Rennen und reden, rennen und reden, rennen und reden. Die aktuelle Episode des MDR-"Tatorts" hat eine ziemlich schlichte Taktung - eine zu schlichte, wenn man die Komplexität des Themas bedenkt: Es geht um die Verbrechen des Ministeriums für Staatssicherheit und darum, wie diese Verbrechen auch mehr als 20 Jahre später im Leben von Opfer- und Täterkindern nachhallen. Es geht um "Nasse Sachen", so nannte man in Mielkes Behörde geheime Polizeiaktionen, bei denen Gewaltanwendung bis hin zum Mord eingeplant gewesen sein sollen.
Ein großes Thema - für das die Macher dieses "Tatorts" (Regie: Johannes Grieser, Buch: Andreas Knaup) weder Bilder noch Worte finden. Erst machen sie einen Autoschieber-Plot mit übertriebenem Reifenquietschen auf, und nach einer halben Stunde sind sie dann hoppladihopp in der DDR-Vergangenheit gelandet. Vergangenheitsbewältigung im Sprint muss man das wohl nennen.
Hatte man beim MDR Angst, dass das Thema ohne Action keine Akzeptanz finden würde? Anders ist kaum zu erklären, wieso hier jeder Zeuge erst einmal durch die halbe Stadt sprintet, nur um nach der Festnahme dann sogleich die Polente vollzuquatschen, als ob man auf der Couch vom Therapeuten läge. Diese wie aus heiterem Himmel einsetzenden Offenbarungsmonologe gehören zu dem Lächerlichsten, was man im "Tatort" seit langer Zeit gehört hat.
Stasi à go-go
Das fällt besonders deshalb auf, weil sie von eigentlich grandiosen Schauspielern gesprochen werden, die in der Vergangenheit in Stasi-Vorzeigedramen mitgespielt haben. Jörg Hartmann etwa war letztes Jahr in der furiosen und zugleich reflektierten Seifenoper "Weissensee" als ehrgeiziger Sozialismus-Stenz zu sehen, hier nun gibt er den Bürgerrechtlersohn, der den Ermittlern lang und umständlich von seinem Trauma berichtet, welches das Verschwinden seines Vaters vor fast 30 Jahren bei ihm hinterlassen hat. Und Claudia Michelsen, die vor drei Jahren im kühlen und wortkargen Stasi-Liebesdrama "Zwölf heißt: Ich liebe dich" glänzte, muss als Tochter eines Mielke-Schergen vom brutalen Treiben ihres Vaters erzählen, der auch zu Hause ein strenges sozialistisches Regiment führte.
Wie aufgesagt wirken diese Berichte aus familiären Kampfzonen des realen Sozialismus, die Figuren bleiben (eben besonders im Vergleich zu "Weissensee") bloße Behauptung. Nein, das Private wird hier nicht politisch.
Besonders abgeschmackt wirkt die Verquickung von Stasi-Verbrechen und Familienbande bei der Ermittlerin Eva Saalfeld (Simone Thomalla), die in ihrem elften Fall feststellen muss, dass auch ihr als im Dienst erschossen geltender Polizisten-Vater an einer von Mielkes "Nassen Sachen" beteiligt gewesen ist. Sie rennt und rennt und rennt über den Flughafen von Leipzig, um einem ominösen Fremden das Geheimnis über die familiären Verstrickungen zu entlocken - und dann steht sie irgendwann auf einem zugigen Parkhaus mit vorgehaltener Waffe und quatscht Opern über ihre seelischen Verletzungen: Papi, die Stasi und ich.
Martin Wuttke als Kollege Keppler läuft derweil mit zusammengezogen Schultern und hochgezogenem Kragen durchs herbstnasse Leipzig. Ist ihm kalt - oder ist er angesichts dieser Stasi-Schnulze einfach nur peinlich berührt?
"Tatort: Nasse Sachen", Pfingstmontag (!) 20.15 Uhr, ARD
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