Von Christian Buß
Der Himmel leuchtet grell orange, und wer an diesem Himmel leckt oder riecht, glaubt auf einer Wolke zu wandeln. Jedenfalls so lange, bis er wieder auf dem Boden der Tatsachen aufschlägt. "Heaven" ist die neueste Modedroge in Berlin. Da man damit auch die Haare färben kann, darf sie im Internet und in Clubs vertickt werden. Das orange Pulver ist nicht als Rauschmittel deklariert, sondern als Kosmetikware; so unterwandert man das Betäubungsmittelgesetz.
Wieder was gelernt. Eigentlich erstaunlich, dass die beiden Berliner Hauptkommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) schon seit über zehn Jahren in der Hauptstadt unterwegs sind und nie mit der Welt der Partydrogen in Berührung kamen. Im neuen "Tatort" könnten die beiden nun eigentlich umso tiefer in diesen Parallelkosmos der sogenannten "Legal Highs" hinabsteigen, also jener synthetischen Stoffe, die als Raumspray, Räuchermischung oder eben Tönungsmittel angeboten werden und meist Betäubungszusätze enthalten.
Nach dem Mord an einem Chemiker, der "Heaven" im Heimlabor seines Apartments herstellt, treffen die Ermittler auf die unterschiedlichen Player des Partydrogenmarkts. Auf windige Vertriebsmanager des Stoffes (Barnaby Matschurat), die ihre Büros direkt am Potsdamer Platz haben. Auf ganz normale Kriminelle (Gerdy Zint), die ebenfalls einen schnellen Euro an der Saison-Substanz verdienen wollen, bevor sie sich wieder dem Stammgeschäft Prostitution und Geldwäsche zuwenden. Und auf die vielen jungen Drogenkuriere (Leonard Carow), die selbst ihre besten Kunden sind und aufgeputscht ihre Runden über die Spielplätze und Clubs der Stadt drehen.
Der Himmel, der an der Nase klebt
Auf Tuchfühlung mit den Klein-Gangstern und Chemie-Junkies ist auch Drogenfahnderin Melissa Mainhard (Ina Weisse). Sie kennt das Elend der Straße, dabei hat die Alleinerziehende genug mit ihren beiden halbwüchsigen Töchtern daheim zu tun. Was genau die Frau antreibt bei ihrem zerstörerischen Job, wird anfänglich nicht ganz klar. Vielleicht gar die eigene Drogensucht? Regelmäßig klebt sie sich Morphiumpflaster auf den Bauch.
Die großartige Schauspielerin Weisse (zuletzt im preisgekrönten Justizkrimi "Das Ende einer Nacht" zu sehen) spielt die Frau mit Geheimnis und Würde, mit Lakonie und tragischem Unterton. Die Welt ihrer Figur gerät aus den Fugen, sie aber versucht mit stiller Wut zu retten, was zu retten ist. Weisse ist ein Segen für diesen ansonsten ziemlich mittelmäßigen Drogen-"Tatort".
Aber auch ein Fluch. Denn sie zieht unweigerlich alle Aufmerksamkeit vom Krimi-Plot ab. Der Partydrogenmarkt gerät schnell aus dem Blick, dafür steht bald das Schicksal der Mutter im Mittelpunkt. Eine Handlungsschräglage, die dem Umstand geschuldet ist, dass dieser "Tatort" auch Auftakt ist zur ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod". So ehrenwert es sein mag, dass sich das Erste einmal im Jahr flächendeckend mit einem unangenehmen Sujet auseinandersetzt - dem ARD-Krimi-Klassiker bekommt diese Zwangseingemeindung niemals gut. Unvergesslich das Desaster vor zwei Jahren, als ein Kieler "Tatort" auf Biegen und Brechen in eine Ernährungswoche integriert werden musste.
Jetzt also das Thema Sterben. Eigentlich nicht so wahnsinnig weit hergeholt beim "Tatort" - und trotzdem total vergurkt in dieser Berliner Episode. Regisseurin Claudia Garde ("Vertraute Angst") inszeniert normalerweise mit psychologischem Gespür, Drehbuchtautor Jörg Tensing entwickelt gerade mit Murmel Clausen den neuen Comedy-"Tatort" aus Thüringen mit Christian Ulmen und Nora Tschirner, hat zuvor aber auch das aufwühlende "Bloch"-Sterbedrama "Der Fremde" geschrieben. Hier aber tun sich die beiden Filmemacher schwer, die Themenwochenvorgabe in einen schlüssigen Krimi zu überführen.
Was bleibt sind ein paar schockierend schöne zwischenmenschliche Szenen mit Ina Weisse als sieches Muttertier. Und ein paar unfreiwillig komische mit Junkies auf Haarfärbemittel.
"Tatort: Dinge, die noch zu tun sind", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
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