München-"Tatort" über Waffendeals Mein Papa wünscht sich Panzer

Wovon träumt ein arabischer König, der schon alles hat? Von deutschen Panzern: Der Münchner "Tatort" handelt von Waffengeschäften mit dem Nahen Osten - und spult ölige Ethno-Klischees ab.

BR

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In seinem Kühlschrank liegt ein Pfund Kokain, im Garten machen die Freunde Schießübungen mit einem Maschinengewehr, und über seinen Teppichladen wird möglicherweise waffentaugliche Hardware verschoben. Nasir al Yasaf (Yasin el Harrouk) pfeift auf die deutsche Rechtsordnung; als Sohn des Emirs von Kumar hat er Diplomatenstatus und genießt Immunität.

Wenn es doch mal brenzlig wird, dann boxt ihn der Konsul des arabischen Staates bei den Münchner Behörden wieder raus - so wie jetzt, als der Party-Prinz mit der Leiche eines Freundes auf dem Beifahrersitz mit 180 Sachen durch München rast und von der Polizei gestoppt wird. Rückendeckung kriegen al Yasaf und der Konsul von der bayerischen Staatskanzlei, denn der Emir plant in seinem Wüstenstaat gerade den Bau einer U-Bahn - und bayerische Technologie soll dabei eine große Rolle spielen. So wie bayerische Technologie auch eine Rolle spielt bei geplanten Waffenlieferungen nach Kumar. Aber über die spricht die Staatskanzlei nicht so gerne wie über die U-Bahn.

Die Parallelen des fiktiven Staates Kumar zum realen Staat Saudi-Arabien sind unübersehbar: Hier wie dort herrscht der König mit absoluter Macht, hier wie dort ist die Scharia geltendes Recht. Und die Verstrickungen zwischen arabischer Autokratie sowie deutscher Politik und deutscher Waffenindustrie im Film weisen viele Ähnlichkeiten mit den umstrittenen Panzer-Deals mit Saudi-Arabien auf.

Es lahmt die Handlung, es funkeln die Dialoge

Ein "Tatort" mit Brisanz also? Nicht wirklich. Regisseur Rainer Kaufmann ("Operation Zucker") verliert zu oft die Balance zwischen Polit-Thriller und Krimi-Groteske. Immer wenn die Handlung verbindlich zu werden verspricht, schwenkt er um zum krassen Kalauer. Immer wenn er sich der tragikomischen Figur des titelgebenden Wüstensohns zu sehr nähert, gerinnt die zum Ethno-Klischee. Ganz schlimm: Sobald der grimmige, geölte Araber irgendwo anrückt, erklingen auf der Tonspur kehlige arabische Klagegesänge.

Dabei bietet dieser "Tatort" auch einige wirklich smarte Momente. Das Drehbuch stammt von Matthias Pacht und Alexander Buresch, die gemeinsam schon die gute BR-"Polizeiruf"-Folge "Fieber" mit Matthias Brandt geschrieben haben und die legendär gute "Rosis Baby" mit Edgar Selge. Buresch erwies sich zudem mit der Sponti-Mama-Komödie "Rose" und der Auschwitzgedenkromanze "Am Ende kommen Touristen" als Meister des scharfen, komischen und unkonventionellen Dialogs in Gesellschaftsbereichen, die allgemein als heikel eingestuft werden.

Und so sind es nun auch die Wortgefechte, die diese Waffendealerposse einige Augenblicke lang zum Funkeln bringen; da kommt die gewohnte ironische Grandezza in den Münchner "Tatort". Etwa wenn Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) seinen Kollegen Batic (Miroslav Nemec) fragt, weshalb der Emir von Kumar eine U-Bahn in der Wüste bauen wolle, und der andere antwortet: "Weil es oben so staubt." Oder wenn die scharf schießende arabische Partykanone dem diesmal besonders energisch auftretenden Batic Avancen macht, doch gegen sehr, sehr viel Geld bei den Polizei-Häschern seines Vaters anzufangen und ihn sein Partner danach mit den Worten aufzieht: "Machen doch die Fußballprofis auch: Im Herbst ihrer Karriere gehen sie noch mal in die Wüste zu den Scheichs."

Die eigentliche Hauptfigur dieses "Tatort" indes, der koksende und krakeelende Araberbub, bleibt dann doch recht blass. Nur einmal möchte man ihn zur Seite und in den Arm nehmen. Da erzählt er mit rührender Offenherzigkeit, wie schwierig es ist, einem Vater, der 160 Edelgäule in seinem Gestüt stehen hat, ein wertvolles und bedeutungsvolles Geschenk zu machen. Dann zeigt er den Ermittlern mit glasigen Augen ein Foto mit einem möglichen angemessenen Präsent: ein deutscher Panzer. So zärtlich wurde deutsches Kriegsgerät noch nie ins Bild gerückt.


"Tatort: Der Wüstensohn", Sonntag, 20.15, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 9 Beiträge
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Wolffpack 12.09.2014
1.
Wann spult der Tatort nicht dumpfe Klischees ab? Ist doch eh die Sendung für besorgte Bürger, die sich einmal über irgendwelche ganz dollen Probleme aufregen dürfen, am Ende der Böse im Gefängnis landet und sie dann beruhigt ins Bettchen gehen dürfen. Pathos ist doch eh meist "Wir sind betroffen und müssen dolle darüber nachdenken".
thomas.b 12.09.2014
2.
Na das düfte ja einige Konservative in der Region durchaus in ihrer Weltsicht fordern: Ausländer (böse) mit Drogen (böse) kaufen deutsche Panzer (gut) und der Staat (gut, allwissend, unfehlbar) klüngelt fleißig herum. Bin gespannt.
julia-s12345 12.09.2014
3. lese die Kritik erst...
Ich lese die Kritik erst, wenn ich den TATORT am Sonntag abend gesehen habe! Ist besser!
citi2010 12.09.2014
4.
Der TATORT ist die Ausgeburt des deutschen Fernsehens: angeblich wichtige Themen in Krimis verpacken und dort didaktisch aufarbeiten. Nach der Sendung am besten noch eine kurze Abfrage ob es auch alles verstanden wurde.
trcb 12.09.2014
5. Tucholsky wusste:
so, wie sich Lieschen Müller die große Politik vorstellt, so funktioniert sie! - Schwer zu glauben, aber so ist es! Nichts wird ausgelassen. Alles ist möglich. Ergo: über Jahrhunderte nur wenig gelernt! Traurig - aber wahr!
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