"Tatort" über Jugendgewalt: Zwischen Babystrich und Streichelzoo

Erlebnispädagogik oder Bürgerwehr: Warum müssen die Fernsehkrimis zum Thema Jugendgewalt eigentlich immer ins eine oder andere Extrem ausschlagen? Der "Tatort" aus Wien versucht es am Sonntag mit einer differenzierteren Sicht. Die TV-Krimikolumne von Christian Buß

"Tatort" mit Harald Krassnitzer: Blutlachen im U-Bahntunnel Fotos
rbb/ ORF

Der Wiener Jugendtherapeut sieht aus wie eine Mischung aus Sigmund Freud und Streetworkerkumpel. Und er redet auch so: Während Dr. Jochen Schmitz (Harald Schrott) den Jungen und Mädchen einen Punchingball vor die Fäuste hält, auf den sie bitte schön eindreschen sollen, schwört er sie auf seine Heilslehre ein. "Wandelt eure negativen Kräfte in positive um", skandiert Dr. Schmitz.

Der hat gut reden, denkt man zuerst: Hat schön studiert, lässt sich von den Behörden bequem seine "Pro Youth"-Praxis für gewalttätige Jugendliche finanzieren, und im hübschen Eigenheim am Stadtrand warten wahrscheinlich Frau und Kind. Weit gefehlt: Die Frau des Psychologen, so stellt sich bald heraus, war selbst Opfer eines Gewaltverbrechens.

Nichts gegen Traumabewältigung auf die brutale Tour - aber die potenziellen Peiniger der eigenen Frau zu besseren Menschen machen zu wollen, scheint dann doch arg vermessen. Aber der auch in der x-ten Fernsehrolle blitzpräsente Schauspieler Harald Schrott spielt den Radikalbewältiger Dr. Schmitz mit derart reflektierter Inbrunst, dass man beinahe an dessen riskante Resozialisierungsmaßnahme glaubt. Oder zumindest dran glauben möchte.

Einem der Adressaten half die Maßnahme freilich nicht mehr. Denn einer Junge aus der Therapiegruppe wurde gleich am Anfang dieses expliziten, aber niemals spekulativen Wiener "Tatorts" auf die gleiche Weise aus dem Leben befördert, mit der er selbst zuvor die Leute terrorisiert hatte: Im U-Bahnhof schlug ihm eine vermummte Gestalt einen Baseballschläger ins Gesicht.

Wohlstandsverwahrlosung und Randzonenelend

Bei seinen Untersuchungen gerät Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) nun in Dr. Schmitz' wunderbare Welt der Konfrontationstherapie. Im Schlepptau hat Eisner eine Kollegin, die zuvor bei der Sitte war und nun zu seiner Assistentin degradiert wurde: Bibi Fellner (Adele Neuhauser) hat in 20 Jahren Rotlichtrecherche ein bisschen zu viel Elend gesehen, mit Magenbitter versuchte sie, den Ekel zu vertreiben.

An den kleinen hochprozentigen Fläschchen ist die Ehemalige von der Sitte hängengeblieben. Eine nach der anderen lässt sie heimlich den Rachen runtergluckern, zwischendurch ätzt sie über die "Erlebnispädagogik" und "Eventtherapie" des verhörten und verhöhnten Jugendarbeiters: "Was sollen die Mädchen vom Babystrich beim Pferdestreicheln? Da draußen herrscht Krieg!"

Ja, da draußen herrscht Krieg. Aber der österreichische Regisseur Wolfgang Murnberger, der Ausnahmekrimis à la "Knochenmann"ebenso wie schnörkellose Soziodramen mit Wiener Schmäh wie "Meine Tochter nicht" in seiner Filmographie hat, ist schlau genug, in seinem neuen "Tatort" nicht einfach die schlichtesten Thesen zum TV-Lieblingsaufregerthema Jugendgewalt zu ventilieren. Weder übt er sich im "Alles-verstehen-alles-verzeihen" - noch zeichnet er das Bild einer unaufhaltsam grassierenden Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen, der eigentlich nur noch durch eine Bewaffnung der Bürger beizukommen wäre. Diese zeichnete noch die WDR-Produktion "Zivilcourage" im letzten Jahr nach, ein polemisch verkürztes Selbstmilitarisierungsdrama, das aus unerfindlichen Gründen unlängst für den Grimme-Preis nachnominiert wurde.

Erlebnispädagogik oder Bürgerwehr? Die "Tatort"-Episode "Vergeltung" (Buch: Uli Brée) verweigert sich einfachen Antworten und macht auch in der Ursachenforschung eine etwas komplexere Gemengelage auf: Die Jugendgewalt hat hier viele Ursachen - und viele Gesichter. Wohlstandsverwahrloste Kinder aus Wiens besserer Gesellschaft gehören ebenso zu den Patienten des Therapeuten Dr. Schmitz wie die aus den sozialen Randzonen der Stadt.

Spendet dieser "Tatort" denn gar keine Hoffnung? Nicht wirklich: Sittenpolizistin Fellner verzichtet zwar am Ende auf den Magenbitter, ein gutes Gefühl im Bauch hinterlässt der Gewaltkrimi trotzdem nicht.


"Tatort: Vergeltung", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Ein Tatort der besseren Sorte...
Koltschak 06.03.2011
...ansonsten hat Krasnitzer mit seiner Gang nur genervt. Dieser Tatort war sehr gut. Spannung bis zum Schluss. Und ein hoffnungsvolles Ende...das erwarte ich nicht von einem Tatort.
2. Prädikat: misogyn
favela lynch 07.03.2011
Wären da nicht zwei Frauenrollen gewesen, wäre man tatsächlich weggedämmert. Dieser Schlagerstar war einfach superb. Ebenso die Alk_Beamtin von der Sitte. Zwischen diesen Königinnen wäre das Drama gewesen! Hach, stattdessen Sozialkitsch und Generationenschluchz. Aber immerhin! Zwei Frauenrollen! Und keine wäre von Frau Lindholm zu spielen gewesen. Keine! Wieder einmal vernebelt die Hippness des Themas die Chance, eine Sensation zu erkennen. Prädikat: misogyn.
3. Schusselei
akge 07.03.2011
Die Frau des Psychologen wurde nicht umgebracht. Sie ist "nur" in der Psychatrie gelandet. Auch war es nicht Kevin, sondern Celine. Und Kevin wurde nicht im U-Bahnhof getötet, das war Jan. Bissl genauer könnte man schon arbeiten...
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Zum Autor
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.