"Tatort" über Verbrechen in der DDR: Papi, die Stasi und ich

Action mit hohem Laberfaktor: Im Leipziger "Tatort" wird das schwierige Thema Stasi mit einer abstrusen Mischung aus Verfolgungsjagden und Gesprächstherapien angegangen. Christian Buß bleibt erschöpft und ratlos zurück - und fordert für die Zukunft: Quatscht doch bitte keine Opern!

MDR-"Tatort": Rennen, reden, rennen Fotos
MDR

Rennen und reden, rennen und reden, rennen und reden. Die aktuelle Episode des MDR-"Tatorts" hat eine ziemlich schlichte Taktung - eine zu schlichte, wenn man die Komplexität des Themas bedenkt: Es geht um die Verbrechen des Ministeriums für Staatssicherheit und darum, wie diese Verbrechen auch mehr als 20 Jahre später im Leben von Opfer- und Täterkindern nachhallen. Es geht um "Nasse Sachen", so nannte man in Mielkes Behörde geheime Polizeiaktionen, bei denen Gewaltanwendung bis hin zum Mord eingeplant gewesen sein sollen.

Ein großes Thema - für das die Macher dieses "Tatorts" (Regie: Johannes Grieser, Buch: Andreas Knaup) weder Bilder noch Worte finden. Erst machen sie einen Autoschieber-Plot mit übertriebenem Reifenquietschen auf, und nach einer halben Stunde sind sie dann hoppladihopp in der DDR-Vergangenheit gelandet. Vergangenheitsbewältigung im Sprint muss man das wohl nennen.

Hatte man beim MDR Angst, dass das Thema ohne Action keine Akzeptanz finden würde? Anders ist kaum zu erklären, wieso hier jeder Zeuge erst einmal durch die halbe Stadt sprintet, nur um nach der Festnahme dann sogleich die Polente vollzuquatschen, als ob man auf der Couch vom Therapeuten läge. Diese wie aus heiterem Himmel einsetzenden Offenbarungsmonologe gehören zu dem Lächerlichsten, was man im "Tatort" seit langer Zeit gehört hat.

Stasi à go-go

Das fällt besonders deshalb auf, weil sie von eigentlich grandiosen Schauspielern gesprochen werden, die in der Vergangenheit in Stasi-Vorzeigedramen mitgespielt haben. Jörg Hartmann etwa war letztes Jahr in der furiosen und zugleich reflektierten Seifenoper "Weissensee" als ehrgeiziger Sozialismus-Stenz zu sehen, hier nun gibt er den Bürgerrechtlersohn, der den Ermittlern lang und umständlich von seinem Trauma berichtet, welches das Verschwinden seines Vaters vor fast 30 Jahren bei ihm hinterlassen hat. Und Claudia Michelsen, die vor drei Jahren im kühlen und wortkargen Stasi-Liebesdrama "Zwölf heißt: Ich liebe dich" glänzte, muss als Tochter eines Mielke-Schergen vom brutalen Treiben ihres Vaters erzählen, der auch zu Hause ein strenges sozialistisches Regiment führte.

Wie aufgesagt wirken diese Berichte aus familiären Kampfzonen des realen Sozialismus, die Figuren bleiben (eben besonders im Vergleich zu "Weissensee") bloße Behauptung. Nein, das Private wird hier nicht politisch.

Besonders abgeschmackt wirkt die Verquickung von Stasi-Verbrechen und Familienbande bei der Ermittlerin Eva Saalfeld (Simone Thomalla), die in ihrem elften Fall feststellen muss, dass auch ihr als im Dienst erschossen geltender Polizisten-Vater an einer von Mielkes "Nassen Sachen" beteiligt gewesen ist. Sie rennt und rennt und rennt über den Flughafen von Leipzig, um einem ominösen Fremden das Geheimnis über die familiären Verstrickungen zu entlocken - und dann steht sie irgendwann auf einem zugigen Parkhaus mit vorgehaltener Waffe und quatscht Opern über ihre seelischen Verletzungen: Papi, die Stasi und ich.

Martin Wuttke als Kollege Keppler läuft derweil mit zusammengezogen Schultern und hochgezogenem Kragen durchs herbstnasse Leipzig. Ist ihm kalt - oder ist er angesichts dieser Stasi-Schnulze einfach nur peinlich berührt?


"Tatort: Nasse Sachen", Pfingstmontag (!) 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Ein Grund mehr für Tatort-Streik
Mo2 10.06.2011
Der Bericht ist für mich ein weiterer Grund, den Leipziger Tatort mal wieder ausfallen zu lassen. Bisher war es Simone Thomalla, deren Schauspielversuche ich einfach kaum ertragen kann. Mimik = 0, ständig läuft sie mit dem immergleichen Schmollmund durch die Gegend und ist dabei angezogen wie eine Frau, die nicht wahrhaben will, dass ihre Zeit dafür längst, ich sag mal vor 20 Jahren, abgelaufen ist. Und der fabelhafte Schauspieler Martin Wuttke kann die Sendung leider nicht allein tragen
2. E braucht Zeit.....und sie wird der Mantel des Vergessens sein.
dillerjohann 10.06.2011
Die NS Zeit ist bis heute noch nicht Aufgearbeitet,die Generationen gehen dahin ,ohne das sie das Erlebte,erklären und verarbeiten konnten.Die Stasi, die DDR ist noch jung in der Vergangenheit. Sicherlich gibt es Probleme innerhalb der Familien, neue Generationen wachsen heran, werden vielleicht hier und da ein paar unbequeme Fragen gestellt, vielleicht einige wenige Wahre Antworten bekommen. Es wird mehr das Schweigen sein, so wie wenn Kinder darüber schweigen was sie angestellt haben. Es wird verblassen mehr und mehr,und irgend wann,werden die Geschichtsbücher noch darüber berichten,wenn die betroffenen Menschen schon lange davon gegangen sind.
3. Die Stasi-Vergangenheit und seine kriminellen Zuträger gehören aufgearbeitet
Roßtäuscher 10.06.2011
Zitat von sysopAction mit hohem Laberfaktor: Im Leipziger "Tatort"*wird das schwierige Thema Stasi mit einer abstrusen Mischung aus Verfolgungsjagden und*Gesprächstherapien angegangen. Christian Buß bleibt erschöpft und ratlos zurück - und fordert für die Zukunft: Quatscht doch bitte keine Opern! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,767128,00.html
Aufgearbeitet mit Konsequenzen für die Täter. Nicht mit der Belohnung für Verbrechen aus dem Steuersäckel Westdeutschlands. Der Hass soll die Verbrecher verfolgen bis an deren physisches Ende. Gerade die abgelegte, merkwürdige Thomalla-Beziehung der Ruhrpott-Ikone Assauer sollte außen vor bleiben. Geschmacklos ist das Wenigste was einem dazu einfällt. Der Westen hat kein Interesse an einer Glorifizierung der Verbrechen des SED-Staates bolschewistischer Prägung. Honecker und Konsorten sind mit einem goldenen Handschlag und Pensionszahlungen auch noch belohnt worden.
4. Nagelstudio
steulich 10.06.2011
Für mich DIE talentloseste Kommissarin. Überzeugt schauspielerisch null. Es scheint immer so, als ob sich die Fachgehilfin aus dem Nagelstudio ins Kommissariat verirrt hat. Keine Ahnung wer hier federführend in der Rollenbesetzung gewesen ist. Deswegen bleibt der Fernsehen am Sonntag aus.
5.
TrevorFrancis 10.06.2011
ja Himmelherrgott! Dieser Tatort ist doch noch gar nicht gelaufen! Und schon werden hier Sachen abgelassen....wie geht das nochmal mit der "eigenen Meinung"?? Schaut Euch den Film doch wenigstens vorher an!!!! Ich könnt echt brüllen, wie das hier läuft:-)
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.