RAF-Aufarbeitung Die deutsche Geschichte ist kein "Tatort"

Mit dem RAF-"Tatort" werden die Verschwörungstheorien wieder laut: Der Staat habe die Stammheimer Gefangenen umgebracht. Das ist unverantwortlich, schreibt der frühere Innenminister Gerhart Baum.

SWR/ Sabine Hackenberg

Ein Gastbeitrag von Gerhart Baum


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    Gerhart Baum, Jahrgang 1932, ist seit 1954 Mitglied der FDP. Im Jahr 1977 war er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium des Inneren, von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister.

Eine der schwierigsten, sensibelsten Phasen deutscher Nachkriegsgeschichte wurde als "Tatort" für ein Millionenpublikum am Sonntagabend vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Krimi effekthascherisch vermarktet. An sich schon ein Unding - verschlimmert noch durch die unerträgliche Vermischung von Realität und Fiktion. So etwa ist Teil des Filmes die von Anfang an unsinnige Verschwörungstheorie, der Staat habe die Gefangenen umgebracht.

Man muss sich erinnern: Es gab Versuche, RAF-Gefangene freizupressen. In Berlin hatten die Terroristen Erfolg. Für die Freilassung des von Terroristen entführten CDU-Politikers Peter Lorenz kamen einige Gefangene frei - allerdings keine Mörder. Die RAF konzentrierte sich auf die Freilassung der Gefangenen in Stammheim, die mit der Entführung einer prominenten Persönlichkeit den einzigen Ausweg sahen, lebenslanger Haft zu entgehen.

Der Wirtschaftsboss Hanns Martin Schleyer wurde als Geisel genommen, seine Begleiter wurden ermordet. In quälenden langen Wochen versuchten wir - vor allem durch Zeitgewinn - den Aufenthaltsort Schleyers zu ermitteln. Bundeskanzler Schmidt und die Verantwortlichen aller Parteien entschieden sich, die Gefangenen nicht auszutauschen. Sie standen noch unter dem Eindruck des blutigen RAF-Angriffs auf die deutsche Botschaft in Stockholm mit dem gleichen Ziel.

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40 Jahre Deutscher Herbst: "Das ist unverantwortlich"

Dann erfolgte die Geiselnahme der Landshut. Hier ging es nun nicht mehr nur um einen, sondern um 91 unschuldige Menschen, deren Leben in Gefahr war. Und wieder lautete die Entscheidung: Nein. Der Staat lässt sich nicht erpressen. Mit Zeitgewinn, hohem diplomatischen Geschick und einer beherzten Eingreiftruppe wurde die quälende Odyssee der Landshut in Mogadischu schließlich erfolgreich beendet.

Die Politik war angespannt, die Bevölkerung aufgewühlt

Das Risiko des Scheiterns war allerdings groß. Nachdem die RAF-Gefangenen davon erfahren hatten, nahmen sie sich das Leben. Es war eine höchst angespannte Zeit für die Politik. Die Bevölkerung war aufgewühlt. Während der Zeit der Geiselnahme verlangten die in Stammheim Inhaftierten nach Gesprächspartnern aus Bonn. Vor allem ein BKA- Beamter hat sie - einzeln - öfter gesprochen. Aus seinen Berichten geht hervor, wie verzweifelt sie waren. Zusammen mit heutigen Erkenntnissen lassen sich eindeutig Selbstmordabsichten erkennen.

Nach diesen Selbstmorden brach ein Sturm los. Die RAF selbst, ihre zahlreichen Sympathisanten und einige Anwälte vertraten die Mord-These. Damit schufen sie eine weitere Motivation für Gewalttaten. Wir sahen uns veranlasst, nationale und internationale Untersuchungen einzuleiten, um diesen gefährlichen Unsinn zu widerlegen. Wie konnte ein Mensch, der einigermaßen bei Sinnen war, behaupten, unser Staat töte Gefangene in seinen Haftanstalten? Was hätte das, außer dieser zusätzlichen Motivation, eigentlich gebracht?

Sogar seriöse Beteiligte wie der Ensslin-Anwalt Otto Schily äußerten Zweifel an den Selbstmorden. Heute erklärt er entschuldigend, er hätte sich nicht vorstellen können, dass Waffen in die Zellen gelangt waren. Aber er hatte sich offenbar damals vorstellen können, dass der Staat Häftlinge tötet.

Vor Teilen einer nationalen und internationalen Öffentlichkeit kamen wir in eine gefährliche defensive Situation. Statt diese darzustellen, wird zur Hauptsendezeit die unsinnige Mordthese wieder aufgewärmt - und auch noch so, dass der Zuschauer sie als eine Version der wahren Geschehnisse wahrnimmt. Das ist unverantwortlich.

Der deutsche Herbst verdient eine realitätsorientierte sorgfältige Erinnerung. Es war eine der größten Herausforderungen, die unser Staat zu bestehen hatte. Sie verlangte den verantwortlichen Politikern das Äußerste ab. Mit so einer Erinnerung spielt man nicht, um Quote zu erreichen. Auch der Hinweis auf "künstlerische Freiheit" - für die ich ansonsten unbedingt plädiere! - ist hier keine Rechtfertigung. Ich fordere die ARD nachdrücklich auf, Verantwortliche und Experten in einer öffentlichen Diskussion zu Wort kommen zu lassen.

Es wurden Fehler gemacht

Es geht auch um eine These von Stefan Aust und anderen, der Staat habe - auch in der Mordnacht - die Zellen der Gefangenen möglicherweise abgehört. Mir sind dazu keinerlei Beweise bekannt. Wenn Stefan Aust solche hat, soll er sie auf den Tisch legen. Was unterstellt man eigentlich dem damaligen Gefängnispersonal, das ohnehin seine Not hatte im Umgang mit den Gefangenen? All dem tatenlos zugesehen zu haben?

Mit diesem sensiblen Stück deutscher Vergangenheit kann man kritisch umgehen. Es wurden Fehler gemacht. Darauf habe auch ich immer wieder auch selbstkritisch hingewiesen. Aber hiermit darf man nicht Schindluder treiben. Es fehlt Verantwortungsgefühl und Respekt vor dieser schwierigen Vergangenheit. Die deutsche Geschichte ist kein "Tatort".

Die RAF-Zeit, so empfinde ich es, ist immer noch wie eine offene Wunde in unserer Geschichte. Man entsinne sich der ernstzunehmenden filmischen Aufarbeitung des "Deutschen Herbst" durch namhafte Filmemacher und andere zahlreiche Künstler, die sich mit der RAF auseinandergesetzt haben.

insgesamt 95 Beiträge
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Frank Zi. 17.10.2017
1.
"Sogar seriöse Beteiligte wie der Ensslin-Anwalt Otto Schily äußerten Zweifel an den Selbstmorden. Heute erklärt er entschuldigend, er hätte sich nicht vorstellen können, dass Waffen in die Zellen gelangt waren." Ich bin zu jung um mich damit gut auszukennen, aber wurden die Waffen nicht von den Anwälten in das Gefängnis geschmuggelt?
angst+money 17.10.2017
2.
Muss man sich an Leuten orientieren, die nach einem Tatort an solche Verschwörungstheorien glauben? Dass es solche Gemüter gibt lässt sich nicht abstreiten, aber wenn man die als Maßstab nimmt dürfen wir in Zukunft alle nur noch Teletubbies und Sandmännchen schauen. Für mich gaben in diesem Tatort die RAF-Sympatisanten ein eher klägliches Bild ab, und wenn jetzt jemand die Aufnahmen oder die dazugehörenden 'Theorien' für bare Münze nimmt dem kann ich nur empfehlen, zu lesen. Keine reißerischen "Die Wahrheit über..." oder "Die ...-Lüge", sondern dröge, langweilige Geschichtsbücher und Akten.
zeichenkette 17.10.2017
3. Naja
Dass Gerhart Baum das so sieht, ist nachvollziehbar. Dass andere es anders sehen bzw. dass da Zweifel bleiben, ist aber auch nachvollziehbar, wenn man sich die Details ansieht. Angefangen von der ausgerechnet an diesem Tag ausgefallenen Videoüberwachung auf den Fluren bis hin zu der Frage, warum weder die Waffen noch die selbstgebastelte Gegensprechanlage in einem Hochsicherheitsgefängnis entdeckt wurden muss man kein Paranoiker sein, um da Zweifel zu haben. Zumal in den Untiefen dieses Staats auch Dinge passieren, von denen Innenminister vielleicht gar nichts erfahren. Noch beim NSU-Skandal wurde überdeutlich, dass da ganze Teile des Staates offenbar glauben, sie stünden über dem Recht. Also, Herr Baum: Wie können Sie sich da so sicher sein? Dass dieser Staat sich beim Umgang mit der RAF lange Zeit nicht gerade mit dem Ruhm der Rechtsstaatlichkeit bekleckert hat, ist mehr als offensichtlich.
charliehebdomadaire 17.10.2017
4. Herr Baum sagt, er schätze die künstlerische Freiheit, ...
... aber den Tatort findet er "unverantwortlich". Und fordert Beweise für die im Film dargestellten Theorien von der Verwanzung der Zellen der Terroristen und der daraus resultierenden These vom staatlicherseits assistierten Suizid. Geforderte Beweise dafür oder dagegen wird es wohl niemals geben, da solche bekanntermaßen unter Verschluss gehalten werden. Im Übrigen hat die Blöd-Zeitung Baums Warnung vor diesem "gefährlichen" Tatort mit ganz ähnlichen Begründungen und reißerischer Schlagzeile ausgesprochen. ich persönlich bin froh, in einem Staat zu leben, in dem ein Film wie dieser ausgestrahlt werden kann. Wir sind hier nicht in der Türkei.
barbierossa 17.10.2017
5. Ein guter, spannender Tatort
Herr Baum scheint den normalen Tatort-Gucker für sehr naiv zu halten. Dass die Ermordung der Stammheim-Insassen als eine von mehreren Narrativen gezeigt wurde, über die sich zu informieren und deren Plausibilitäten gegeneinander abzuwägen man als Zuschauer angeregt werden sollte, war mir eigentlich ziemlich klar. WENN Herr Schily sich damals nicht vorstellen konnte, dass Waffen in's Gefängnis hätten geraten sein können, dann lag für ihn - wie für jeden anderen - der Verdacht, dass die RAF-Leute ermordet wurden, doch auf der Hand. Ihm daraus einen moralischen Vorwurf zu machen nach dem Motto: "Was erlaubt der Mann sich, den deutschen Staat einer Mordtat für fähig zu halten?!" ist schon ziemlich moralisierend. Grundsätzlich war einem Staat, in dem der Mörder von Benny Ohnesorg so glimpflich davonkam, und der angesichts immer neuer Terrorakte, die darauf zielten, die Stammheim-Insassen freizupressen, sehr wohl zuzutrauen, dass man ganz nüchtern überlegte: sollen wir weitere Freipressungs-Entführungen, Botschaftsbesetzungen, Bombenanschläge risikieren - oder entledigen wir uns des Hauptmotivs der Täter, indem wir die Gefangenen umbringen und es als Selbstmord darstellen? Keine Stammheiminsassen - kein Motiv für Terror mit dem Ziel, sie freizubekommen. Ehrlich gesagt würde ich mich unwohl bei dem Gedanken fühlen, dass solche Überlegungen den Verantwortlichen in der damaligen Regierung und bei den Fahndungsbehörden _nicht_ gekommen wären. Hätte Herr Schily zugunsten des Staates annehmen sollen, dass dieser zwar nicht "zu einem höheren Zweck mordete", dafür aber extrem inkompetent mit den wichtigsten politischen Gefangenen umging? Möchte man lieber Versager oder lieber Zyniker auf den relevanten Posten vermuten? Als jemand, der beim Konflikt gefangene RAF-Mitglieder vs. Staat schon rein aus beruflichen Gründen auf Seiten Ersterer stand, war es geradezu Schilys Pflicht, den Gegner eher als Lügner denn als Idioten zu betrachten. Den Gegner zu unterschätzen ist in der Regel dumm. Auch wenn es in diesem Fall womöglich den Tatsachen angemessener gewesen wäre.
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