Falke-"Tatort" über Wutbürger Der Stadtrand rüstet auf

Lynchjustiz am Gartenzaun: Die Hamburger "Tatort"-Ermittler kriegen es mit einer rabiaten Bürgerwehr zu tun, die ihre Eigenheimwelt bedroht sieht. Düsterer Stimmungsbericht aus der Vorstadt.

NDR/ Christine Schroeder

Von


Herbstzeit ist Einbruchzeit. An den Rändern der Stadt, wo die Eigenheime und die Straßenlaternen ein bisschen weiter auseinander stehen, häufen sich die Eigentumsdelikte. Ziele der Räuber sind Häuser, die nach genug Wohlstand aussehen, um dort etwas zu erbeuten, aber nicht nach so viel Wohlstand, dass mit ausgeklügelter Sicherheitstechnik zu rechnen ist.

Der Stadtteil Neugraben im Süden Hamburgs ist voll von solchen Häusern, hier leben Okay-Verdiener in moderater Klinkerheimeligkeit, umzäunt von gusseisernen Toren, die sich leicht überwinden lassen. Viele haben die Immobilien von Vater oder Mutter geerbt, man lebt hier wie einst als Kind mit seinen Eltern in den Siebziger- oder Achtzigerjahren, während sich der Rest der Welt schneller und schneller zu drehen scheint.

Die Ermittler Grosz (Franziska Weisz) und Falke (Wotan Wilke Möhring) sollen dieses bedrohte - oder sich möglicherweise auch nur bedroht fühlende - Mittelstands-Areal beschützen. Sie sind Teil einer "Super-Soko", einer Art Promotion-Einheit der Hamburger Polizei, über deren Auftrag und Ausstattung sie selber lachen müssen. Die "Super-Soko" soll Aktionismus an den Tag legen, um der brodelnden Stimmung der Eigenheimbesitzer entgegenzuwirken. Mit ihrem ersten Einsatz erreichen Grosz und Falke allerdings das Gegenteil.

Fotostrecke

11  Bilder
"Tatort" aus Hamburg: Vorort-Sheriffs

Nachdem ein Mann (Sven Poser) in seinem Wohnzimmer einen Einbrecher erschossen hat, müssen die Kommissare ermitteln. Der Bruder des Schützen (Andreas Lust) beruhigt den anderen: "Du hast dein Heim verteidigt. Unser Elternhaus. Das nennt man Notwehr." Doch Grosz und Falke ermitteln wegen Totschlags. Die Nachbarn sind aufgebracht, erst kann die Polizei die Bürger nicht schützen, und wenn die das selbst tun, so ihre Klage, werden sie als Kriminelle behandelt. Jetzt kocht der Volkszorn.

"Internet ist nur für Spacken"

Und der kennt keine Rechtschreibung: In einer Szene lesen sich die Ermittler vor, was im Forum einer Bürgerwehr über sie steht. "'Was für ein Fotzengesicht, ich will ihn schlagen.' Fotze mit V", zitiert Grosz grinsend eine Attacke auf Falke. Und weiter: "'Auf welcher Seite stehst du, Bulle? Bring dich endlich um, du Missgeburt!'" Falke stur: "Ich hab ja gesagt, Internet ist nur für Spacken."

Gleichmut hilft in diesem Fall aber nicht weiter. Bald macht die "Nachbarschaftswache Neugraben" mobil, das Ziel ist eine weitere Person, die bei dem tödlichen Einbruch dabei war, sowie Falkes Sohn. Das Internet wird zum Pranger, schon wenige Stunden später - eine etwas unglaubwürdige Zuspitzung - wird der kleine Falke auf St. Pauli von einem Neugrabener Stadtrand-Sheriff attackiert.

Trotz der drastischen Entfesselung gutbürgerlicher Eigenheimbesitzer als wutbürgerlicher Lynchmob kommt dieser "Tatort" überwiegend ohne Polemik aus, er ist dicht bei den Menschen, und zwar auf beiden Seiten des Gartenzauns. Gleich am Anfang lernen wir den kleinen Bulgaren kennen, der wenig später vom Hausbesitzer erschossen wird. Grosz und Falke verhören ihn, sie will ihn über Nacht in Haft stecken, Falke entlässt ihn mit Augenzwinkern in die Freiheit - was soll so ein Lauch schon anrichten.

Ein paar Stunden später liegt der kleine Bulgare erschossen auf dem Teppich des Eigenheims. Ob der Hausbesitzer aus Notwehr oder mit Vorsatz geschossen hat, lässt sich erst mal nicht feststellen. Aber auch ohne die Motivation zu kennen, sagt der Anblick des zitternden Mannes alles über die Wirkung seiner Tat bei ihm selbst: Der Tod des anderen hat ihn nicht gerettet, er hat ihn gebrochen.

Die Militanz der Vorstadt

Das Drehbuch stammt aus der Feder von Benjamin Hessler und Florian Oeller. Oeller hat zuvor den furiosen Rostocker "Polizeiruf" über rechte Gewalt geschrieben, wo das Publikum zum Teil aufreibend dicht bei Personen war, die sich vom Staat nicht mehr vertreten fühlen. So ist es auch in diesem Bürgerwehr-"Tatort", der nachzeichnet, wie der Stadtrand angesichts der konkreten Bedrohung durch Einbrecher und der diffusen Angst vor einer sich ändernden Welt in die Militanz driftet. Brennpunkt Eigenheim-Paradies.

Regisseurin Samira Radsi ("Die Protokollantin") inszeniert mit Gespür für die Brüche der Figuren, gegen Ende gerät ein wenig die Plausibilität ins Straucheln. Trotzdem wird nachvollziehbar, weshalb der nette Nachbar sich auf einmal als Opfer einer Weltverschwörung sieht. Nach dem kontrovers aufgenommenen AfD-Krimi "Dunkle Zeit" ein weiterer Falke-"Tatort", der sich vor der detaillierten Hamburger Topografie den neuen großen Bruchlinien der Gesellschaft nähert.

Einmal sehen wir Alt-Punk Falke nach getaner Arbeit beim geruhsamen Schlaftrunk in seiner Altbauküche auf St. Pauli. Mit der Katze nimmt er einen Schluck Milch, er aus dem Glas, sie aus der Schüssel. Wie sich die Welt verändert hat: Die einst so sicher geglaubte Vorstadt ist im Krieg, und die einstigen Brennpunkte sind inzwischen Horte des Hygge-Glücks.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Treibjagd", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Migo123 16.11.2018
1. Der Tatort: Sozialwerkstatt der Öffentlich Rechtlichen Anstalt?
Öko-Nazi! So wurde in einen der letzten Hamburger Tatort-Folgen ein "radikaler Bio Bauer" genannt. Für mich ganz klar, dass der Tatort immer mehr zu einer Art Sozialwerkstatt der öffentlich rechtlichen Anstalt verkommt. Es geht immer weniger um einen spannenden Krimi, sondern um die mediale Vermittlung von "richtigen" Verhalten in unserer Gesellschaft. Man glaubt in den ARD Redaktionen wohl, den Menschen da draußen an den Empfangsgeräten Vorbilder präsentieren zu müssen, wie man sich astrein verhalten soll, als, sagen wir es mal diplomatisch, als Mitglied der so genannten Mitte der Gesellschaft. So wird dann aus einem alternativen Bauern, ein Öko-Nazi. Aus Mülldeponie = Entsorgungspark, illegale Einwanderer = Schutzsuchende, Opposition = Wutbürger, usw., usw. Schade, ich wollte eigentlich nur einen guten Krimi sehen, so ganz ohne Neusprech und erhobenen Zeigefinger. Für mich ist der Tatort immer mehr eine Art DDR 2.0 Bildungs-TV.
ossimann 16.11.2018
2. So ist es ......
Zitat von Migo123Öko-Nazi! So wurde in einen der letzten Hamburger Tatort-Folgen ein "radikaler Bio Bauer" genannt. Für mich ganz klar, dass der Tatort immer mehr zu einer Art Sozialwerkstatt der öffentlich rechtlichen Anstalt verkommt. Es geht immer weniger um einen spannenden Krimi, sondern um die mediale Vermittlung von "richtigen" Verhalten in unserer Gesellschaft. Man glaubt in den ARD Redaktionen wohl, den Menschen da draußen an den Empfangsgeräten Vorbilder präsentieren zu müssen, wie man sich astrein verhalten soll, als, sagen wir es mal diplomatisch, als Mitglied der so genannten Mitte der Gesellschaft. So wird dann aus einem alternativen Bauern, ein Öko-Nazi. Aus Mülldeponie = Entsorgungspark, illegale Einwanderer = Schutzsuchende, Opposition = Wutbürger, usw., usw. Schade, ich wollte eigentlich nur einen guten Krimi sehen, so ganz ohne Neusprech und erhobenen Zeigefinger. Für mich ist der Tatort immer mehr eine Art DDR 2.0 Bildungs-TV.
Wo früher ein rüpelnder Schimi im Rotlichtkneipen rumprügelte oder ein Stöber klare Kante zeigte ist jetzt ellenlanges sozialpolitisches Gerede in zugigen Hallen oder ähnlichen krotesken Kriminalbüros der neue Standart falls nicht gerade Til den Bildschirm mit Massen an Blei flastert . Nicht genug das man per Nachricht und Medien täglich von den "uns geht es allen gut" Hiobsbotschaften berieselt werden dann kommt das als Mainstreamaufguss auch im Unterhaltungsfernsehen daher . Da der Zuschauer als Zwangszahler dagegen nichts tun kann wird er wohl eine alte DVD/VHS Kassette reinziehen müssen wo der Tatort noch ein Krimi mit Unterhaltungswert war .
muellerthomas 16.11.2018
3.
Zitat von ossimannWo früher ein rüpelnder Schimi im Rotlichtkneipen rumprügelte oder ein Stöber klare Kante zeigte ist jetzt ellenlanges sozialpolitisches Gerede in zugigen Hallen oder ähnlichen krotesken Kriminalbüros der neue Standart falls nicht gerade Til den Bildschirm mit Massen an Blei flastert . Nicht genug das man per Nachricht und Medien täglich von den "uns geht es allen gut" Hiobsbotschaften berieselt werden dann kommt das als Mainstreamaufguss auch im Unterhaltungsfernsehen daher . Da der Zuschauer als Zwangszahler dagegen nichts tun kann wird er wohl eine alte DVD/VHS Kassette reinziehen müssen wo der Tatort noch ein Krimi mit Unterhaltungswert war .
Immer wieder faszinierend, dass sich offenbar gerade Personen, die große Probleme mit der deutschen Sprache solche Sorgen um Deutschland machen.
P.Delalande 16.11.2018
4.
Zitat von Migo123Öko-Nazi! So wurde in einen der letzten Hamburger Tatort-Folgen ein "radikaler Bio Bauer" genannt. Für mich ganz klar, dass der Tatort immer mehr zu einer Art Sozialwerkstatt der öffentlich rechtlichen Anstalt verkommt. Es geht immer weniger um einen spannenden Krimi, sondern um die mediale Vermittlung von "richtigen" Verhalten in unserer Gesellschaft. Man glaubt in den ARD Redaktionen wohl, den Menschen da draußen an den Empfangsgeräten Vorbilder präsentieren zu müssen, wie man sich astrein verhalten soll, als, sagen wir es mal diplomatisch, als Mitglied der so genannten Mitte der Gesellschaft. So wird dann aus einem alternativen Bauern, ein Öko-Nazi. Aus Mülldeponie = Entsorgungspark, illegale Einwanderer = Schutzsuchende, Opposition = Wutbürger, usw., usw. Schade, ich wollte eigentlich nur einen guten Krimi sehen, so ganz ohne Neusprech und erhobenen Zeigefinger. Für mich ist der Tatort immer mehr eine Art DDR 2.0 Bildungs-TV.
Kann ich ja verstehen, dass sich die Neo-Nazis nicht gerne als Nazis bezeichnen lassen, damit will man bis nach dem "Endsieg" warten, aber weshalb kann ein Nazi-Öko kein Nazi-Öko sein? Können Sie das auch sinnvoll erklären?
Migo123 17.11.2018
5. Hamburger Tatort = TV-Waterboarding
Zitat von P.DelalandeKann ich ja verstehen, dass sich die Neo-Nazis nicht gerne als Nazis bezeichnen lassen, damit will man bis nach dem "Endsieg" warten, aber weshalb kann ein Nazi-Öko kein Nazi-Öko sein? Können Sie das auch sinnvoll erklären?
Na klar kann ich versuchen zu erklären, was mich bewegt. Für mich ist das, was die Nazis gemacht haben, mit nichts zu vergleichen. Um so schauriger finde ich es, dass man das Prädikat "Nazis" an alles heftet, was nicht zum politischen Mainstream gehört. Ein fundamentaler Ökobauer, der sich gegen den hemmungslosen Einsatz von Pestiziden und die Industrialisierung der Landwirtschaft wendet, hat für mich aber auch überhaupt nix mit Nazis und Ihren Taten zu tun. Warum dann diese Wortverbindung im Hamburger Tatort "Böser Boden"? Scheinbar geht es bei diesem Neusprech um Stigmatisierung. Mehr Beispiele für Neusprech? Betrug ist Betrug, und wer betrügt, der ist ein Betrüger. Soweit noch konform? Politiker und Automanager dürfen aber im öffentlich-rechtlichen Talkshows vom "Diesel-Schlamassel" reden. Dann ist der, der Betrogen hat ein, tja, was ist er denn nun? Genau, auf jeden Fall schon mal kein Betrüger, denn ein Schlamassel ist laut Duden eine ausweglos scheinende Situation, in die jemand wegen eines leidigen Missgeschicks geraten ist. Es gibt also keinen Betrüger, sonder nur einen unschuldigen Unglücksraben? Neusprech pur! Immer öfter werden nicht bindende Ankündigungen in den Nachrichtensendungen als "EU-Beschlüsse" angepriesen. Passieren tut aber nix, siehe angekündigter "EU-Flüchtlingspakt". Ziel dieses Neusprechs ist wohl, dass der Bürger glaubt, da ist was (juristisch verbindlich) beschlossen worden. Nüchtern betrachtet ist das wohl eher Symbolpolitik. Ich glaube es ist unbestritten, dass vor allem totalitäre Systeme versuchen mit Neusprech Ihre Macht zu untermauern. Das war bei den Nazis so, bei Stalin, in der DDR und nun kann man das auch immer öfter in der BRD sehen. Sogar im Tatort! Darf ich mal ein bisschen medieninteressierter Bürger (= Verschwörungtheoretiker, Aluhutträger, Nazi, Harzer) spielen? ich stelle mir das in der Tatort-Redaktionssitzung so vor. ARD-Redakteur sagt: "Ihr wißt ja wie die Stimmung im Lande ist. Wir haben es mit Wutbürgern zu tun, die unbegründet ausländerfeindlich sind. Was wir jetzt brauchen, ist ein Kriminalstück, welches im Milieu genau dieser Wutbürger spielt und minutiös aufzeigt, wie einfach diese Leute gestrickt sind und warum ihre Lösungsansätze zu kurz gesprungen sind, um die komplexen Probleme unserer Zeit zu lösen. Zudem können wir allen anderen Gesellschaftsschichten aufzeigen, dass Selbstjustiz und/oder Solidarität mit den Wutbürgern nix bringt und dass der Polizeiapparat die Sicherheitslage vollkommen im Griff hat. Also zumindest im Tatort." Und gerade der Hamburger Tatort ist in den letzten paar Folgen "Böser Boden" und "Dunkle Zeiten" mit einer ganzen Reihe von knallhart recherchierten sozialkritischen Themen, auf den Niveau eines DDR-Krimis aus dem Jahre 1971, gelandet. Ich bin jedenfalls raus, oder um es mal in Neusprech zu sagen: Dieses primitive, manipulierende und asoziale TV-Waterboarding ist nix für mich!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.