Berlin-"Tatort" über Modedroge: Ick leck mir in den Himmel

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Junkies, die sich Haarfärbemittel durch die Nase ziehen. Mütter, die sich Morphiumpflaster auf den Körper kleben: Im Berliner "Tatort" sind diesmal alle auf Droge. Und das ganz legal. Ein starkes Thema - das am Ende allerdings den ARD-Programmzwängen zum Opfer fällt.

Berliner "Tatort": Keine Macht den Drogen? Leicht gesagt! Fotos
rbb

Der Himmel leuchtet grell orange, und wer an diesem Himmel leckt oder riecht, glaubt auf einer Wolke zu wandeln. Jedenfalls so lange, bis er wieder auf dem Boden der Tatsachen aufschlägt. "Heaven" ist die neueste Modedroge in Berlin. Da man damit auch die Haare färben kann, darf sie im Internet und in Clubs vertickt werden. Das orange Pulver ist nicht als Rauschmittel deklariert, sondern als Kosmetikware; so unterwandert man das Betäubungsmittelgesetz.

Wieder was gelernt. Eigentlich erstaunlich, dass die beiden Berliner Hauptkommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) schon seit über zehn Jahren in der Hauptstadt unterwegs sind und nie mit der Welt der Partydrogen in Berührung kamen. Im neuen "Tatort" könnten die beiden nun eigentlich umso tiefer in diesen Parallelkosmos der sogenannten "Legal Highs" hinabsteigen, also jener synthetischen Stoffe, die als Raumspray, Räuchermischung oder eben Tönungsmittel angeboten werden und meist Betäubungszusätze enthalten.

Nach dem Mord an einem Chemiker, der "Heaven" im Heimlabor seines Apartments herstellt, treffen die Ermittler auf die unterschiedlichen Player des Partydrogenmarkts. Auf windige Vertriebsmanager des Stoffes (Barnaby Matschurat), die ihre Büros direkt am Potsdamer Platz haben. Auf ganz normale Kriminelle (Gerdy Zint), die ebenfalls einen schnellen Euro an der Saison-Substanz verdienen wollen, bevor sie sich wieder dem Stammgeschäft Prostitution und Geldwäsche zuwenden. Und auf die vielen jungen Drogenkuriere (Leonard Carow), die selbst ihre besten Kunden sind und aufgeputscht ihre Runden über die Spielplätze und Clubs der Stadt drehen.

Der Himmel, der an der Nase klebt

Auf Tuchfühlung mit den Klein-Gangstern und Chemie-Junkies ist auch Drogenfahnderin Melissa Mainhard (Ina Weisse). Sie kennt das Elend der Straße, dabei hat die Alleinerziehende genug mit ihren beiden halbwüchsigen Töchtern daheim zu tun. Was genau die Frau antreibt bei ihrem zerstörerischen Job, wird anfänglich nicht ganz klar. Vielleicht gar die eigene Drogensucht? Regelmäßig klebt sie sich Morphiumpflaster auf den Bauch.

Die großartige Schauspielerin Weisse (zuletzt im preisgekrönten Justizkrimi "Das Ende einer Nacht" zu sehen) spielt die Frau mit Geheimnis und Würde, mit Lakonie und tragischem Unterton. Die Welt ihrer Figur gerät aus den Fugen, sie aber versucht mit stiller Wut zu retten, was zu retten ist. Weisse ist ein Segen für diesen ansonsten ziemlich mittelmäßigen Drogen-"Tatort".

Aber auch ein Fluch. Denn sie zieht unweigerlich alle Aufmerksamkeit vom Krimi-Plot ab. Der Partydrogenmarkt gerät schnell aus dem Blick, dafür steht bald das Schicksal der Mutter im Mittelpunkt. Eine Handlungsschräglage, die dem Umstand geschuldet ist, dass dieser "Tatort" auch Auftakt ist zur ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod". So ehrenwert es sein mag, dass sich das Erste einmal im Jahr flächendeckend mit einem unangenehmen Sujet auseinandersetzt - dem ARD-Krimi-Klassiker bekommt diese Zwangseingemeindung niemals gut. Unvergesslich das Desaster vor zwei Jahren, als ein Kieler "Tatort" auf Biegen und Brechen in eine Ernährungswoche integriert werden musste.

Jetzt also das Thema Sterben. Eigentlich nicht so wahnsinnig weit hergeholt beim "Tatort" - und trotzdem total vergurkt in dieser Berliner Episode. Regisseurin Claudia Garde ("Vertraute Angst") inszeniert normalerweise mit psychologischem Gespür, Drehbuchtautor Jörg Tensing entwickelt gerade mit Murmel Clausen den neuen Comedy-"Tatort" aus Thüringen mit Christian Ulmen und Nora Tschirner, hat zuvor aber auch das aufwühlende "Bloch"-Sterbedrama "Der Fremde" geschrieben. Hier aber tun sich die beiden Filmemacher schwer, die Themenwochenvorgabe in einen schlüssigen Krimi zu überführen.

Was bleibt sind ein paar schockierend schöne zwischenmenschliche Szenen mit Ina Weisse als sieches Muttertier. Und ein paar unfreiwillig komische mit Junkies auf Haarfärbemittel.


"Tatort: Dinge, die noch zu tun sind", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Indigo76 16.11.2012
Zitat von sysoprbbJunkies, die sich Haarfärbemittel durch die Nase ziehen. Mütter, die sich Morphiumpflaster auf den Körper kleben: Im Berliner "Tatort" sind diesmal alle auf Droge. Und das ganz legal. Ein starkes Thema - das am Ende allerdings den ARD-Programmzwängen zum Opfer fällt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-ueber-modedroge-mit-ritter-und-stark-a-866393.html
Bitte sucht euch bei spon doch endlich mal einen Kritiker, der etwas unvoreingenommener mit dem Thema Tatort umgeht. Ich weiß nicht, wann der letzte Tatort lief, der nicht auf spon zerrissen wurde. Tatort ist sehr viel besser als sein Ruf.
2.
ancoats 16.11.2012
Zitat von sysoprbbJunkies, die sich Haarfärbemittel durch die Nase ziehen. Mütter, die sich Morphiumpflaster auf den Körper kleben: Im Berliner "Tatort" sind diesmal alle auf Droge. Und das ganz legal. Ein starkes Thema - das am Ende allerdings den ARD-Programmzwängen zum Opfer fällt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-ueber-modedroge-mit-ritter-und-stark-a-866393.html
Das ist das Problem der allermeisten Tatorts heutzutage: Stimmigkeit und Spannungsbogen des eigentlichen Kerns - der Krimi-Story - werden zugunsten allerlei der eigentlichen Geschichte nicht weiter dienlichen Tralalas (als da prominent wären: gesellschaftsrelevante Botschaft, meistens mit dem Holzhammer verabreicht, psychologische "Tiefe" da, wo sie am wenigsten interessiert, nämlich bei den Ermittlern, sowie gelegentlich massiv hervorbrechender filmischer Kunstwille) sträflich vernachlässigt. Zurück bleibt ein zerfasertes Etwas, von dem man nicht weiß, was das eigentlich sein soll: ein Krimi? Das Kleine Fernsehspiel? Sozialdrama? Hutzliputzli? Man kann in Richtung Tatort eine Binsenweisheit offenbar nicht häufig genug sagen: erst einmal muss die eigentliche Story stimmen - alles andere ist die Kür vor der Pflicht.
3.
Indigo76 16.11.2012
Das hat nichts mit Angst zu tun. Aber wer in der heutigen Zeit im Internet mit seinem Klarnamen operiert, ist im besten Falle als "unvorsichtig" zu bezeichnen.
4. optional
Rahvin 16.11.2012
Der Betroffenheitshammer, den der Tatort oft auspackt, ist manchmal wirklich nur schwer erträglich. Beim Thema Krimi gibt es aber zwei Herangehensweisen: Einmal kann man sich auf das Verbrechen fixieren, das aufgeklärt gehört. Zum anderen kann man die persönliche Entwicklung der Ermittelnden genauer beleuchten. Letzteres passiert in den meisten "Schwedenkrimis", die sich ja durchaus einiger Beliebtheit erfreuen - ein Publikum dafür ist also da. Und der Tatort mit seinen festen Ermittlerteams ist doch prädestiniert dafür, diese Entwicklungen aufzuzeigen. Bei den Kriminialfällen ist der Tatort leider oft zu schwach. Aber am Ende steht der Unterhaltungsgedanke im Vordergrund, und das ist er doch meistens. Daher ist dieser Halbverriss wieder mal etwas überzogen.
5. Noch nicht bemerkt?
monty54 18.11.2012
Die Kritiker arbeiten doch fürs ZDF.
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.