Gruppentherapie im Odenthal-"Tatort" Dieses Hotel ist der Horror

Kommissarin Odenthal besucht mit ihren Kollegen im Schwarzwald ein Motivationsseminar. Ein weiterer Südwest-"Tatort", bei dem die Schauspieler improvisiert haben - das geht nach hinten los.

SWR/ Martin Furch

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Ob Sparkasse, Zeitungsredaktion oder Mordkommission: Überall wird Personal abgebaut, überall soll Motivationsrhetorik über den Mitarbeiterschwund hinwegtäuschen. Beim Ludwigshafener "Tatort"-Revier hat sich in der vorherigen Folge Kollege Kopper eher unfreiwillig nach Italien verabschiedet, ein Coach soll die verbleibenden Beamten inspirieren und ihnen dabei helfen, sich neu zu strukturieren.

In einem heruntergekommenen und verschneiten Schwarzwald-Hotel samt fragwürdigem Wellnessbereich spricht der Seminarleiter von Neuanfang und Gruppenfindung, doch Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) kann keine Begeisterung dafür aufbringen, sich den Stellenabbau schön zu reden. Auch die anderen Mitarbeiter mauern. Da übernimmt der Coach eben selbst das Quatschen, und weil keiner mitkommen will, geht er allein in die Sauna, um danach seinen massigen nackten Körper im Schnee zu wälzen.

Der Kollegenaustausch schleppt sich also - so wie dieser Krimi insgesamt. Es ist bereits der zweite, bei dem die Schauspieler aufgrund knapper inhaltlicher Vorgaben ihre Szenen in der Improvisation erarbeiten. Vor einem Jahr sorgte schon die Episode "Babbeldasch" für mildes Erstaunen, große Erschöpfung und ungewöhnlich deutlich geäußerte Ablehnung bei ranghohen ARD-Programmplanern, die solche "Experimente" im "Tatort" zukünftig eindämmen wollen.

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Odenthal-"Tatort": Waldlust, Waldfrust

In der viel kritisierten Episode babbelten sich Laiendarsteller durch ein Laienspieltheaterstück, bei dem ein Mord passiert. Die Idee mit den Amateuren mag auf dem Papier gut geklungen haben, in der Umsetzung war sie einfach nur anstrengend. Schon weil das freie Spiel eben nicht mit den engen Erzählvorgaben eines Mörderrätsels in Einklang zu bringen war.

"Shining" lässt grüßen

Das ist jetzt auch beim Tatort "Waldlust" so. Da hilft es nicht, dass die Filmemacher ambitioniert aus Thriller-Klassikern kopieren, die inhaltlich zu ihrem Menschen-im-verschneiten-Hotel-Szenario passen. Die Kameraflüge über den verwunschenen Wald etwa verweisen auf "Shining", die Provinzcops in Winterkleidung, die hier auch eine Rolle spielen, erinnern ein bisschen an "Fargo".

Doch das auf Entfesselung angelegte Gruppenseminar stößt in diesem engen ästhetischen Rahmen schnell an seine Grenzen. Dabei befindet sich Regisseur Axel Ranisch, der sich Spielleiter nennt und auch schon den ersten Improv-"Tatort" gedreht hat, ganz in seinem Metier. In Low-Budget-Produktionen wie "Alki, Alki" rang er Ehe- oder Firmenpartnern im forcierten improvisierten Clash schmerzliche Wahrheiten ab.

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Für diesen "Tatort" hat Ranisch nun mit Christina Grosse, Peter Trabner und Heiko Pinkowski gleich mehrere improvisationserprobte Mitstreiter in den unbehaglichen Schwarzwald gebracht. Seine oft bei Projekten beteiligt Großmutter Ruth Bickelhaupt ist auch dabei. Doch so sehr diese Darsteller das angestammte Ludwigshafener Team auch fordern und anspornen - es entsteht keine entlarvende, überraschende oder einfach nur lustige Dynamik. Nicht mal der heimliche Griff zur Flasche mit Selbstgebranntem bringt das Seminar auf Touren.

Das liegt daran, dass "Waldlust" eben auch ein Krimi ist, in dem die Charaktere bei ihren Selbstfindungsverrenkungen immer wieder mit den Vorgaben des präzise konstruierten Mörderrätsels kollidieren. Denn auch das will dieser "Tatort": die Geschichte eines 18 Jahre zurückliegenden Mordes erzählen, der durch die Ankunft der genervten Kripo-Einheit doch noch aufgeklärt wird.

Spontaneität und Rückblenden, Improvisation und Komposition - das ist eine paradoxe Erzählanordnung. Am deutlichsten wird das an der Filmmusik: Auf der Grundlage eines vierseitigen Exposés hatte die Musikproduzentin Martina Eisenreich vor dem Dreh eine viersätzige Symphonie komponiert. Sie wurde von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eingespielt und über das freie Spiel der Akteure gelegt.

Was als produktiver Widerspruch gedacht gewesen sein mag, erschlägt die eh schon arg gebeutelten Filmcharaktere. Gefangen im Schnee, begraben unter Streichern: Dieses Motivationsseminar ist nach hinten losgegangen.

Bewertung: 4 von 10 Punkten

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schwaebischehausfrau 02.03.2018
1. Danke SPON..
hilft einem, aus dem Sonntagabend was Besseres zu machen als sich das anzutun. Schon der letzte Versuch mit dem Laientheater, irgendwas Originelles zu machen, hat jedem halbwegs seelisch gesunden TV-Zuschauer nur körperliche Schmerzen bereitet. Die ganze deutsche Tatort- und Krimi-Szene (seit Jahren nur eh nur noch Klamauk, meist zudem von irgendeiner "Region" mit touristischen Ambitionen gesponsert und in Auftrag gegeben) ist an Erbärmlichkeit nicht zu überbieten - besonders wenn man es mit Krimis vergleicht, die Dänen und Schweden seit Jahren in Serie abliefern und trotzdem 10x so "spannend" sind wie "Tatort-Münster"-Klamauk, Nordsee-Krimi, Bodensee-Krimi, Taunus-Krimi etc.pp. ) Das am kommende Sonntagabend gelieferte Selbstfindungs-Seminar beschreibt wohl eher den Geisteszustand der deutschen TV-Krimi-Autoren. Ausser peinlichen Tarantino- und Coen-Brother-Anleihen fällt denen nichts mehr ein. Was eigenes schon gar nicht. Das letzte halbwegs Originelle , Andere, Kreative, das deutsche Drehbuchschreiber abgeliefert haben war "Lola rennt" und ist auch schon gefühlte 20 Jahre her. Wenn die ARD einen weiteren Beweis dafür liefern will, dass das anstrengungsfreie Einsammeln von Zwangsgebühren nur träge und unkreativ macht, dann wird ihr das am Sonntagabend wohl wieder mal eindrucksvoll gelingen.
karl-wanninger 02.03.2018
2.
Zitat von schwaebischehausfrauhilft einem, aus dem Sonntagabend was Besseres zu machen als sich das anzutun. Schon der letzte Versuch mit dem Laientheater, irgendwas Originelles zu machen, hat jedem halbwegs seelisch gesunden TV-Zuschauer nur körperliche Schmerzen bereitet. Die ganze deutsche Tatort- und Krimi-Szene (seit Jahren nur eh nur noch Klamauk, meist zudem von irgendeiner "Region" mit touristischen Ambitionen gesponsert und in Auftrag gegeben) ist an Erbärmlichkeit nicht zu überbieten - besonders wenn man es mit Krimis vergleicht, die Dänen und Schweden seit Jahren in Serie abliefern und trotzdem 10x so "spannend" sind wie "Tatort-Münster"-Klamauk, Nordsee-Krimi, Bodensee-Krimi, Taunus-Krimi etc.pp. ) Das am kommende Sonntagabend gelieferte Selbstfindungs-Seminar beschreibt wohl eher den Geisteszustand der deutschen TV-Krimi-Autoren. Ausser peinlichen Tarantino- und Coen-Brother-Anleihen fällt denen nichts mehr ein. Was eigenes schon gar nicht. Das letzte halbwegs Originelle , Andere, Kreative, das deutsche Drehbuchschreiber abgeliefert haben war "Lola rennt" und ist auch schon gefühlte 20 Jahre her. Wenn die ARD einen weiteren Beweis dafür liefern will, dass das anstrengungsfreie Einsammeln von Zwangsgebühren nur träge und unkreativ macht, dann wird ihr das am Sonntagabend wohl wieder mal eindrucksvoll gelingen.
Ausgerechnet die megadrögen Krimiserien aus Skandinavien, bei der alle Beteiligten unter schwerster Gastritis zu leiden scheinen, sollen es sein? Vielleicht auch noch die nicht weniger drögen Krimiserien aus "Great Britain"? Nö, dann doch lieber jeden ARD-Tatort, egal woher.
Newspeak 02.03.2018
3. ...
"Am deutlichsten wird das an der Filmmusik: Auf der Grundlage eines vierseitigen Exposés hatte die Musikproduzentin Martina Eisenreich vor dem Dreh eine viersätzige Symphonie komponiert. Sie wurde von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eingespielt und über das freie Spiel der Akteure gelegt." Ein weiteres Kapitel im Trauerspiel, wie man ohne Sinn und Verstand fremdes Geld ausgibt. Was soll denn so eine Symphonie im Tatort-Kontext bringen? Wieso muss man diese Dinge auslagern? Gibt es im aufgeblaehten Oeffentlich-Rechtlichen Apparat keine eigenen Tonkuenstler? Stand dahinter eine kohaerente kuenstlerische Absicht, oder war es einfach nur der Gedanke, hey, das ist total crazy, das wird eine so seltsame Mischung, das muss gut werden? Ich denke, das Tatort Format wird schon seit Langem inflationaer versendet. Deshalb ueberbietet man sich in Seltsamkeiten. Ein normaler Krimi reicht schon lange nicht mehr, damit waren es solche einfach erzaehlten Stoffe, die das Format beruehmt gemacht haben. Heute muss es Arthouse sein. Oder Sozialkritik. Darunter geht es nicht mehr. Wenn man aber, Sakrileg, die Anzahl der Teams reduzieren wuerde, und auch die Anzahl der Sendetermine, vielleicht nur noch jeden zweiten Sonntag, DANN haette man auch die Moeglichkeiten, sich wieder auf anspruchsvolle Fallkonstruktionen zu konzentrieren, statt oberflaechlichler Effekthascherei. Und das Produkt wuerde evtl. wieder so aufgenommen, wie das frueher mal war. Dass man sich in den 80ern schon eine Woche im Voraus auf so einen Fernsehabend freuen konnte, und seine Freizeit um so ein Ereignis herum plante, das erscheint ebensowenig mehr vorstellbar, wie die historische Tatsache, dass am Freitag- und Samstagabend wirklich hervorragendes Spielfilm- und Showprogramm lief. Und zwar ab 20 Uhr und nicht erst nachts um 3.
karl-wanninger 02.03.2018
4.
Zitat von Newspeak"Am deutlichsten wird das an der Filmmusik: Auf der Grundlage eines vierseitigen Exposés hatte die Musikproduzentin Martina Eisenreich vor dem Dreh eine viersätzige Symphonie komponiert. Sie wurde von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eingespielt und über das freie Spiel der Akteure gelegt." Ein weiteres Kapitel im Trauerspiel, wie man ohne Sinn und Verstand fremdes Geld ausgibt. Was soll denn so eine Symphonie im Tatort-Kontext bringen? Wieso muss man diese Dinge auslagern? Gibt es im aufgeblaehten Oeffentlich-Rechtlichen Apparat keine eigenen Tonkuenstler? Stand dahinter eine kohaerente kuenstlerische Absicht, oder war es einfach nur der Gedanke, hey, das ist total crazy, das wird eine so seltsame Mischung, das muss gut werden? Ich denke, das Tatort Format wird schon seit Langem inflationaer versendet. Deshalb ueberbietet man sich in Seltsamkeiten. Ein normaler Krimi reicht schon lange nicht mehr, damit waren es solche einfach erzaehlten Stoffe, die das Format beruehmt gemacht haben. Heute muss es Arthouse sein. Oder Sozialkritik. Darunter geht es nicht mehr. Wenn man aber, Sakrileg, die Anzahl der Teams reduzieren wuerde, und auch die Anzahl der Sendetermine, vielleicht nur noch jeden zweiten Sonntag, DANN haette man auch die Moeglichkeiten, sich wieder auf anspruchsvolle Fallkonstruktionen zu konzentrieren, statt oberflaechlichler Effekthascherei. Und das Produkt wuerde evtl. wieder so aufgenommen, wie das frueher mal war. Dass man sich in den 80ern schon eine Woche im Voraus auf so einen Fernsehabend freuen konnte, und seine Freizeit um so ein Ereignis herum plante, das erscheint ebensowenig mehr vorstellbar, wie die historische Tatsache, dass am Freitag- und Samstagabend wirklich hervorragendes Spielfilm- und Showprogramm lief. Und zwar ab 20 Uhr und nicht erst nachts um 3.
Ist es denn nicht viel interessanter, wenn sich Krimis auch mal um neue Erzählweisen, oder Formen bemühen, auch wenn das dann zuweilen daneben geht, als die ewig gleichen, schon tausende male erzählten, aufrechten Detektivgeschichten aus dem letzten Jahrhundert.
emobil 02.03.2018
5.
Zitat von karl-wanningerAusgerechnet die megadrögen Krimiserien aus Skandinavien, bei der alle Beteiligten unter schwerster Gastritis zu leiden scheinen, sollen es sein? Vielleicht auch noch die nicht weniger drögen Krimiserien aus "Great Britain"? Nö, dann doch lieber jeden ARD-Tatort, egal woher.
stimmt! Vor allem aber die Skandinavien Krimis als Vorbild? Das ist lächerlich!!! Da sind die eine Hälfte der Bevölkerung wahnsinnige, perverse, sadistische Massenmörder und die andere Hälfte Kriminalkommissar/innen. Und immer ist es duster.
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