Jubiläums-"Tatort" aus Münster Schädel zertrümmert, Krimi gerettet

So komisch, krass und klug wie zur 25. Folge kam der Münster-"Tatort" nie zuvor daher. Ein selbsternannter Superheld kämpft mit harten Hieben gegen einen Großpuff - eine Story, in der jede Pointe sitzt wie ein Hammerschlag.

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Münster ist gerettet. Ein Mann mit selbstgebasteltem Hodenschutz, neongrünen Kinderhandschuhen und grimmiger Attitüde ist gekommen, um die Stadt von Schmutz und Korruption zu befreien. Ein "Taxi Driver" mit bis zum Kinn runtergezogener Wollmütze, ein Superman mit mottenzerfressenem Cape.

Seine Gegner lachen, wenn der, nun ja, Superheld ihnen gegenübertritt. Es sind schmierige Zuhälter, schmierwillige Grundstücksmakler und geschmierte Lokalpolitiker. Gemeinsam wollen sie einen "Wellnesstempel" errichten, verheißungsvoll benannt nach dem hawaiianischen Strand Waikiki; in Wirklichkeit handelt es sich bei dem Bauvorhaben um das größte Bordell Westfalens, das nach seiner Fertigstellung Steuergelder in die Kassen Münsters spülen soll.

Ein paar sehr gezielte Schläge mit dem Hammer, so werden die Puff-Verschwörer von dem Vigilanten, der ein H für Hammer auf der Brust trägt, der Reihe nach ausgeschaltet. Da applaudiert auch die Münsteraner Bürgerwehr aus Hippies und Kleinbürgern, die sich formiert hat, um das Großprojekt zu verhindern. Die einen haben Angst davor, dass hier Frauen erniedrigt und ausgebeutet werden, die anderen fürchten fallende Immobilienpreise in der Nachbarschaft. Der Hammer wird es richten.

Die Coen-Brüder lassen grüßen

Tatsächlich, Münster ist gerettet. Die Folge um den Rächer der Genervten ist die Erfüllung des Versprechens, das uns die westfälischen "Tatort"-Ermittler seit so langer, langer Zeit schuldig geblieben sind: Hier endlich bekommen wir eine tiefschwarze Krimikomödie, die mit bösen, ja schmerzhaften Pointen provinzielle Seilschaften aufzeigt. Wo über die letzten Jahre zahnlos geömmelt wurde, da wird jetzt kräftig zugepackt. Eine Wende für das betont politisch unkorrekte Krimi-Revier, so wie es der WDR versprochen hat.

Für Drehbuch und Regie zeichnet Lars Kraume verantwortlich. Er hatte bereits eine ganz frühe Münsteraner Folge inszeniert und im Anschluss den Frankfurter "Tatort" renoviert; schon bei dem inzwischen zerbrochenen Team um Joachim Król und Nina Kunzendorf hat Kraume ein enormes Gespür für Timing, Taktung und trockenen Humor bewiesen. Für die 25. Folge des Münsteraner "Tatort" setzt er jetzt nebenbei Pointen, ohne den Handlungsstrom zu stören.

Es fängt damit an, dass Kommissar Thiel (Axel Prahl) einen Raum stürmt, in dem er einen Verdächtigen vermutet, und sich vor Aufregung mit dem Gürtel an der Türklinke verhakt, so dass er schließlich vor der Kollegin Krusenstern (Friederike Kempter) die Hosen runterlassen muss. Es geht weiter in den Szenen, in denen Professor Boerne (Jan Josef Liefers) im Baumarkt ein Hammermodell sucht und den Verkäufer fragt, mit welchen Modellen sich denn bitteschön Schädelplatten zertrümmern ließen, um anschließend mit einer gewissen Lust die Schlagkraft des Objekts an Schweinsköpfen zu testen.

Und es endet bei den vielen wunderbar gecasteten Nebenfiguren, für die hier stellvertretend Frank Zander mit einem fulminanten Auftritt als Lude genannt sei. In der Hose eine Hasenpfote groß wie ein Vorschlaghammer, im Gesicht ein überhebliches Grinsen. Ein Grinsen, das nach dem obligatorischen Hammerschlag zu der schrecklichsten und schönsten Leichengrimasse gefriert, die man je in einem "Tatort" gesehen hat.

Die scheinbare Unangestrengheit, mit der Kraume die humoristische Entfesselung probt, und die nonchalante Detailversessenheit in Bezug auf die Figuren - das erinnert in den besten Momenten an den höheren Klamauk der Coen-Brüder. Und so findet der Münsteraner "Tatort" zum Jubiläum endlich seine Bestimmung: Die Provinz wird zum grotesken Parallelkosmos, in dem auf aberwitzige Weise der eine mit dem anderen verbandelt ist. Wie weh das tut. Wie gut das tut.


"Tatort: Der Hammer", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
mr.feelgood 11.04.2014
1.
Oh- das klingt vielversprechend. Sollte der Frieden am Sonntagabend, die Lust am Krimi, neu gerettet sein?
George_KA 11.04.2014
2. Echt?
Ist das jetzt echt mit der Beschreibung? Wenn ja, dann mach ich am Sonntag lieber wieder Amazon-Prime an. Da kann ich mir die schlechten Filme raussuchen....
rennflosse 11.04.2014
3. Bashing
Zitat von sysopARDSo komisch, krass und klug wie zur 25. Folge kam der Münster-"Tatort" nie zuvor daher. Ein selbsternannter Superheld kämpft mit harten Hieben gegen einen Großpuff - eine Story, in der jede Pointe sitzt wie ein Hammerschlag. http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-muenster-der-hammer-mit-jan-josef-liefers-und-axel-prahl-a-961916.html
Hm, schon drei Beiträge. Müßte man den TO nicht erstmal sehen, bevor man dazu was schreibt?
frodosix 11.04.2014
4. Rächer mit Hammer
Klingt wie ein Remake des Films "Super"
schmusel 11.04.2014
5.
Zitat von George_KAIst das jetzt echt mit der Beschreibung? Wenn ja, dann mach ich am Sonntag lieber wieder Amazon-Prime an. Da kann ich mir die schlechten Filme raussuchen....
Es wird dich niemand vermissen.
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