"Tatort" über Grenzschutz: Wer die Festung Europa verteidigt

Kennen Sie "Frontex"? Nein? Sollten sie aber. Der neue "Tatort" erzählt von Europas Grenzschutz-Bullen - und einer Afrikanerin, die Jagd auf sie macht. Christian Buß freut sich, dass es Radio Bremen mal wieder gelungen ist, ein globales Thema kompakt und kämpferisch aufzubereiten.

RB-"Tatort": Grenzschützer und Insektenvernichter Fotos
Radio Bremen

"Frontex? Klingt wie ein Insektenvernichtungsmittel." Klar, die Altlinke Inga Lürsen (Sabine Postel) schöpft sofort Verdacht, als sie mit Mitgliedern der EU-Grenztruppe zum ersten Mal konfrontiert wird. Andererseits: Wäre ihr der offizielle, ausgeschriebene Name "Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen" vielleicht lieber?

Die Organisation, die an den Grenzen Europas die Flüchtlingsmassen aufhalten soll, kommt in diesem "Tatort" nicht gut weg, schließlich lernen wir sie durch die Augen Lürsens kennen, der sympathischen Ex-Sponti-Trulla, die ihre junge Tochter insgeheim des Karrierismus' verdächtigt, nur weil sie einen Chefinnenposten im Revier übernimmt.

Die Episode "Der illegale Tod" ist eben kein Sowohl-als-auch-Themenfilm, darin war die verantwortliche Redaktion von Radio Bremen ja sowieso nie gut. Worauf sie sich bei dem Sender verstehen, sind ästhetisch konsequente Nur-so-Thesenfilme. In letzter Zeit waren die Ambitionen allerdings größer als das inszenatorische Geschick. Der neue "Tatort"-Beitrag der kleinen ARD-Anstalt kommt jetzt zum Glück wieder als Krimi mit Haltung und Erzähllust daher.

Autor Christian Jeltsch hat für Radio Bremen bereits einige brisante "Tatorte" entwickelt, darunter 2004 den frühen Islamismus-Thriller "Scheherazade". Und auch der neue Wiesbadener "Tatort" mit Ulrich Tukur geht auf seine Rechnung. Für den Bayerischen Rundfunk schließlich schrieb er das Buch zur preisgekrönten "Polizeiruf"-Folge "Klick gemacht", einer klassischen Heimkehrerstudie über posttraumatische Belastungsstörungen, die der Einsatz in Afghanistan bei einer Gruppe von Bundeswehrsoldaten hinterlassen hat.

Vom Hindukusch nach Lampedusa

"Der illegale Tod" (Regie: Florian Baxmeyer) ist nun ähnlich aufgebaut, und das ist nicht etwa der Ideenlosigkeit des Autoren geschuldet. Denn wenn - in Anlehnung an einen früheren Bundesverteidigungsminister - unsere Freiheit nicht nur mehr länger am Hindukusch verteidigt wird, sondern inzwischen auch vor Lampedusa, dann müssen die Grenzschützer aus dem Mittelmeerraum die gleichen seelischen Verwüstungen mit in die Heimat zurückbringen wie die Soldaten aus Afghanistan. Was heißt das eigentlich: Europas Grenzen sichern?

Im Zentrum dieses schnörkellos inszenierten Polit-"Tatorts" stehen Charaktere der Bremer Wasserschutzpolizei (Ulrike C. Tscharre, Arnd Klawitter u.a.), die vor Tunesien mit Kollegen aus anderen europäischen Ländern einen Flüchtlingskahn aufgerieben haben. Eine Aktion mit tödlichem Ausgang für die Afrikaner, Rückblenden deuten die Tragödie an. Monate später streift nun eine junge Frau aus Togo (Florence Kasumba) durch Bremen, die es offensichtlich auf die nervlich angeschlagen Polizisten abgesehen hat.

Der Krimi ist funktional, aber nicht vereinfachend gebaut. Die junge Flüchtlingsfrau kämpft sich aus ihrer Opferrolle heraus, lässt die Passivität hinter sich. Sie wird zur Gegenspielerin der Fortex-Truppe, einer Institution, die bislang in fiktionalen Formaten nicht vorgekommen ist - und trägt die Gnadenlosigkeit, mit der die Grenzen Europas verteidigt werden, in die geschützten kleinbürgerlichen Biotope Bremens.

Wie gesagt, ein Krimi mit Haltung. Ein Krimi, der wehtut. Lampedusa liegt hier direkt vor der Haustür.

"Tatort: Der illegale Tod", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Wieso wird auf Spon jeder neue Tatort besprochen
README.TXT 13.05.2011
Diese Reihe ist doch sowas von abgelutscht. Die wöchentliche Sezierung äh Rezension soll wohl dieser ausgeleierten Reihe eine Pseudowichtigkeit verleihen oder wie kommts dazu? Ist das eine sogenannte Medienpartnerschaft zwischen ARD und einigen Blättern?
2. Voll sozialkritisch
Falke2006 13.05.2011
Zitat von sysopKennen Sie "Frontex"?*Sollten Sie kennenlernen.*Der neue "Tatort" erzählt nämlich*von Europas Grenzschutz-Bullen - und*einer Afrikanerin, die Jagd auf*sie macht. Christian Buß freut sich, dass es Radio Bremen*mal wieder gelungen*ist, ein globales Thema kompakt und kämpferisch aufzubereiten.
Es wäre vermutlich von sozialkritischen "Tatort"-AutorInnen zuviel verlangt, eine auf dem realen Alltag der Sicherheitsbehörden beruhende Handlung zu entwerfen. Leider entspricht diese Realität nicht den Klischees der Filmemacher. "Gnadenlos" sind nämlich in Wirklichkeit nicht die Polizeibeamten, sondern die kriminellen Netzwerke, mit denen sie es u.a. beim Thema Menschenhandel und illegale Einwanderung zu tun haben.
3. nunja
StJames 13.05.2011
Zitat von README.TXTDiese Reihe ist doch sowas von abgelutscht. Die wöchentliche Sezierung äh Rezension soll wohl dieser ausgeleierten Reihe eine Pseudowichtigkeit verleihen oder wie kommts dazu? Ist das eine sogenannte Medienpartnerschaft zwischen ARD und einigen Blättern?
Sie müssen es weder lesen noch sich im Fernsehen anschauen. Millionen Menschen tun dies aber weiterhin Folge um Folge... Aber die sind natürlich auch alle nur "abgelutscht", oder? Einen schönen "abgelutschten" Freitag den 13. wünsche ich noch!
4. Bremen und Tatort
Sentinel2150 13.05.2011
Die Tatorte aus Bremen sind die absolut schlechtesten. Der Beschreibung nach wird dieser genauso. Also kein tatort am Sonntag
5. Alter Turnschuh
elli1965 13.05.2011
Der Tatort erinnert mich an meine alten Turnschuhe, etwas schmuddelig und ausgetreten, aber dafür schön bequem. Beim Konsum kommt kaum Überraschung auf, man hat sich einander angepasst. Am Sonntagabend klingt denn auch das Wochenende gemütlich aus, keine grosse Überraschung wird erwartet oder geboten, wenn die Fernbedienung Das Erste erwählt hat. Andererseits bietet die Konkurrenz auch selten mal eine interessante Alternative. Schade, dass den Drehbuchschreibern nur noch der Mord bzw. Totschlag als Tatmerkmal einfällt, nicht nur beim Tatort, sondern das ganze Wochenprogramm über. Nimmt man alle öffentlich-rechtlich Ermorderte eines Jahres zusammen, dann ist Deutschland ein sehr gefährlicher Ort. Liebe Programmverantwortliche und liebe Drehbuchschreiber, falls ihr diesen Kommentar liest, bitte nutzt eure Kreativität mal für etwas neues. Selbst heute, mehr als 20 Jahre nach der Ausstrahlung sehe ich mir gerne noch die Reihe Schwarz Rot Gold an. Die Realität bietet doch viele Anregungen, Zumwinkel bei der Post, Abhöraffäre bei der Telekom, Schwarzgeldkonten bei Siemens usw. bieten doch genügend Stoff für Ermittlungsteams jenseits des Mordes. Gesellschaftskritik lässt sich auch dort darstellen. Ein Tatort in der Geschäftsführeretage, wo nicht scharf geschossen aber kalkuliert wird, das wäre mal was anderes.
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.