Stau-"Tatort" aus Stuttgart Mein Kind, mein Auto, mein Hass

Alles, was nervt, nervt im Auto doppelt: In Stuttgart erhalten die Ermittler Einblick in Privathöllen auf vier Rädern. Ein "Tatort", der ganz sicher nicht von der Autoindustrie gesponsert wurde.

SWR/ Alexander Kluge

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Deutschland ist nicht La La Land. In diesem "Tatort" reißt niemand beschwingt die Autotür auf, um auf dem Wagendach eine Steppnummer hinzulegen, so wie das am Anfang in dem Hollywooderfolgsmusical auf den verstopften Straßen von Los Angeles geschieht. Dabei stehen die Menschen im Stuttgarter "Tatort" doch gleich auf Spielfilmlänge im Stau, während aus den Autoboxen unentwegt Musik quirlt. Metallica bei dem Angestellten, der kurz vor Feierabend noch einen Extraauftrag vom Chef mit auf den Weg bekommen hat. Die "La Boum"-Filmmusik bei dem alten Pärchen, bei dem inzwischen der blanke Hass regiert. Und Peter Lichts Powerpopkaskade "Wettentspannen" bei der jungen Mutter, die ihre überdrehte Tochter vom Ballett abholen muss.

Alles, was nervt, nervt im Auto doppelt. Kinder, Beziehungen, Arbeitgeber. Und Peter Licht singt in seinem Lied dazu: "Wer sich schneller entspannt, ist besser als jemand, der sich nicht so schnell entspannt."

Was auch ein wunderschöner Kommentar zum widersinnigen Optimierungswettbewerb der Automobilindustrie ist: Wer baut die Rasermaschinen, in denen man am besten relaxen kann? Wer die größten Benzinmonster mit der saubersten Technik? Wer die Hochsicherheitskapseln, die den Menschen am meisten auf Abstand bringen zu der Welt, durch die er gerade düst? Im Auto ist der Mensch ganz allein mit sich. Und seinem Frust. Bei Stillstand droht dieser Frust zu explodieren.

Stuttgarts kaputte Lunge

200 Pulverfässer aus Blech tun sich vor den Kommissaren Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) auf, als sie in ihrem jüngsten Fall ermitteln. Eine junge Frau wurde überfahren und sterbend zwischen Mülltonnen zurückgelassen, Berechnungen ergeben, dass der Mörder in den Stau in der Weinsteige geraten sein muss, Stuttgarts kaputter Lunge, wo der Verkehr am Ende jedes Berufstags steht.

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"Tatort" aus Stuttgart: Autofahrer auf die Barrikaden!

Bewegt sich denn gar nichts in diesem Kollaps-"Tatort"? Doch, die sozialen Netzwerke! Als die Lage eskaliert und den freien Bürgern ein wenig zu lange schon die freie Fahrt verwehrt wird, regt sich über Twitter Widerstand. Eine junge Polizistin ruft halb alarmiert, halb euphorisiert: "Hashtag Weinsteige trendet!" Ansonsten: Stau, wohin das Standlicht auf der Weinsteige auch leuchtet.

Schon in der kontrovers aufgenommen "Tatort"-Folge um Stuttgart 21 war das Autoproblem der Autobauerstadt ein zentrales Thema, da jagten Lannert und Bootz allerdings noch durch ein gemeingefährliches System aus Untertunnelungen und Umgehungsstraßen, um ein ebenso gemeingefährliches System aus Korruption und Subventionsbetrug aufzudecken. Lautete die Frage da "Wie formt der Mensch seine Autowelt", so lautet sie im neuen "Tatort": Wie formt die Autowelt den Menschen?

Am Ende gehen die Menschen im Stau sogar auf die Barrikaden. Sind das die gleichen Wutbürger, die vor fünf Jahren bei den Stuttgart-21-Protesten noch für das Überleben des Juchtenkäfers aufbegehrten?

Autor und Regisseur Dietrich Brüggemann, der seine Karriere mit klugen WG-Komödien wie "3 Zimmer/Küche/Bad" begann und zuletzt die lustvoll überreizte Neonazi-Satire "Heil!" ins Kino gebracht hat, inszeniert auf Pointe, aber auch psychologisch präzise.

Jede kleine Privathölle auf vier Rädern, in die Lannert und Bootz während ihrer Untersuchungen blicken, ist in sich schlüssig aufgebaut. Angefangen bei der Musik, die sich stets kommentierend oder entlarvend kontrapunktisch zu den Fahrern der überwiegend hochgerüsteten Automobile verhält: Zorn, Verzweiflung und Anmaßung in Dolby Surround.

Die Figuren in "Stau" (Co-Autor: Daniel Bickermann) sind knapp charakterisiert, führen im Ensemblezusammenspiel aber auf die zweite Ebene des Films. Das Paar, das ausgerechnet auf dem Weg zum letzten rettenden Therapeutentermin aufgehalten wird. Die Ballett-Mom, die in ihrer agilen Mütterlichkeit ein Monstrum produziert hat. Die brutal dynamische Managerin, die vom Rücksitz aus ihren Chauffeur drangsaliert, bis der das Weite sucht - alle diese Figuren fügen sich zusammen zu dem Bild einer Gesellschaft, die an ihrer eigenen Mobilität zu verrecken droht. Zu einem Requiem in D-Dur für die siechende Autorepublik Deutschland.

Bewertung: 9 von 10


"Tatort: Stau", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 21 Beiträge
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curiosus_ 08.09.2017
1. Oh Gott,...
...nur weil der Plot in einem total unrealistischen (stundenlangen?) Dauerstau spielt handelt es sich um ein "Requiem in D-Dur für die siechende Autorepublik Deutschland"? Und der Katastrophenfilm im havarierten Verkehrsflugzeug (Kreuzfahrtschiff, Hochgebirgshotel, Polarstation, Raumschiff usw. usw.) ist dann ein Abgesang für das siechende Luftfahrtwesen (Kreuzfahrtwesen, Hotelwesen, Polarforschungswesen, Weltraumfahrtwesen usw. usw.)?
josefinebutzenmacher 08.09.2017
2. Super, ich freu mich drauf
Klingt nach einer Art Kunst-Kammerspiel, das die Psyche der Grossstadtmenschen gnadenlos seziert. Die Tatorte aus Stuttgart wurden in der letzten Zeit immer besser. Experimentell und mutig, kein Bienzle-Gedöns mehr.
kobra21 08.09.2017
3. Unterhaltung?: Nein
Früher war "Tatort" ein Garant für Unterhaltung und Spannung. Diese Zeit ist bei den meisten Episoden längst vorbei. Es gibt nur noch wenige Ausnahmen wie z.B. den Tatort aus Münster. Auch Tatorte aus Österreich haben noch einen Unterhaltungswert. Bei den restlichen Tatorten hat man den Eindruck, dass es nur noch darum geht "politische Inhalte" an den Mann oder Frau zubringen. Spannung gleich null. Die Beteiligten verstehen sich nicht als Krimiproduzenten, sondern als Sozialpädagogen, die die Zuschauer in bestimmte Denkmuster lenken wollen. Spass, Unterhaltung,Spannung am Sonntagabend - diese Faktoren sind bei den meisten Tatorten auf der Strecke geblieben. Da schau ich mir dann doch lieber die englischen Krimis an oder einfach andere aus Deutschland, von denen es ja noch einige gibt. Anstatt "Tatort" am Sonntagabend gehen wir heute lieber ins Restaurant!
digitus_medius 08.09.2017
4. @ #3 Cobra11
Mein Gott, immer dieses Gejammer wegen Umerziehung usw. Man hält es.ecjt nicht mehr aus. Seid ihr alle Kinder oder was? Wenn es dir nicht passt, warum liest du den Artikel und kommentierst auch noch? Andererseits: du kannst heute Abend bei MacDon essen und trotzdem am Sonntag Tatort gucken Scheint sich echt zu lohnen. Oder wie Josie dagte: Ich freue mich darauf! Wenn es dir echt nicht gefällt, guck halt weiter Cobra 11 (Jaja, dein Nick hat dich verraten). Gibt ja für alle Gemüter etwas.
vincent1958 08.09.2017
5. NA ja...
Zitat von kobra21Früher war "Tatort" ein Garant für Unterhaltung und Spannung. Diese Zeit ist bei den meisten Episoden längst vorbei. Es gibt nur noch wenige Ausnahmen wie z.B. den Tatort aus Münster. Auch Tatorte aus Österreich haben noch einen Unterhaltungswert. Bei den restlichen Tatorten hat man den Eindruck, dass es nur noch darum geht "politische Inhalte" an den Mann oder Frau zubringen. Spannung gleich null. Die Beteiligten verstehen sich nicht als Krimiproduzenten, sondern als Sozialpädagogen, die die Zuschauer in bestimmte Denkmuster lenken wollen. Spass, Unterhaltung,Spannung am Sonntagabend - diese Faktoren sind bei den meisten Tatorten auf der Strecke geblieben. Da schau ich mir dann doch lieber die englischen Krimis an oder einfach andere aus Deutschland, von denen es ja noch einige gibt. Anstatt "Tatort" am Sonntagabend gehen wir heute lieber ins Restaurant!
..wer halt Omas Krimis a la "wo waren Sie zwischen 18°°und 20°Ûhr liebt ,für den sind die heutgen Tatorte wirklich nichts;und anstelle des Münsteraner Tatort kann man auch eine Live Show von Mario Barth senden.O tempora o mores
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