Öffentlich-rechtliche Nabelschau Gibt es tatsächlich so viel Stress am "Tatort"-Set?

Fiese Fernsehredakteure, eitle Schauspieler, mörderischer Neid: Der Tukur-"Tatort" am Sonntag war eine grandiose Selbstentblößung. Haben Sie alle Anspielungen verstanden? Ein etwas anderer Faktencheck.

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HR/ Kai von Kröcher

Was für eine Nabelschau! Erst stand Ulrich Tukur als Ermittler Felix Murot vor der Kamera, dann gerät der Darsteller selbst in den Verdacht, einen Mord begangen zu haben. Und während er in diesem Meta-"Tatort" den Täter durch die verschiedenen Wirklichkeitsebenen jagt, werden die Ängste, Lügen und kriminellen Eitelkeiten des deutschen Fernsehspielbetriebs aufs Korn genommen. Wir schlüsseln für Sie die schönsten und gemeinsten Anspielungen auf.

Kriegt man wirklich für jede Nazi-Rolle einen Preis?

Nachdem der Filmdreh durch den Mord ins Schlingern gerät, fordert Tukurs Kollegin Barbara Philipp am Telefon von ihrem Manager einen neuen Job: "Gibt es nicht irgendeinen schönen Nazi-Film? Du, der Tukur darf einen Nazi nach dem anderen spielen, und dem werden die Preise hinterhergeschmissen. Was ist denn mit der Riefenstahl-Rolle? Ja, da bin ich doch nicht zu alt dafür, die ist über hundert geworden!"

Viel Wahres steckt in dieser Aussage: Eine Zeit lang dachte man tatsächlich, Ulrich Tukur ("Stauffenberg", "Eichmanns Ende", "Rommel"), würde in SS-Uniform schlafen gehen, so viele Nazi-Bonzen spielte er bereits. Und ja: Oft wurde er ausgezeichnet.

Das angesprochene Riefenstahl-Projekt ist einer der größten Treppenwitze der deutschen Filmwirtschaft. Erst sollte die Reichsfilmamazone von Jenny Elvers gespielt werden, dann von Maria Furtwängler. Erst sollte der Film im ZDF laufen, dann in der ARD. Inzwischen kam aber Brigitte Hobmeier als Riefenstahl in der tragigrotesken Kraxel- und Schnackselei "Luis Trenker" als Sexbömbchen um die Ecke.

Gibt es immer Stress zwischen den "Tatort"-Darstellern?

Immer wieder erscheinen in diesem "Tatort" Margarita Broich und Wolfram Koch auf der Bildfläche, die neuerdings als Ermittlerduo Anna Janneke und Paul Brix beim Frankfurter "Tatort" zu sehen sind. Hier versuchen sie, einander die Show zu stehlen.

Bei den realen Drehs mit Broich und Koch soll es einigermaßen uneitel zugehen. Es gibt jedoch beim Hessischen Rundfunk fast schon eine Tradition von Ermittlerdarstellern, die Probleme miteinander hatten. So soll Joachim Król immer Angst gehabt haben, dass ihm die Präsenz von Nina Kunzendorf die Show stiehlt. Ihre Partnerschaft beim Frankfurter "Tatort" endete 2013 nach nur zwei Jahren.

Besonders anstrengend soll es beim Doppel Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf zugegangen sein. Am Set flogen die Fetzen, bei gemeinsamen Flügen wurde stets ein Platz beim Cockpit und einer bei der Kombüse gebucht, damit es Ruhe gibt. 2010 wurde den beiden gekündigt.

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Ist Ex-"Tatort"-Star Martin Wuttke tatsächlich so abgehalftert?

Die schönsten Auftritte in diesem Schauspieler-und-Schaumschläger-Spektakel hat Martin Wuttke, der unlängst beim MDR-"Tatort" geschasst wurde und nun alle Kollegen um Geld anhaut: "Habe einen kleinen finanziellen Engpass, seit ich den 'Tatort' in Leipzig nicht mehr mache." Dann faselt er etwas von Privatinsolvenz und Alimenten.

Kaum vorzustellen, dass Wuttke sein "Tatort"-Ende wirklich so schmerzt. Neben Simone Thomalla machte er immer nur eine halb glückliche Figur, außerdem ist er ein viel gebuchter Theaterstar. Liiert ist Wuttke im wirklichen Leben übrigens mit TV-Kommissarin Margarita Broich. Ist doch klasse: Bringt die jetzt die öffentlich-rechtliche "Tatort"-Knete nach Hause.

Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Dorn und Lessing in Weimar
Ist das noch ein Krimi? Nora Tschirner als Kommissarin Dorn und Christian Ulmen als Kollege Lessing lassen mit lässiger Eleganz die üblichen "Tatort"-Ermittlerstanzen ins Leere laufen - und das ausgerechnet im Einflussgebiet des MDR, wo man sich früher schwer tat mit Humor und Subversion. Die beiden sind leider höchstens einmal im Jahr in Weimar im Einsatz und müssen sich dann immer Beschimpfungen vom Gebührenzahler anhören. Im Frühjahr folgt endlich ihr dritter Fall. Auch wenn Krimi-Spießer zürnen: Dürfen gerne regelmäßiger in Erscheinung treten.

Murot in Hessen
Keine Angst vor dem Pianisten! Ob am Klavier oder am Maschinengewehr - Ulrich Tukur als Kommissar Murot ist fast immer eine Sensation. Fast immer: Die Nummer mit den Gauklern in der Zirkus-Folge "Schwindelfrei" von 2013 war wirklich übel, dafür war die Tarantino-meets-Truffaut-Folge "Im Schmerz geboren" 2014 ein absolutes Meistwerk der Reihe. Eine angenehme Abwechslung ist es, dabei zuzuschauen, wie sich Ulrich – Hoppla, jetzt komm ich – Tukur als LKA-Mann Felix Murot durch die Handlung singt, tanzt und musiziert. Oder eben auch mal mit der Schnellfeuerwaffe für Ordnung sorgt. Nach der letzten Folge, in der der reale Schauspieler Tukur auf den fiktiven Murot traf, gab es reichlich erzürnte Anrufe beim HR. Doch der verspricht: Es wird experimentell bleiben, ein weiterer Tukur-"Tatort" ist in Planung.

Tschiller in Hamburg
Wer ist der Größte im "Tatort"-Land? Til Schweiger schielt mit seinem Kommissar Nick Tschiller und seinen Actionblockbusterkrimis ganz eindeutig auf diese Spitzenposition. Beim letzten Doppel-"Tatort" nach dem Jahreswechsel holte man sogar Schlagerstar Helene Fischer ins Boot, um neue Quotenrekorde aufzustellen. Haute aber nicht hin, der Zweiteiler kam beim Publikum schlecht an. Da konnte selbst Schweiger mit Panzerfaust nicht viel anrichten, und auch der begnadete Sidekick und heimliche Hamburg-"Tatort"-Star Fahri Yardim als Kommissar Yalcin Gümer hielt die Zuschauer nicht. Die Publikumslieblinge Axel Prahl und Jan Josef Liefers und deren Zuschauerzahlen sind für Schweiger weiter entfernt denn je. Mal sehen, wie der im Februar startende Kino-"Tatort" ankommt.

Falke in Norddeutschland
Für immer Punk: Wotan Wilke Möhring als Kommissar Falke hört linksradikalen Hardcore, ist immer nur in Absteigen zu sehen und trägt zum Schlafen wie zum Ermitteln ein fadenscheiniges Ramones-Shirt. Erst war er in Hamburg unterwegs, dann musste er Til Schweiger die Stadt überlassen und zog ins norddeutsche Umland ab. Als Bundespolizist kümmert er sich um extrem aktuellen Problemstoff: Schleuserkriminalität und Flüchtlingselend. Zwischendurch gab es ein paar schlechte Folgen, aber zuletzt lieferte Möhring aus Salzgitter den besten "Tatort" zum Thema Flüchtlinge überhaupt. Nach dem Ausstieg von Petra Schmidt-Schaller übernimmt jetzt Franziska Weisz die Rolle der Co-Ermittlerin. Trotz schwieriger Zeiten eines der interessantesten TV-Reviere.

Boerne und Thiel in Münster
Der Prof und der Proll: Seit 2002 ermitteln Jan Josef Liefers als Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne und Axel Prahl als Frank Thiel zwischen Keksdynastien, Kartoffelkönigen und Spargelkaisern. Der eine Snob und eng verbandelt mit der Münsteraner Honoratiorenschaft, der andere St.-Pauli-Fan und Outsider. Eine Kombination, mit der anfangs gekonnt grotesker Humor in den "Tatort" geschmuggelt wurde, der erschöpfte sich in den letzten Jahren aber in Gag-Kanonaden. Zwei Fälle im Jahr, fast immer von neuen Quotenrekorden flankiert. Mit den letzten Folgen hat man endlich wieder einen härteren Ton angeschlagen.

Voss und Ringelhahn in Franken
Die Fremden: Felix Voss ist ein verirrtes und verschlossenes Nordlicht mit Vorliebe für Techno-Exzesse, Paula Ringelhahn machte noch zu Mauerzeiten aus dem Osten rüber, weil sie an Freiheit und Demokratie glaubte. Jetzt ermitteln die beiden Kommissare, die überhaupt nicht zu einander passen, in einer Gegend, in der sie zudem noch deplatziert wirken. Eine reizvolle Grundsituation. Einmal jährlich werden Fabian Hinrichs und Dagmar Manzel als ungleiches Paar im Hinterland von Unter-, Mittel- und Oberfranken auftreten. Hinrichs hatte zuvor schon in einer BR-Episode als Ermittler-Kauz Gisbert für Furore und verliebtes Publikum gesorgt. Ab Mitte April, vielversprechend.

Brix und Janneke in Frankfurt
Wie sind die denn drauf? So ausgeglichen wie Paul Brix (Wolfram Koch, l.) und Anna Janneke (Margarita Broich, r.) geht sonst niemand in Fernsehkrimideutschland zur Arbeit. Gute Laune als Alleinstellungsmerkmal, ein interessanter Dreh. Statt Reibung die geballte Aufmerksamkeit für den jeweiligen Fall. Brix war früher bei der Sitte, Janneke hat zuvor als Psychologin gearbeitet: Eine gute Ergänzung, um in die harten, kranken und doch oft auch heiter verdrehten Fälle des hessischen "Tatorts" hinabzusteigen. Auch nicht schlecht: der Gewitter-Chef (Roeland Wiesnekker), der auf den schönen Namen Riefenstahl hört, hehe. Im Mai absolvierten Brix, Janneke und Riefenstahl ihren ersten Fall - bester Neuzugang im "Tatort"-Kosmos seit langer Zeit.

Rubin und Karow in Berlin
Er ein Schwein, sie eine Schlampe: Im Gegensatz zu den einstigen sonnigen Haupstadt-Cops Ritter und Stark sind "Tatort"-Nachfolger Mark Waschke als Robert Karow und Meret Becker als Nina Rubin mit extrem schwarzen Strich gezeichnet. Während Karow in der ersten Episode krumme Geschäfte mit der Drogenmafia laufen hat, vergnügt sich Rubin bei SM-Spielchen in den Hinterhöfen von Kreuzberger Hipster-Bars. Neben krassen Charakterzeichnungen gibt es im radikal modernisierten Berliner "Tatort" vor allem stimmige Hauptstadtimpressionen. Zwei Folgen pro Jahr, das Debüt macht Lust auf mehr.

Faber, Bönisch, Dalay und Kossik in Dortmund
Die Kranken: Jörg Hartmann schluckt als Peter Faber reichlich Pillen und schlägt Toiletten kaputt. Anna Schudt als Kollegin Martina Bönisch steigt mehr zum Frustabbau als zum Lustgewinn mit Callboys und Staubsaugervertretern ins Bett. Aylin Tezel als Nora Dalay und Stefan Konarske als Daniel Kossik haben schon gemeinsam auf Streife und im Bett zusammen geschwitzt– würden aber niemals das L-Wort benutzen. Zwei Folgen im Jahr. Eines der wenigen TV-Reviere mit stringenter Figurenentwicklung. Beim Start 2012 ein bisschen gewollt, jetzt die Elite des deutschen Fernsehkrimis.

Eisner und Fellner in Wien
Der doppelte Espresso: Seit 1999 ermittelt Harald Krassnitzer als Major Moritz Eisner mürrisch, praktisch, gut. An die 5000 Tassen Mokka und andere starke koffeinhaltige Getränke hat er seitdem in sich hineingeschüttet. Seit 2011 wird er von Adele Neuhauser als Bibi Fellner unterstützt, einer (meistens) trockenen Alkoholikerin mit Hang zur Halbwelt am Prater. Wien, düster und kalt wie ein kleiner abgestandener Schwarzer. Zwei Einsätze im Jahr, immer tut's weh, selten enttäuscht's. 2014 gab es den Grimme-Preis.

Batic und Leitmayr in München
Die ewigen Junggesellen: Seit 1991 sind Miroslav Nemec als Kommissar Ivo Batic und Udo Wachtveitl als Franz Leitmayr im Einsatz. Früher gab es die eine oder andere mit den Fällen verbundene Affäre, heute sind sich die beiden Burschen offensichtlich selbst genug. Sehr zärtlich und verschworen untereinander, gegen den Rest der Welt wird trocken ausgeteilt. Drei Fälle im Jahr, auch nach weit über 20 Jahren besitzen die beiden eine hohe Treffsicherheit. Haben gerade eine junge Profilerin und einen Ermittlerbubi an die Seite gestellt bekommen. So kann es noch 10 Jahre weitergehen.

Borowski in Kiel
Der Weltenwandler: Als Klaus Borowski ist Axel Milberg am besten, wenn er in Parallelkosmen von Psychopathen hinabsteigt – vielleicht weil Borowski selber nah am Wahnsinn gebaut ist. Seit 2003 dabei, stand bis 2009 sinnigerweise unter der Beobachtung einer Polizeipsychologin; 2011 übernahm Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die bislang allerdings noch mit der Betreuung überfordert scheint. Zwei bis drei Fälle im Jahr. War früher beim Publikum recht unbeliebt, hat mit spektakulären Folgen wie der über Crystal Meth aber in der Zwischenzeit kräftig zugelegt.. Der vielleicht klügste Ermittler im "Tatort"-Land."

Ballauf und Schenk in Köln
Das Ehepaar: Klaus J. Behrendt als Max Ballauf und Dietmar Bär als Freddy Schenk standen lange für den guten alten Soziokrimi – kein Thema, das von den beiden nicht warmherzig wegermittelt und wegerklärt wurde. Schenk hat zu Hause eine Frau, die man noch nie gesehen hat. Aber mal ehrlich: Was kann die schon gegen seine große Liebe Ballauf ausrichten? Seit 1997 dabei, drei bis vier Fälle im Jahr. Nachdem Anfang 2014 Assistentin Franziska grausam aus dem TV-Revier gemordet wurde, geht es bei den Kölnern düsterer und unversöhnlicher zu. Steht den beiden "Tatort"-Oldies eigentlich ganz gut.

Blum und Perlmann in Konstanz
Mutter Courage und der Schnösel: Seit 2004 geben Eva Mattes als Klara Blum im Fairtrade-Look und Sebastian Bezzel als Kai Perlmann im gut sitzenden Anzug das Gespann der Gegensätze. Sie guckt traurig bis empört, er gelangweilt bis genervt. Zwei bis drei Fälle im Jahr, waren am Anfang ziemlich gut, heute scheinen beide oft nur noch den Feierabend herbeizusehnen. Den bekommen sie bald: 2016 wird das Bodensee-Revier abgewickelt.

Odenthal und Kopper in Ludwigshafen
Die WG-Stoffel: Früher war Ludwigshafen das Labor des "Tatort". Hier gab es die schönsten amourösen Eskapaden und die verwegensten Storys – samt Ausflug ins All. Ulrike Folkerts als Lena Odenthal ist seit 1989 im Einsatz, Andreas Hoppe als Mario Kopper stieß 1996 dazu. Die offen lesbische Schauspielerin Folkerts durfte ihre Odenthal leider keine langlebige lesbische Liebe erleben lassen. Kämpft sehr mit sich, nach vielen öden Episoden kommt langsam wieder Bewegung in Personenführung.

Lindholm in Hannover und Umgebung
Die Frau von heute: Seit 2002 ist Maria Furtwängler in der Rolle der Charlotte Lindholm in Niedersachsen unterwegs und wurde in den letzten Jahren zum Inbegriff der modernen weiblichen Ermittlerin. WG-erfahren, hochschwanger während brisanter Ermittlungen, später brachte sie Kind und Karriere gut zusammen. Lindholm ist die personifizierte Selbstoptimierung, im Herzen konservativ, aber offen für Experimente. Kurz: die Ursula von der Leyen des "Tatort". Früher zwei bis drei Episoden im Jahr, jetzt nur noch eine. Nicht immer großartig, niemals langweilig.

Flückiger in Luzern
Der Leisetreter: Nachdem Stefan Gubser als Reto Flückiger bereits einige Male als Gast bei Kollegin Klara Blum in Konstanz ermittelt hatte, bekam er 2011 ein eigenes Revier in Luzern. Bringt eine leise Note in den zur Hysterie neigenden "Tatort". In der desaströsen ersten Folge stand ihm noch Sofia Milos als Abby Lanning zur Seite, dann übernahm Delia Mayer als Liz Ritschard die weibliche Sidekick-Rolle. Sie spielt die erste offen lesbische Ermittlerin im "Tatort"-Verbund. Zwei Folgen im Jahr, sorgen oft für unaufgeregte Kontrapunkte.

Lürsen und Stedefreund in Bremen
Die ewigen Spontis: Sabine Postel als Inga Lürsen und Oliver Mommsen als Nils Stedefreund liefern sich ein schönes Wechselspiel. Wenn der Jungspund es zu wild treibt, setzt sie ihr strenges Gesicht auf, wenn die Chefin allzu viel Spaß hat, macht er den Miesepeter. Schnoddrig lösen die beiden auf diese Weise politisch aufgeladene Fälle. Links, launig, manchmal ein wenig zu laut. Sie ist seit 1997 dabei, er seit 2001. Zwei bis drei Fälle im Jahr. Immer gut – solange es den Kommissaren schlecht geht.

Lannert und Bootz in Stuttgart
Die Geschundenen: Richy Müller als Thorsten Lannert und Felix Klare als Sebastian Bootz sind prima Kerle. Der eine mit tragischer Undercover-Ermittler-Vergangenheit, der andere als ehrenhaft gescheiterter Ehemann. Sie liefern gute, korrekte Ermittlerarbeit – der manchmal aber die gute, korrekte Inszenierung fehlt. Seit 2008 im Einsatz, zwei bis drei Folgen im Jahr, da geht noch was.

Stellbrink und Marx in Saarbrücken
Der Zarte und die Harte: Seit 2013 ermitteln Devid Striesow als Jens Stellbrink und Elisabeth Brück als Lisa Marx in Saarbrücken. Er ist ein kiffender Gefühlsmensch, sie eine rabiate Analysemaschine. Man mag es in Saarbrücken in Sachen Charakterzeichnung eben gerne ein bisschen schlichter. Startete als Comedy-Krimi, wird jetzt langsam ernster. Zwei Folgen im Jahr, immer noch die große Baustelle der "Tatort"-Reviere.

Kann man als "Tatort"-Regisseur wirklich so schnoddrig sein?

Der Regisseur am Set wird von Schauspieler und Filmemacher Justus von Dohnányi gespielt, und der hat tatsächlich schon zwei Murot-"Tatorte" inszeniert. Hier spachtelt er Gulasch in sich hinein, während er vom kostengünstigen Doku-Style schwärmt und eine abstruse Idee nach der anderen entwickelt.

Wieviel echter Dohnányi im Film-Dohnányi steckt? Schwer zu sagen, auf jeden Fall hat er für den Hessischen Rundfunk extrem sonderbare "Tatorte" verwirklicht: ein wunderbares Horror-Musical mit den Kessler-Zwillingen und einen scheußlichen Zirkus-Krimi mit Clowns-Gedöns, für den sich später alle Beteiligten geschämt haben.

Und wer ist dieser eklige TV-Redakteur Jens Hochstätt?

Er dreht sich weg, wenn die anderen Hilfe brauchen, und macht auf dicke Hose, wenn die Presse da ist. Die Filmfigur Jens Hochstätt ist ein klassisches Ekelpaket. Der reale HR-Redakteur Jörg Himstedt hat sich da ein schönes Denkmal gesetzt; seinen Namen ließ er von Drehbuchautor und Regisseur Bastian Günther kaum kaschieren.

Ist Himstedt tatsächlich so ein Wurm? Kaum anzunehmen. Immerhin hat er in den letzten Jahren einige experimentierfreudige, unbequeme und brandgefährliche hessischen "Tatorte" mitentwickelt.

In der lustigen Darstellung des öffentlich-rechtlichen Duckmäusers offenbart sich allerdings ein ernstes Problem: Die TV-Redakteure sind mit so viel Macht ausgestattet und quasi-verbeamtet, dass sie weit mehr Einfluss haben als die Filmemacher selbst. Freischaffende Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler, die sich mit dem nicht immer ganz sauberen ARD-Apparat arrangieren müssen, dürften angesichts der amtlichen Arschgranate Hochstätt wissend seufzen.

Woher kommt der Titel "Wer bin ich"?

Er ist inspiriert von einem Lied des 2012 verstorbenen Nils Koppruch, das der Songwriter mit Gisbert zu Knyphausen und der gemeinsamen Formation Kid Kopphausen eingespielt hat. Der Titel lautet "Hier bin ich" und beinhaltete unter anderem diese Worte: "Ich hab zwei Arme/Ich hab zwei Beine/Ich bin viele/Ich bin alleine/Ich bin frei/Und lieg in Fesseln/Ich darf das Codewort nicht vergessen."

Paranoia-Zeilen, die ganz gut diesen heiteren "Tatort"-Alptraum um Schein und Sein, um aufgeblasene Egos und zerstörte Images beschreiben.

Koppruch veröffentlichte zuletzt beim gleichen Label wie Ulrich Tukurs Ensemble Rhythmus Boys, dem kleinen, feinen Unternehmen Trocadero. Angeblich existiert eine alternative unveröffentlichte Version dieses "Tatort", in dem das Lied zu hören ist. Bitte auf YouTube stellen!

Ein Film im Film - ist das neu?

Nein, diese Erzählkonstruktion ist fast so alt wie das Kino selbst. Von Buster Keatons "Sherlock Holmes jr." (1924) über François Truffauts "Die amerikanische Nacht" (1978) bis zu Barry Levinsons "Inside Hollywood" hat man immer Filmillusion und Filmwirklichkeit miteinander vermischt.

Eine der schwierigsten Techniken überhaupt, denn sie geht nur auf, wenn die Akteure bereit sind, sich selbst und ihr Umfeld vollkommen zu entblößen. Beim hessischen "Tatort" ist das der Fall: Hier wurde die Impertinenz gleichsam zur Kunstform erhoben.

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 168 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 27.12.2015
1. die haben
doch keinen Stress am Set.. Bei ca. 7,5 Milliarden ? Zwangsgebühren kann man das Geld doch verbrennen..., abgesehen davon, wer von den Schauspielern war heute so gut, dass er sich es herausnehmen könnte Stress zu machen?!
Leblanc 27.12.2015
2. Herausfordernd
wenn ich die Kommentare zur Vorankündigung lese, gewinne ich den Eindruck, dass Tatort und "mitdenken" schon zu viel verlangt ist. Offensichtlich wird für die gefühlt hohen GEZ-Gebühren immer "flachere" , vorverdaute Unterhaltungskost gesucht - alles andere ist wohl schon zu herausfordernd - erschreckend
BorisBombastic 27.12.2015
3. Muss das sein?
Kann man nicht einfach spannende Unterhaltung drehen? Da filmt sich eine durchgeknattert Filmcrew selbst und der Zuschauer fragt sich, wann denn nun endlich mal der Film beginnt. Erstklassige Schauspieler in einer dünnen Story.
lövgren 27.12.2015
4. Danke...
... für die ergänzenden Erläuterungen zu diesem Tatort-Highlight. Sie machen dieses Meisterwerk erst richtig rund. Ich seh schon wieder die Kleingeister durch die Foren hetzen, die von den Kosten, Zwangsgebühren schlechten Schauspielern schwadronieren. Was solls. Muss der HR aushalten, wenn er schon so mutig ist.
icke_werner 27.12.2015
5. Die Arroganz der Kritik
Da wird dem "normalen" Tatort-Seher schon mal die Impertinenz des Meta-Krimis aufgeschlüsseln. Da müssen auch schon mal Buster Keaton und Francois Truffaut herangezogen werden, um den Zuschauer den intellektuellen Anspruch zu erläutern. Ein Krimi als Kunstform, das bedarf natürlich der Erläuterungen eines Kulturbeflissenen. Nein Danke, dann lieber Til Schweiger.
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