München-"Tatort" über Trash-TV Axt raus zur Medienschelte

Der Münchner "Tatort" nimmt das tödliche Geschäft des Sensationsfernsehens ins Visier. Eine etwas grob gestrickte Medienkritik der ARD an den Mitbewerbern - die vom Regisseur jedoch mit feinen Spitzen gegen den eigenen Sender versehen wird.

BR

Von


Früher war das Fernsehen an allem schuld, heute ist es das Internet. Einer wie Albert A. Anast verbindet das Böse von früher mit dem Bösen von heute - er macht Internetfernsehen. Und zwar der übelsten Sorte: Anast moderiert Reality-Shows, bei denen Menschen vorgeführt und Existenzen vernichtet werden. Der Comedian Alexander Schubert (ZDF-"heute show") spielt diesen Existenzenvernichter mit geifernder Stimme und entfesselter Mimik. Irgendwann liegt der Quälgeist erschlagen unter einer Brücke, Verdächtige gibt es so viele, wie Leute in seiner Sendung niedergemacht wurden.

Ein "Tatort", der Medienkritik übt. Nicht mit dem Florett, sondern mit der Axt. Es kreischt der Moderator, es spritzt das Blut. Am Anfang agiert der später tot aufgefundene Anast wie eine Mischung aus dem fast vergessenen Beleidigungs-Champ Niels Ruf (VIVA) und der immer noch aktiven Voyeurismus-Queen Vera Int-Veen (RTL). Als er für die Aufzeichnung seiner Internet-Show in die verrümpelte Wohnung einer Frau - von ihm nur "Messie-Marie" genannt - eindringt und mit angeekeltem Gesicht Müllberge und Schmutzspuren kommentiert, ist das tatsächlich gefilmt wie eine Szene aus Int-Veens Menschenjägerformat "Mietprellern auf der Spur".

Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) sichten das Handkamera-Material später in der Firma des ermordeten Kotzbrockens. Die Ermittler sind schockiert. Ja, schauen die beiden Fernsehermittler denn selbst kein Fernsehen?

Wiedersehen mit Gregor Weber

Man könnte die Münchner "Tatort"-Episode "Allmächtig" leicht als billige Abrechnung mit den Niederungen des Privat- und des Internetfernsehens abtun. Die Öffentlich-Rechtlichen als Gralshüter des guten und gerechten Fernsehens? Nein, bei aller plakativen Ausschmückung schwingt in dieser grellen Krimi-Groteske auch das Wissen darüber mit, wie unauflöslich die Verflechtungen zwischen den unterschiedlichen Sphären des deutschen Fernsehens heute sind.

Die junge, aufstrebende Medienbutze in diesem "Tatort" (Buch: Gerlinde Wolf, Harald Göckeritz und Edward Berger) erinnert an die vielen jungen, aufstrebenden Medienbutzen, bei denen sich auch die kleinen Ableger von ARD und ZDF sehr gern und vor allem sehr günstig bedienen. Als Batic und Leitmayr bei der Produktionsfirma auftauchen, wird gerade gefeiert, dass man es mit der Anast-Show vom Internet ins richtige Fernsehen geschafft hat.

Eine Szene, die man auch als Seitenhieb auf die zweifelhaften Produktionsweisen an den Rändern der öffentlich-rechtlichen Sender lesen kann: Was wären EinsFestival oder ZDFNeo ohne all die vielen Zuliefererfirmen, die auf eigenes Risiko Sendematerial produzieren in der Hoffnung, irgendwann einen festen, korrekt honorierten Platz im Programm zu bekommen? Und wie bekommt man diesen besser als mit öffentlichkeitswirksamen Selbstinszenierungen?

So beweist Regisseur Jochen Alexander Freydank ein gutes Gespür für die Binnenlogik der deutschen Fernsehindustrie. Er selbst produzierte jahrelang öffentlich-rechtliche Konfektionsware wie "In aller Freundschaft", inszenierte dann aber auf eigenes Risiko den Film "Spielzeugland", der 2009 mit dem Kurzfilm-Oscar ausgezeichnet wurde.

Darin wirkte auch der saarländische Kommissar-Darsteller Gregor Weber mit - mit dem Freydank 2011 auch den Afghanistan-Heimkehrer-"Tatort" "Heimatfront" drehte. Kurz darauf wurde Weber vom Saarländischen Rundfunk geschasst und machte sich in solch enthemmten Hasstiraden Luft, dass man ihn eigentlich für alle Zeit verbrannt sah für die ARD. Hier nun hat er einen hübschen kleinen Gastauftritt als weiteres Opfer des Internetpöblers Anast. Er ist in der Rolle eines Kochs zu sehen - Webers realer Zweitjob neben der unlängst so abrupt beendeten Schauspielerkarriere.

Das ist die feine Pointe der streckenweise etwas grob inszenierten Medienkritik auf die Sensationslust im Trash-TV: Die ARD kann noch so hämisch auf das Blut-und-Tränen-Fernsehen der Konkurrenz hinabschauen - sie hat selbst genug Leichen im Keller liegen.


"Tatort: Allmächtig", Sonntag, 20.15, ARD

insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vantast64 20.12.2013
1. Ein Beispiel für den Sinn der Zwangsgebühr,
freiwillig hätten viele darauf verzichtet, sich das anzutun, aber da wir alle als "freie Bürger" zum Fernsehen verpflichtet sind, mußte es halt sein.Es ist wohl auch eine staatstragende Veranstaltung.
nana22 20.12.2013
2. Leider kommt die Boulevardpresse
ungeschoren davon. Ansonsten steht Medienkritik einem öffentlich rechtlichen Sender gut zu Gesicht.
micromiller 20.12.2013
3. jeder hat das recht jeden muell zu sehen
mir ist nur unklar warum das morden und zuschaustellen von leichen als unterhaltung geduldet oder gefoerdert wird und erotik verbannt ist.
r.muck 20.12.2013
4. komische Frage
"Die Ermittler sind schockiert. Ja, schauen die beiden Fernsehermittler denn selbst kein Fernsehen?" Überdenken Sie doch diese rhetorische Frage nochmal Herr Buß. Es gibt mehr Menschen wie z.B. mich, die die Privaten gar nicht auf der Fernbedienung programmiert haben.
fastallesklar 20.12.2013
5. Ja wo sind sie denn?
Die Millionen Zuschauer des Trash - TV? " Die Ermittler sind schockiert. Ja, schauen die beiden Fernsehermittler denn selbst kein Fernsehen?" Doch, schon, aber nicht so einen Schwachsinn ! Rechnen wir dem Autor zugute, dass er es allein aus beruflichen Gründen tut. ;-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.