotenkönigen Jan Josef Liefers und Axel Prahl, die 2014 mit der Folge "Mord ist die beste Medizin" 13,13 Millionen Zuschauer erreichten (Marktanteil: 36,7 Prozent).

Man muss dazu feststellen, dass Schweigers "Tatort" an einem schwierigen Termin startete: Die Neujahrs-"Tatorte" liegen generell unter den üblichen "Tatort"-Quoten. Allerdings hatte der letzte Neujahrs-"Tatort" mit Nora Tschirner und Christian Ulmen immerhin 8,87 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 24 Prozent). So gesehen hat sich die Formel "Teurer, größer, populärer" für Schweiger und den NDR nicht als Erfolg erwiesen.

Der "Tatort"-Zweiteiler wurde verschoben, da im zweiten Teil angeblich eine Szene vorkommt, die an die Terrorakte von Paris erinnert. Worum handelt es sich?

Das können wir Ihnen leider nicht sagen. Der NDR gab den Film der Presse nicht zur Sichtung frei. Damit fügt sich der Sender Schweigers Politik, der die von ihm gedrehten und produzierten Filme nicht vorab zeigt. Was bei Schweiger als Privatunternehmer vollkommen in Ordnung geht, ist für einen öffentlich-rechtlich finanzierten Film ein bedenklicher Vorgang.

Die Erklärung des Senders, man wolle Spoilern vorbeugen, ist extrem ungelenk. Mit diesem Argument müsste man jeden Krimi bis zur Ausstrahlung unter Verschluss halten. Die Vorgehensweise ist ein Novum und dürfte noch für weitere Diskussionen über den feudalen Führungsstil beim NDR sorgen, der unlängst direkt ins Xavier-Naidoo-Desaster führte.


"Tatort: Fegefeuer" (zweiter Teil des Schweiger-Doppels), Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
winki 02.01.2016
1. Bitte nicht noch mehr ...
von der Sorte. Die Darstellung von Brutalität im Deutschen Fernsehen wird immer schlimmer. Kein Wunder, wenn sich im richtigen Leben Nachahmer finden. Ich verlange nicht, dass nur noch Grimm's Märchen als Film zu sehen sind, was genau genommen auch Krimis sind, aber etwas weniger Blut darf es schon sein. Auch sollte die Darstellung von übelst zugerichteten Leichen ein Tabu sein. Zumindest erwarte ich das vom ÖR-Fernsehen. Mit Bildungsauftrag hat das relativ wenig bis nichts zu tun.
basecape-man 02.01.2016
2. was soll so ein faktencheck????
dies ist doch keine doku .ansonsten ist es schon ein geiler krimi,wenn gleich er den kultstatus eine schimanskysis sicher nicht erreichen wird.und warum diese fischer dort auftaucht ist wohl nur als pr gag zu verstehen.das wäre mal ne story die beziehung zwischen dem "fischer clan" und den öffentlich-rechtlichem fernsehen.
MarkusW77 02.01.2016
3.
Geile Unterhaltung wars. Was will man mehr? Ich muss nicht bei jedem Tatort gesellschaftspolitisch erzogen werden. Einfach mal nur unterhalten werden ist völlig ok.
GSYBE 02.01.2016
4. man wolle Spoilern vorbeugen
Ich teile die Bedenken des Autors nicht, im Gegenteil. Ersetzt man `Spoiler´ durch `einstweilige Verfügungen auf Unterlassung der Ausstrahlung´ oder meinethalben auch `politische Einflussnahme´ macht die Ausführung des NDR schon Sinn. Auch, oder besser gerade wegen, der erkennbaren Parallelen zum `realen´ Hambuger Sumpf.
competa1 02.01.2016
5. Lustig..
..Fakten zur Fiction...;-)
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