"Frontex? Klingt wie ein Insektenvernichtungsmittel." Klar, die Altlinke Inga Lürsen (Sabine Postel) schöpft sofort Verdacht, als sie mit Mitgliedern der EU-Grenztruppe zum ersten Mal konfrontiert wird. Andererseits: Wäre ihr der offizielle, ausgeschriebene Name "Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen" vielleicht lieber?
Die Organisation, die an den Grenzen Europas die Flüchtlingsmassen aufhalten soll, kommt in diesem "Tatort" nicht gut weg, schließlich lernen wir sie durch die Augen Lürsens kennen, der sympathischen Ex-Sponti-Trulla, die ihre junge Tochter insgeheim des Karrierismus' verdächtigt, nur weil sie einen Chefinnenposten im Revier übernimmt.
Die Episode "Der illegale Tod" ist eben kein Sowohl-als-auch-Themenfilm, darin war die verantwortliche Redaktion von Radio Bremen ja sowieso nie gut. Worauf sie sich bei dem Sender verstehen, sind ästhetisch konsequente Nur-so-Thesenfilme. In letzter Zeit waren die Ambitionen allerdings größer als das inszenatorische Geschick. Der neue "Tatort"-Beitrag der kleinen ARD-Anstalt kommt jetzt zum Glück wieder als Krimi mit Haltung und Erzähllust daher.
Autor Christian Jeltsch hat für Radio Bremen bereits einige brisante "Tatorte" entwickelt, darunter 2004 den frühen Islamismus-Thriller "Scheherazade". Und auch der neue Wiesbadener "Tatort" mit Ulrich Tukur geht auf seine Rechnung. Für den Bayerischen Rundfunk schließlich schrieb er das Buch zur preisgekrönten "Polizeiruf"-Folge "Klick gemacht", einer klassischen Heimkehrerstudie über posttraumatische Belastungsstörungen, die der Einsatz in Afghanistan bei einer Gruppe von Bundeswehrsoldaten hinterlassen hat.
Vom Hindukusch nach Lampedusa
"Der illegale Tod" (Regie: Florian Baxmeyer) ist nun ähnlich aufgebaut, und das ist nicht etwa der Ideenlosigkeit des Autoren geschuldet. Denn wenn - in Anlehnung an einen früheren Bundesverteidigungsminister - unsere Freiheit nicht nur mehr länger am Hindukusch verteidigt wird, sondern inzwischen auch vor Lampedusa, dann müssen die Grenzschützer aus dem Mittelmeerraum die gleichen seelischen Verwüstungen mit in die Heimat zurückbringen wie die Soldaten aus Afghanistan. Was heißt das eigentlich: Europas Grenzen sichern?
Im Zentrum dieses schnörkellos inszenierten Polit-"Tatorts" stehen Charaktere der Bremer Wasserschutzpolizei (Ulrike C. Tscharre, Arnd Klawitter u.a.), die vor Tunesien mit Kollegen aus anderen europäischen Ländern einen Flüchtlingskahn aufgerieben haben. Eine Aktion mit tödlichem Ausgang für die Afrikaner, Rückblenden deuten die Tragödie an. Monate später streift nun eine junge Frau aus Togo (Florence Kasumba) durch Bremen, die es offensichtlich auf die nervlich angeschlagen Polizisten abgesehen hat.
Der Krimi ist funktional, aber nicht vereinfachend gebaut. Die junge Flüchtlingsfrau kämpft sich aus ihrer Opferrolle heraus, lässt die Passivität hinter sich. Sie wird zur Gegenspielerin der Fortex-Truppe, einer Institution, die bislang in fiktionalen Formaten nicht vorgekommen ist - und trägt die Gnadenlosigkeit, mit der die Grenzen Europas verteidigt werden, in die geschützten kleinbürgerlichen Biotope Bremens.
Wie gesagt, ein Krimi mit Haltung. Ein Krimi, der wehtut. Lampedusa liegt hier direkt vor der Haustür.
"Tatort: Der illegale Tod", Sonntag 20.15 Uhr, ARD
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