"Tatort" zur Asylrechtsdebatte Dieses Gesetz macht krank

Ein Schweizer Krimi, der wie die Faust aufs Auge zur deutschen Asylrechtsdebatte passt: Flückiger und Ritschard im Dienst eines Gesetzes, das Flüchtlinge pauschal kriminalisiert. Vor der Sommerpause zeigt der "Tatort" noch mal Zähne.

ARD

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"Please don't smile!" Die ersten Szenen des Schweizer "Tatort" haben es in sich: Es geht um das Fotografieren und das Vermessen eines jungen Flüchtlings, im Behördensprech UMA genannt - unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender. Als der Junge verunsichert lächelt, wird er von den Beamten ausgebremst. Die folgende behördliche Erfassung des Nigerianers erfolgt unter den Gesichtspunkten einer potenziellen kriminellen Gefahr. Das Verbrechen? Die Flucht!

Einige Szenen später sehen wir, wie der schwarze Junge auf den Straßen von Luzern mit kleinen weißen Päckchen dealt. Ebi (Charles Mnene) spielt inzwischen den Laufburschen für die nigerianische Mafia, die im Kokainhandel der Stadt mitmischt. Später liegt er erstochen unter einer Brücke, das Lächeln hatte er sich zuvor schon abgewöhnt. Die ebenfalls aus Nigeria stammende minderjährige Jola (Marie-Helene Boyd), der die Ermittler im Laufe der Untersuchungen begegnen, scheint auch in den Drogenhandel verstrickt zu sein.

Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) sehen sich mit den Auswüchsen der Schweizer Flüchtlingspolitik konfrontiert: Auf der einen Seite die nigerianische Mafia, die orientierungslose minderjährige Flüchtlinge rekrutiert, auf der anderen Seite entwurzelte nigerianische Fischer, denen durch Umweltverschmutzungen ihre Existenzgrundlage entzogen wurde und die nun in der Schweiz auf ein ehrliches besseres Leben hoffen, aber wie Schwerkriminelle behandelt werden.

Kommissar mit Kopfschmerzen

Was sollen die Behörden tun? Nach dem Referendum gegen die angebliche massenhafte Zuwanderung 2014 sind sie, das Volk hat so entschieden, zum harten Durchgreifen gegen Flüchtlinge angehalten. Damit rückt der Schweizer "Tatort" dicht ran an die aktuelle bundesdeutsche Debatte um die Verschärfung des Asylrechts.

Vor der Sommerpause zeigt der "Tatort" noch mal seine Zähne. Vor drei Wochen brachte eine Bremer Folge um die Machenschaften im Windenergiesektor Politik und Lobbyisten in Bedrängnis, die Woche drauf sah sich Bürgermeister Fritz Kuhn gezwungen, auf den "Tatort" rund um das Thema Stuttgart 21 zu reagieren. Und nun dieser grimmige, bewegende Krimi aus der Schweiz, der eine Pauschalkriminalisierung von Flüchtlingen zeigt, die auch am Ende der bundesdeutschen Asylrechtsauseinandersetzung stehen könnte. Der "Tatort" als Debatteninstrument, so darf es nach der Sommerpause weitergehen.

Dabei funktioniert "Schutzlos" (Co-Autorin: Josy Meier) über Strecken als klassischer, harter Polizeikrimi. Regisseur Manuel Flurin Hendry hatte 2004 den Milieu-Thriller "Strähl" mit Roeland Wiesnekker als Siff- und Suffcop in Szene gesetzt und damit international für Furore gesorgt; auch in seinem neuen "Tatort" bleibt er dicht bei den Polizisten und steigt in die kriminelle Subkultur von Luzern hinab und zeigt die Verwüstungen, die dabei hinterlassen werden. Ermittler Flückiger verliert sich in dem Fall; bald wird er von Halluzinationen und Migräneanfällen heimgesucht.

Kann man als Statement lesen: Hier steht der Polizist im Dienst eines Gesetzes, das ihm Kopfschmerzen bereitet.


"Tatort: Schutzlos", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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