"Tatort" aus Österreich Der Cop hat ein Leck im Kopf

Finde den Mörder, dann findest du dich selbst! Ein Schuss in den Kopf zwingt Ermittler Eisner dazu, nicht nur ein Verbrechen zu rekonstruieren, sondern auch seine eigene Erinnerung. Ein stark startender Österreich-"Tatort", der zum Schluss leider ziellos im Nebel des Vergessens stochert.

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Am Ende eines "Tatorts" sind wir alle schlauer. Und manchmal sind wir danach sogar ein wenig wissenschaftlich gebildeter. Je nach Thema verfügen wir dann über Fachkenntnisse eines Neurologen, Atomphysikers oder Raketentechnikers. Oder wir glauben darüber zu verfügen. Na ja, meist haben wir wohl einfach ein interessantes Wort aufgeschnappt.

Im neuen "Tatort" lautet das interessante Wort "retrograde Amnesie". Es bezeichnet einen partiellen Gedächtnisverlust, durch den das traumatisches Erlebnis, das diesen Gedächtnisverlust ausgelöst hat, ausgeblendet wird. Eine optimale Grundsituation für einen überreizten Psychokrimi, in dem der Ermittler nicht nur der Auflösung eines Verbrechens hinterherjagt, sondern auch der Kenntnis über die eigene Rolle in diesem Verbrechen. Finde den Mörder, dann findest du dich selbst.

So wie in dem aktuellen "Tatort" der Wiener Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), dem in einem verwaisten Steinbruch nahe Klagenfurt in den Kopf geschossen wurde. Nachdem der Polizist im Krankenhaus aufgewacht ist, fehlt ihm die Erinnerung an die Stunden um den Mordanschlag. Fortan jagt er mit Kugelsplitter im Schädel durch Kärnten, leidet unter kurzzeitigen Gedächtnisausfällen und versucht die Erinnerung an die fatale Nacht zurückzuerlangen. Doch das Leck im Kopf kann nicht so schnell abgedichtet werden, die Erinnerung tröpfelt weiterhin davon.

Im Steinbruch der Erinnerung

Regisseur und Autor Sascha Bigler ("Meine Schwester") findet zwischenzeitlich eine starke Formsprache für die Suchbewegungen des Ermittlers, für sein bruchstückhaftes Bewusstsein. Ab und an bricht hier einfach die Wahrnehmung ab und Eisner befindet sich in einer ganz neuen Situation. Die Orte wechseln, das Gesicht des Polizisten trägt weiterhin den vergrämt-verdutzten Ausdruck: Eben saß er noch am Schreibtisch, schon sitzt er mit der auf ihn einredenden Tochter am Esstisch. Ein hübscher Trick, um gegen das Kontinuitätsdiktat des klassischen Fernseherzählens aufzubegehren.

Eisner versucht die letzten 24 Stunden vor dem Mordversuch im Steinbruch zu einer geradlinigen Geschichte zu formen, aber die eigene lädierte Wahrnehmung macht ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Memorieren wird so zum Knochenjob, willkommen im Steinbruch der Erinnerung.

Schon einmal litt ein "Tatort"-Kommissar unter Amnesie: Miroslav Nemec als Ivo Batic hatte 2009 ebenfalls einen Blackout, er aber hatte seine gesamte Erinnerung verloren. "Wir sind die Guten" musste ihm der Kollege da immer wieder zubrüllen. Ein wuchtiges tragisches Stück war dieser Münchner "Tatort", Erinnerung war hier gleichbedeutend mit Identität.

Der österreichische "Tatort" stochert da am Ende ein wenig zielloser im Erinnerungsnebel. Möglicherweise hatte der Anschlag auf Eisner mit Untersuchungen zu Hinrichtungen von slowenischen Partisanen zu NS-Zeiten zu tun, möglicherweise aber auch mit fatalen Tests an Alzheimer-Patienten, möglicherweise sogar mit beidem. Sagen wir mal so: Der Plot wird unschärfer, je mehr es dem Ermittler gelingt, die Bruchstücke seiner Erinnerungen zusammenzufügen. Schade.

Den schönen Begriff "retrograde Amnesie" nehmen wir trotzdem mit auf die nächste Party.


"Tatort: Unvergessen", Pfingstmontag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 18 Beiträge
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romeov 17.05.2013
1. Bin ein großer Fan
vom Wiener Tatort und "retrograde Amnesie" werde ich jetzt in meine Wortsammlung aufnehmen. Immerhin hat mir dieser Monat schon die Aufnahme von "Digitalkompetenz", "digitale Revolution" und "Medienexpertin" geliefert". So kann's weiter gehen.
mitgefühlundweisheit 17.05.2013
2.
Hoffentlich ist er auch politisch korrekt, jetzt wo die Grünen doch den Tatort "watchen" wollen...
zaam 17.05.2013
3. Quote mal sehen
Leider wird dieser Tatort wohl weniger beachtet werden: Wegen des Feiertags müssen wir Montag vor den Fernseher. Gut, dass wir das dann per fernsehstrom.de oder fernsehsuche.de auch später in der Mediathek finden. Aber es wird sich lohnen: Die Wiener sind allgemein und insbesondere hier deutlich ungerader - das ist immer gut.
heplus 17.05.2013
4. Trotz Kritik
sind die meisten Tatorte doch meist sehenswert. Ich hab natürlich auch so meine Favoriten, zu denen auch der Wiener Tatort gehört. Schade finde ich nur, dass es immer weniger "normale" Fälle ohne großen Persönlichkeitsbezug der Ermittler gibt. Ein "einfacher" Mord kann gut dargestellt auch einen Abend spannend und unterhaltsam füllen.
jaidru 17.05.2013
5. optional
Der Eisner wird wieder gut werden, so wie eigentlich immer. Nur seine Kollegin sollte mal ausgetauscht werden. Übrigens war auch der letzte Borowski-Tatort saugut! War ja nicht anders zu erwarten angesichts des SPON-Verrisses.
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