"Tatort" über moderne Kriegführung Zugedrohnt in Ludwigshafen

Weltpolitik in der pfälzischen Provinz: Während Deutschland und die USA neue militärische Allianzen verhandeln, planen Kurden einen Drohnenanschlag. Ein "Tatort", der sich am großen Thema verhebt.

SWR/ Alexander Kluge

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Die Versehrten der modernen globalen Kriegführung - sie kommen in diesem sehr konstruierten "Tatort" aus verschiedenen Ecken der Welt in der kleinen Praxis eines deutschen Psychiaters zusammen: Dr. Steinfeld behandelte sowohl US-Soldaten des nahe gelegenen Militärflugplatzes der United States Air Force in Ramstein, die Drohnenangriffe auf menschliche Ziele im Irak gelenkt haben, als auch traumatisierte Flüchtlinge, die bei solchen Attacken Angehörige verloren haben.

Nun liegt der Psychiater tot in seiner Praxis. Durch einen gezielten Handkantenschlag wurde er bewusstlos geschlagen, im Anschluss zertrümmerte man ihm den Schädel, beim Tötungsvorgang gingen offenbar professionelle Präzision und unkontrollierte Wut Hand in Hand. Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kollegin Stern (Lisa Bitter) stellen bald erstaunt fest, dass bei dem Therapeuten, wie sie es nennen, "Opfer und Täter" ein und aus gingen.

Zu den Opfern zählt der Kurde Mirhat Rojan (Cuco Wallraff), der bei einem Drohnenangriff im Irak seine beiden Kinder verloren hat. Zu den Tätern zählt die US-Soldatin Heather Miller (Lena Drieschner), die als sogenannter Screener die Kamera an einer Kampfdrohne bediente, auf diese Weise die lebenden Ziele ausfindig machte und über das Ausmaß ihres Tötens vor den Ermittlerinnen drastisches Zeugnis ablegt: "Vor Ihnen steht eine Massenmörderin, 300 Menschen insgesamt, Frauen, Kinder."

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Odenthal-"Tatort": Wer hat hier die Kontrolle?

Der brisante, geopolitisch aufgeladene Mordfall ruft die Politik auf den Plan - auch weil sich ein hochrangiger Gast in der Pfalz angesagt hat: Ein US-Staatssekretär will mit dem deutschen Verteidigungsminister Pläne zur Zusammenarbeit beim Drohnenkrieg erörtern; zackig salutiert sich der Ami durch Ramstein, wo er auf den Bildschirmwänden des Air & Space Operations Center den Drohneneinsatz im Irak inspiziert.

Großes Militärtheater im deutschen Ermittler-Klein-Klein, Weltpolitik vor pfälzischer Provinzkulisse, Whodunit-Krimi mit Ethikmehrwert: Dieser "Tatort" will vieles sein, nicht alles ist er auch. Er verheddert sich in seinen Ambitionen. Zugedrohnt in Ludwigshafen.

Stets mit großem Kampfbesteck

Autor und Regisseur Thomas Bohn hat den deutschen Fernsehkrimi immer wieder in seinen formalen Grenzen geweitet. In den Neunzigerjahren inszenierte er einige spektakuläre, Action-getriebene Odenthal-Folgen, etwa 1996 den Sci-Fi-Krimi "Tod im All". Und im Jahr 2001 - kurz vor 9/11 - entwickelte er einen "Tatort" mit Robert Atzorn, in dem Terroristen auf dem Hamburger Airport ein Flugzeug entführen wollen, das schließlich von einer Spezialeinheit gestürmt wird. Bohn arbeitet stets mit großem Kampfbesteck.

So auch in diesem "Tatort", für den er etwas zu schnittig zwei Parallelstränge ausarbeitet. Da ist zum einen die Screenerin, die durch ihre Tötungsaufgaben zur tickenden Bombe geworden ist, und da ist der Kurde, der, wie der Zuschauer schnell erfährt, mit seinem Bruder zwei Drohnen gebastelt hat, um durch einen Anschlag auf den US-Staatssekretär auf die Gräueltaten hinzuweisen, die mit diesen vermeintlichen Präzisionswaffen begangen werden.

Obwohl sie sich auf verschiedenen Seiten gegenüber standen, treffen sich die US-Soldatin und der Kurde in ihrer Kritik an der modernen Kriegführung: So erzählt die Drohnenkriegerin, dass sie bei ihren Einsätzen nicht unterscheiden konnte, ob es sich bei den sich bewegenden Punkten auf ihrem Bildschirm um spielende Kinder oder feindliche Kombattanten handelte.

Abdrücken tut immer noch der Mensch

Im Kampf gegen den "Islamischen Staat" im Irak setzen die USA auf "Unmanned Aerial Vehicles", wie die Flugobjekte im Militärjargon genannt werden. Unbenannte Luftfahrzeuge, das suggeriert ja, dass keine Personen im Kampfgeschehen involviert sind. Aber abdrücken muss natürlich immer noch der Mensch. Posttraumatische Belastungsstörung kann man demnach auch in einem Kontrollraum in Texas fernab des Kampfgebiets bekommen.

Doch so lobenswert die Bemühung ist, das große Zukunftsthema Drohnen mit all seinen drängenden, offenen Fragen auf die "Tatort"-Tagesordnung zu setzen - die Konstruktion wackelt. Die Synchronisierung von Opferbiografie und Soldatenkrankenakte geht nicht auf, da werden zwangsweise Schuldfragen relativiert; die Wut wird allzu schnell auf die mechanisch salutierenden Pappkameraden der großen Politik gelenkt.

Dazu erläutern die US-Soldatin und der Opfer-Vater aus dem Irak in Handyfilmen ihr Handeln in einer Weise, die viel zu reflektiert für ihren posttraumatischen Zustand ist. Der freundliche Kurde erklärt seinen und ähnliche Anschlagsversuche auf deutsche und amerikanische Staatsrepräsentanten mit den Worten: "Sie töten, weil ihr sonst nicht bereit seid, sie anzuhören." Terror als Hilferuf aufgewühlter Väter, das ist dann doch sehr dünn argumentiert.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Vom Himmel hoch", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 12 Beiträge
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fraum 09.12.2018
1.
Das einzig Unerträgliche ist Ihre Anspielung auf das Alter der Komissarinnen. Warum nicht mit 60 noch als Schauspielerin hier tätig sein? Die Handlung bestimmt nicht allein die Komissarin. Auffallend hier Ihre Abneigung gegen Frauen Ü 60. Schade. Empfehle Ihnen an dieser Stelle gerne Navy CIS. Da dürften Sie mit blutjungen Schauspiellerinnen Ihre Zufriedenheit finden.
trustableman 09.12.2018
2. Stigma Psycho nun auch für Terrorismus?
Die Analyse dieses furchtbaren "Tatorts" fasst zu kurz: In beiden Handlungssträngen werden stigmatisierende Vorurteile und aufgestachelte Bürgerängste zu Charakteren von angeblichen Monstern verwurstet. Die blonde Psycho-Kampfmaschine und die zwei liebenswerten, kurdischen Schwarzpulvermischer im Drohnen-Bausatz-Angriffkrieg sind genauso unrealistisch wie die vermeintliche Bedrohungslage einer angeblichen Rüstungsdelegation. Hier werden soviele hässliche, stigmatisierende Feinbilder bedient das schliesslich selbst die Kripo-Blondine plus ihre brünnette Kollegin Folker etwas rot um die Nase werden. Diese ungewollte Selbstironie in der maskenbildnerisch richtig gelungenen, blutverkrusteten Schlussszene war der wahre Höhepunkt dieses vergeigten Tatort.
Dramaturgen-Frau 09.12.2018
3. 4 von 10 Punkten kam einer Abschaltaufforderung gleich
Und dem bin ich nachgekommen, indem ich gar nicht erst einschaltete. Dass dieses banalisierte Kriegsthema am 2. Advent nach hinten losgeht, ahnte wohl auch die ARD, und lud die Hauptdarstellerin, die die Kommissarin mimt, die zurecht fünf Mal an Schauspielschulen abgelehnt wurde, in die NDR-Talkshow ein, wo sie eitel kokettierend wieder so tat, als sei sie eine Schauspielerin. Wir wissen alle, dass sie die darstellerische Qualität einer Komparsin hat. Die ARD hat uns von der unerträglichen Frau Mattes erlöst, sie erlöst uns von der unerträglichen Frau Postel und reduziert die kaum erträgliche Frau Burda auf das Mindestmaß von einem einzigen Tatort pro Jahr. Warum wird nicht auch mit dieser nicht aushaltbaren Frau Folkerts endlich "kurzer Prozess" gemacht, um in der Begrifflichkeit des Tatorts zu bleiben? Soll die Dame noch mit 80 Kommissarin spielen? BItte, ARD: Machen Sie endlich Schluss mit diesem Tatort! Es gibt so viele gute Schauspielerinnen und Drehbuchautoren, die verdient hätten, den SWR-Tatort zu gestalten.
Ekkehard Grube 10.12.2018
4. Ein guter Krimi
Es ist hier m.E. auf überzeugende und bewegende Weise gelungen, darzustellen, was es mit einem Menschen macht, wenn er tötet: Sehr zu Herzen gehend die Worte der Psychotherapeutin, die Lena Odenthal auf deren Einwand hin, dass es doch wohl pervers sei, sowohl Hinterbliebene von Getöteten zu behandeln als auch Menschen, die selbst getötet haben, schildert, dass Menschen, die getötet haben, ebenso Hilfe brauchen wie die Hinterbliebenen Getöteter. Dann die amerikanische Soldatin, die nicht damit fertig wird, als Beteiligte am Drohnenkrieg viele Frauen und Kinder getötet zu haben. Und schließlich muss Lena Odenthal diese Soldatin in einer eindeutigen Notwehrsituation erschießen. Danach sitzt sie mit ihrer Kollegin Johanna Stern, die von der getöteten Amerikanerin zusammengeschlagen und in Lebensgefahr gebracht wurde, weinend vor dem Handy-Video, auf dem die amerikanische Soldatin ihren erweiterten Suizid ankündigt. Das wirkte in keiner Weise kitschig, sondern schnürte einem die Kehle zu. Problematisch war in diesem Film m.E. das Video, das die beiden kurdischen Brüder aufnahmen. Bereits mehrfach wurde in diesem Forum erörtert, inwieweit Tatorte und Polizeirufe Selbstjustiz rechtfertigen. Angesichts der Worte, die die beiden vor der Kamera sprechen – „Wir müssen töten, weil man uns sonst nicht zuhört“ – wäre diese Frage m.E. auch bei dieser Folge zu stellen. Ich hätte diese Szene jedenfalls so nicht gedreht. Von dieser Schwachstelle abgesehen – ein guter, ein bewegender Tatort.
Neandiausdemtal 10.12.2018
5. Gut, dass das zu einer vernünftigen Sendezeit thematisiert wurde!
Die Amis insbesondere, aber auch andere, können es nicht lassen. Mit blindwütigen Bombardements und Drohnenangriffen werden viel zu oft völlig unschuldige ermordet. Das sind eben keine Kriegsopfer, es sind Mordopfer. Und die Mörder sind eben nicht nur die, die auf den Auslöser drücken bzw. den Abzug betätigen, sondern es sind die, die befehlen und die dies auf perverse Weise politisch vorbereiten. Die Lügen von Colin Powell in der UNO, die den Auftakt zum zweiten Golfkrieg bildeten, geben ein beredtes Zeugnis ab. Niemand hätte einen Iraker Terrorist nennen können, der in den USA Menschen getötet hätte. Er hätte ja nichts anderes getan, als US-Amerikaner in seinem Land. Er wäre einfach ein Kriegsgegner. Da muß man sich schon entscheiden, entweder sind die beiden Kurden im Tatort Terroristen, dann ist der amerikanische Staatssekretär auch einer, was umsomehr gilt, als das beide Parteien den Konflikt in einem Land austragen, dessen Bevölkerung damit nichts zu tun hat oder es sind Kriegsgegner. Es bleibt jedenfalls dabei, gut, dass dieses Thema auch mal für andere Menschen als den interessierten Monitor Zuschauer aufbereitet wurde.
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