Öffentlich-rechtliche Nabelschau Gibt es tatsächlich so viel Stress am "Tatort"-Set?

Fiese Fernsehredakteure, eitle Schauspieler, mörderischer Neid: Der Tukur-"Tatort" am Sonntag war eine grandiose Selbstentblößung. Haben Sie alle Anspielungen verstanden? Ein etwas anderer Faktencheck.

HR/ Kai von Kröcher

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Was für eine Nabelschau! Erst stand Ulrich Tukur als Ermittler Felix Murot vor der Kamera, dann gerät der Darsteller selbst in den Verdacht, einen Mord begangen zu haben. Und während er in diesem Meta-"Tatort" den Täter durch die verschiedenen Wirklichkeitsebenen jagt, werden die Ängste, Lügen und kriminellen Eitelkeiten des deutschen Fernsehspielbetriebs aufs Korn genommen. Wir schlüsseln für Sie die schönsten und gemeinsten Anspielungen auf.

Kriegt man wirklich für jede Nazi-Rolle einen Preis?

Nachdem der Filmdreh durch den Mord ins Schlingern gerät, fordert Tukurs Kollegin Barbara Philipp am Telefon von ihrem Manager einen neuen Job: "Gibt es nicht irgendeinen schönen Nazi-Film? Du, der Tukur darf einen Nazi nach dem anderen spielen, und dem werden die Preise hinterhergeschmissen. Was ist denn mit der Riefenstahl-Rolle? Ja, da bin ich doch nicht zu alt dafür, die ist über hundert geworden!"

Viel Wahres steckt in dieser Aussage: Eine Zeit lang dachte man tatsächlich, Ulrich Tukur ("Stauffenberg", "Eichmanns Ende", "Rommel"), würde in SS-Uniform schlafen gehen, so viele Nazi-Bonzen spielte er bereits. Und ja: Oft wurde er ausgezeichnet.

Das angesprochene Riefenstahl-Projekt ist einer der größten Treppenwitze der deutschen Filmwirtschaft. Erst sollte die Reichsfilmamazone von Jenny Elvers gespielt werden, dann von Maria Furtwängler. Erst sollte der Film im ZDF laufen, dann in der ARD. Inzwischen kam aber Brigitte Hobmeier als Riefenstahl in der tragigrotesken Kraxel- und Schnackselei "Luis Trenker" als Sexbömbchen um die Ecke.

Gibt es immer Stress zwischen den "Tatort"-Darstellern?

Immer wieder erscheinen in diesem "Tatort" Margarita Broich und Wolfram Koch auf der Bildfläche, die neuerdings als Ermittlerduo Anna Janneke und Paul Brix beim Frankfurter "Tatort" zu sehen sind. Hier versuchen sie, einander die Show zu stehlen.

Bei den realen Drehs mit Broich und Koch soll es einigermaßen uneitel zugehen. Es gibt jedoch beim Hessischen Rundfunk fast schon eine Tradition von Ermittlerdarstellern, die Probleme miteinander hatten. So soll Joachim Król immer Angst gehabt haben, dass ihm die Präsenz von Nina Kunzendorf die Show stiehlt. Ihre Partnerschaft beim Frankfurter "Tatort" endete 2013 nach nur zwei Jahren.

Besonders anstrengend soll es beim Doppel Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf zugegangen sein. Am Set flogen die Fetzen, bei gemeinsamen Flügen wurde stets ein Platz beim Cockpit und einer bei der Kombüse gebucht, damit es Ruhe gibt. 2010 wurde den beiden gekündigt.

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Ist Ex-"Tatort"-Star Martin Wuttke tatsächlich so abgehalftert?

Die schönsten Auftritte in diesem Schauspieler-und-Schaumschläger-Spektakel hat Martin Wuttke, der unlängst beim MDR-"Tatort" geschasst wurde und nun alle Kollegen um Geld anhaut: "Habe einen kleinen finanziellen Engpass, seit ich den 'Tatort' in Leipzig nicht mehr mache." Dann faselt er etwas von Privatinsolvenz und Alimenten.

Kaum vorzustellen, dass Wuttke sein "Tatort"-Ende wirklich so schmerzt. Neben Simone Thomalla machte er immer nur eine halb glückliche Figur, außerdem ist er ein viel gebuchter Theaterstar. Liiert ist Wuttke im wirklichen Leben übrigens mit TV-Kommissarin Margarita Broich. Ist doch klasse: Bringt die jetzt die öffentlich-rechtliche "Tatort"-Knete nach Hause.

Kann man als "Tatort"-Regisseur wirklich so schnoddrig sein?

Der Regisseur am Set wird von Schauspieler und Filmemacher Justus von Dohnányi gespielt, und der hat tatsächlich schon zwei Murot-"Tatorte" inszeniert. Hier spachtelt er Gulasch in sich hinein, während er vom kostengünstigen Doku-Style schwärmt und eine abstruse Idee nach der anderen entwickelt.

Wieviel echter Dohnányi im Film-Dohnányi steckt? Schwer zu sagen, auf jeden Fall hat er für den Hessischen Rundfunk extrem sonderbare "Tatorte" verwirklicht: ein wunderbares Horror-Musical mit den Kessler-Zwillingen und einen scheußlichen Zirkus-Krimi mit Clowns-Gedöns, für den sich später alle Beteiligten geschämt haben.

Und wer ist dieser eklige TV-Redakteur Jens Hochstätt?

Er dreht sich weg, wenn die anderen Hilfe brauchen, und macht auf dicke Hose, wenn die Presse da ist. Die Filmfigur Jens Hochstätt ist ein klassisches Ekelpaket. Der reale HR-Redakteur Jörg Himstedt hat sich da ein schönes Denkmal gesetzt; seinen Namen ließ er von Drehbuchautor und Regisseur Bastian Günther kaum kaschieren.

Ist Himstedt tatsächlich so ein Wurm? Kaum anzunehmen. Immerhin hat er in den letzten Jahren einige experimentierfreudige, unbequeme und brandgefährliche hessischen "Tatorte" mitentwickelt.

In der lustigen Darstellung des öffentlich-rechtlichen Duckmäusers offenbart sich allerdings ein ernstes Problem: Die TV-Redakteure sind mit so viel Macht ausgestattet und quasi-verbeamtet, dass sie weit mehr Einfluss haben als die Filmemacher selbst. Freischaffende Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler, die sich mit dem nicht immer ganz sauberen ARD-Apparat arrangieren müssen, dürften angesichts der amtlichen Arschgranate Hochstätt wissend seufzen.

Woher kommt der Titel "Wer bin ich"?

Er ist inspiriert von einem Lied des 2012 verstorbenen Nils Koppruch, das der Songwriter mit Gisbert zu Knyphausen und der gemeinsamen Formation Kid Kopphausen eingespielt hat. Der Titel lautet "Hier bin ich" und beinhaltete unter anderem diese Worte: "Ich hab zwei Arme/Ich hab zwei Beine/Ich bin viele/Ich bin alleine/Ich bin frei/Und lieg in Fesseln/Ich darf das Codewort nicht vergessen."

Paranoia-Zeilen, die ganz gut diesen heiteren "Tatort"-Alptraum um Schein und Sein, um aufgeblasene Egos und zerstörte Images beschreiben.

Koppruch veröffentlichte zuletzt beim gleichen Label wie Ulrich Tukurs Ensemble Rhythmus Boys, dem kleinen, feinen Unternehmen Trocadero. Angeblich existiert eine alternative unveröffentlichte Version dieses "Tatort", in dem das Lied zu hören ist. Bitte auf YouTube stellen!

Ein Film im Film - ist das neu?

Nein, diese Erzählkonstruktion ist fast so alt wie das Kino selbst. Von Buster Keatons "Sherlock Holmes jr." (1924) über François Truffauts "Die amerikanische Nacht" (1978) bis zu Barry Levinsons "Inside Hollywood" hat man immer Filmillusion und Filmwirklichkeit miteinander vermischt.

Eine der schwierigsten Techniken überhaupt, denn sie geht nur auf, wenn die Akteure bereit sind, sich selbst und ihr Umfeld vollkommen zu entblößen. Beim hessischen "Tatort" ist das der Fall: Hier wurde die Impertinenz gleichsam zur Kunstform erhoben.

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 168 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 27.12.2015
1. die haben
doch keinen Stress am Set.. Bei ca. 7,5 Milliarden ? Zwangsgebühren kann man das Geld doch verbrennen..., abgesehen davon, wer von den Schauspielern war heute so gut, dass er sich es herausnehmen könnte Stress zu machen?!
Leblanc 27.12.2015
2. Herausfordernd
wenn ich die Kommentare zur Vorankündigung lese, gewinne ich den Eindruck, dass Tatort und "mitdenken" schon zu viel verlangt ist. Offensichtlich wird für die gefühlt hohen GEZ-Gebühren immer "flachere" , vorverdaute Unterhaltungskost gesucht - alles andere ist wohl schon zu herausfordernd - erschreckend
BorisBombastic 27.12.2015
3. Muss das sein?
Kann man nicht einfach spannende Unterhaltung drehen? Da filmt sich eine durchgeknattert Filmcrew selbst und der Zuschauer fragt sich, wann denn nun endlich mal der Film beginnt. Erstklassige Schauspieler in einer dünnen Story.
lövgren 27.12.2015
4. Danke...
... für die ergänzenden Erläuterungen zu diesem Tatort-Highlight. Sie machen dieses Meisterwerk erst richtig rund. Ich seh schon wieder die Kleingeister durch die Foren hetzen, die von den Kosten, Zwangsgebühren schlechten Schauspielern schwadronieren. Was solls. Muss der HR aushalten, wenn er schon so mutig ist.
icke_werner 27.12.2015
5. Die Arroganz der Kritik
Da wird dem "normalen" Tatort-Seher schon mal die Impertinenz des Meta-Krimis aufgeschlüsseln. Da müssen auch schon mal Buster Keaton und Francois Truffaut herangezogen werden, um den Zuschauer den intellektuellen Anspruch zu erläutern. Ein Krimi als Kunstform, das bedarf natürlich der Erläuterungen eines Kulturbeflissenen. Nein Danke, dann lieber Til Schweiger.
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