Rache-"Tatort" aus München Senta, die Mörderpuppe

Santa Graus is coming: Im Münchner "Tatort" rächt ein Weihnachtsmann mithilfe einer Smartpuppe Missbrauchsverbrechen. Ein Horrorthriller, der eher visuell als inhaltlich besticht.

BR/ Hendrik Heiden

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Puppen können Angstmacher sein, gerade für Eltern. Hängen da im Rudel auf dem Bett der Tochter ab und starren das Gegenüber mit aufgerissenen Augen und eingefrorenem, fast schon höhnischem Lächeln an. Was denken die so den lieben langen Tag? Was führen die im Schilde? Wollen die einem Böses? Spätestens seit dem Horror-Franchise "Chucky - Die Mörderpuppe", in dem von den späten Achtzigern an ein zerzaustes Spielzeugmännchen Killerinstinkte zeigte, schaut man die Kunststoffwesen mit anderen Augen an.

Die Puppe Senta ist auch so ein unheimliches Ding. Auf einmal fangen ihre großen kalten Augen blau zu leuchten an, und sie säuselt mit Alexa-Stimme auf ihre kleine Besitzerin ein. Es ist zwar mitten im Sommer, aber in der Nacht, so sagt Senta, würde der Weihnachtsmann kommen, das Mädchen solle artig sein und ihn in das hochgesicherte Heim lassen. Tatsächlich steht da später ein Mann mit rotem Mantel und weißem Bart im Garten. Statt der Rute hat er eine Machete dabei.

Am nächsten Morgen finden Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) einen blutigen Tatort vor; die Eltern des Mädchens wurden vom Weihnachtsmann regelrecht abgeschlachtet. Dem Vater hat man die Genitalien abgeschnitten, über sein Bett hat jemand mit Blut geschrieben: "Wir kriegen euch alle". Über der blutgetränkten Schlafstatt der toten Mutter steht "25 - II" - ein Verweis auf das Strafgesetzbuch und den Paragrafen zur Mittäterschaft. Die Tochter aber wird im betäubten Zustand in einem Schaukelstuhl im sonnengefluteten Garten gefunden.

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München-"Tatort": Puppenstubenhorror

Schnell verdichtet sich der Verdacht, dass das Verbrechen im Zusammenhang mit einer Missbrauchstat stehen könnte. Und ebenso schnell führt die Spur zu einer industriell gefertigten Smartpuppe eben der Marke Senta. Die ist in Deutschland zwar verboten, weil man sie leicht hacken kann. Aber in Österreich ist sie auf dem freien Markt erhältlich, und dort hat gleich jemand zwei Dutzend Exemplare geordert. Vorbereitung zu einem Feldzug gegen Täterväter?

Ein Horror-"Tatort", mal wieder. Erdacht wurde er von drei experimentierfreudigen Genre-Fachleuten. Michael Proehl, Drehbuchautor Nummer eins, schuf einst den formvollendeten Leichenrekord-"Tatort" mit Ulrich Tukur. Michael Comtesse, Drehbuchautor Nummer zwei, war an dem kontroversen Berliner B-Movie-"Tatort" über von jedem ethischen Zweifel befreite Reproduktionsmedizinerinnen beteiligt. Sven Bohse, der Regisseur, inszenierte zuvor den Kieler "Tatort" als bildschirmsprengende erotische Nordseefantasie mit Christiane Paul als Sirenenwesen.

In Kerkern und Schockkorridoren

Als Genre-Arbeit zwischen Spielzeughorror à la "Chucky" und Home-Invasion-Thriller im Stil von Michael Hanekes "Funny Games" hält dieser "Tatort" bis zum Schluss ein hohes formales Niveau. Die Autoren überhöhen ihre Story zum Teil mit bösem Witz ins Groteske. Regisseur Bohse, der mit zwei Staffeln der Fünfzigerjahreserie "Ku'damm" bewiesen hat, dass er Ausstattungsfernsehen psychologisch präzise ausgestalten kann, setzt die Wohnwelten der (echten und vermeintlichen) Täter als Kerker in Szene und verwandelt die Flure in Schockkorridore.

Problematisch wird es allerdings dort, wo der Missbrauchsplot ausgesponnen wird. Die Ermittlungen führen in einen Kreis erwachsener Männer, die als Kinder Opfer solcher Gewalt geworden sind und nun in einer Selbsthilfegruppe über ihre Traumata sprechen. Weil Kommissar Batic unter ihnen den selbst ernannten Kinderrächer vermutet, schleust er sich Undercover in den Gesprächskreis ein. Wie er sich eine Missbrauchslegende für sich selbst zusammenspinnt und wie die anderen zunächst darauf reinfallen, ist allerdings zu sehr ins Krimi-Korsett mit seinen wahnwitzigen Wendungen gezwängt.

Der sperrige, sensible Problemstoff und der schnittige, suggestive Horror sind über Strecken nicht vereinbar. Auch fehlt der Geschichte zuweilen das emotionale Zentrum, weil Opfer- und Täterschaft durcheinandergeraten.

Was der smart kalkulierten Horrorwirkung dieses visuell ausgereizten Thrillers am Ende keinen Abbruch tut: Senta mit ihren kalten Kulleraugen und Santa Claus mit seinem Buschmesser sorgen für Frostschauer im Hochsommermünchen.

Bewertung: 7 von 10 Punkte


"Tatort: Wir kriegen euch alle", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 7 Beiträge
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adamk 30.11.2018
1. Guter Plot
.... aus dem die Black Mirror-Macher sicher eine sehr spannende und gesellschaftskritische Geschichte entwickeln würden. Aber wenn ich nur schon wieder lese, dass es Pausibilitätsprobleme im Zusammenhang mit einer Selbsthilfegruppe für Missbrauchopfer gibt .... Tatort halt. Es helfen auch die beste Ausstattung und Regie nichts, wenn das Drehbuch vermurkst wird.
Mainemaynung 01.12.2018
2. Das ist Sonntagabendunterhaltung,
kein Besinnungsaufsatz. Kritisiert werden die Vermischung von Opfer- und Täterschaft. Das ist wohl nur für schlichte Gemüter ein Problem. Und dann auch noch ein "sensibler Problemstoff", der mit Humor behandelt wird. So etwas geht für das Gutmenschen-Feuilleton mit dem erhobenen Zeigefinger offenbar gar nicht. Aber haben Sie schon einmal daran gedacht, dass der Tatort immer "Problemstoff" behandelt, weil immer ein Verbrechen geschieht? Und haben Sie mal "To Be or Not to Be" von Lubitsch gesehen? Dann wüßten Sie, dass man jeden Problemstoff mit Humor darstellen kann.
Dramaturgen-Frau 01.12.2018
3. Nun also auch Leiti und Batic...
... zum blödelnden Abschuss freigegeben? Man hat den Eindruck, dass auf den Tischen der verantwortlichen Redakteurinnen folgende Zettel liegen: auf dem einen ein halbes Dutzend Genres, auf dem anderen ein halbes Dutzend Themen. Diese werden den Autoren geschickt. Nun darf der Autor qua Ankreuzen kombinieren: in diesem Fall eben Horror, Kömödie auf dem einen Zettel mit Kindesmissbrauch auf der anderen Seite. So ergeben sich zwar leicht variierende, aber im Grunde immer dieselben Kombinationsmöglichkeiten. Ein paar Kombis sind qua ARD-Vorgabe ausgeschlossen, z.B. Flüchtlinge und Komödie. Auf einem dritten Zettel stehen dann ein Dutzend Schauspieler, die wir immer und immer wieder sehen (sollen), die der jeweiligen Genre-Themen-Kombi zugeordnet werden. Darüber hinaus gibt es zwingende Zuordnungen von Kommissarsdarstellern zu Themen, z.B. Wulle Mulle Möhre immer mit Flüchtlingsthemen, oder: Frau Burda immer "stark", "selbstbewusst" u.ä. Aus diesem Ankreuzspielchen lassen sich dann schon 50% des Inhalts generieren, damit der 60+ Zuschauer der ARD wohlig nicken kann: "Ah, ja, kenn ich... schnarch..." Es ist schade, dass nun auch die liebenswerten Flaggschiffe Leiti und Batic in den Ankreuzproporz gefallen sind. Doch machen wir uns nichts vor: Das ist immer noch hundertmal besser als Postel, Folkerts oder Burda. Insofern gebe ich diesem Ankreuzexperiment morgen mal eine Chance. Ich glaube, dass man Leiti nicht zerstören kann.
ole_laux 03.12.2018
4. Nein, kein Ankreuzexperiment!
"Posauene ein hoch emotionales Thema in Welt hinaus, egal ob richtig oder falsch, und Du findest Leute die für Dich töten" so in etwa lautete der gesprochene Satz in der finalen Szene. Ich denke darum ging es im Kern. Im Gegensatz zu den etwas plump geraten Gesellschaftskritiken bisher, fand ich hier (ehrlich gesagt zum erstmail), dass eine spannender Krimi mit Gesellschaftskritik gelungen ist. Schade, dass es dies dem Autor nur 7 Punkte wert war.
galipoka 03.12.2018
5. Alexa
Unabhängig von dem Plot könnte man ja nun hoffen, dass die Alexa-Fanboy/-girl-Fraktion etwas von dem Film gelernt haben könnte. Ich denke, aber eher nicht... Ansonsten fühlte ich mich gut unterhalten (8/10) und schließe mich voll und ganz der Meinung von "Mainemaynung" (Nr. 2) an. Der Tatort ist nicht mehr oder weniger als Unterhaltung - mal gut, mal schwach umgesetzt, aber niemals real. Aber das vwollen hier offenbar viele einfach nicht verstehen und pochen auf "reale Polizeiarbeit" und so ein Unsinn. Dann schaut euch Derrick an - das kommt der realen Polizeiarbeit wahrscheinlich näher als jeder Tatort.
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