"Tatortreiniger" auf Kinotour Das Leben ist eine Blutlache

Ich putze, also bin ich: Inmitten von menschlichen Überresten läuft "Tatortreiniger" Schotty zu psychologischer und philosophischer Hochform auf - jetzt auch im Kino. SPIEGEL ONLINE verlost 100 Karten zur Preview der klugen Comedy.

NDR

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Eine Behörde ist wie ein Sarg. Manchmal liegt auch eine echte Leiche drin. So wie auf dem Amt, in dem Tatortreiniger Schotty (Bjarne Mädel) eine Stube säubern muss, in der lange Zeit ein toter Sachbearbeiter rumgammelte, ohne dass es seine Kollegen bemerkten. Die Leiche liegt noch in der Holzkiste im Zimmer, auf einmal steht sie auf und fängt an, mit Schotty zu sprechen. Darüber, zu Lebzeiten die großen Ziele im Klein-Klein des Alltags aus den Augen verloren und im Büro-Einerlei die Seele verspielt zu haben.

Traurig mahnt der Sachbearbeiter (André Jung): "Carpe diem!" Und Schotty, die Reinigungsfachkraft für die etwas hartnäckigeren menschlichen Rückstände, beginnt über die eigenen Träume und Ziele nachzudenken. Kann denn Feudeln alles sein? So die düstere Frage in dieser neuen, gekonnt ins Surreale gedrehten "Tatortreiniger"-Folge.

Andererseits gilt für Schotty ja auch: Ich putze, also bin ich. Während er die Reste des Lebens der anderen wegwischt, befragt er sich immer wieder klug, kritisch und gelegentlich voller Sehnsucht zu seinem eigenen Dasein. Und das menschliche Dasein überhaupt. Zwar nur 25 Minuten nur pro Folge - aber die psychologische, politische und philosophische Nachhaltigkeit, mit der das geschieht, ist immer wieder frappierend. So diskutierte Schotty schon inmitten blutbesprenkelter Tatorte mit einem Axtmörder, der seine Frau erschlagen hat, über die Tücken der Zweisamkeit und mit einem Nazi über das mörderische Wesen des Faschismus.

Das Herrchen wird vom Teppich gekratzt

In einer neuen Folge nun spricht Schotty mit einem lesbischen Pärchen (Hilke Altefrohne und Lisa Wagner) über Menschenrechte, sexuelle Präferenzen sowie Fluch und Segen der Ehe. Das Pärchen wollte eine Afrikanerin vor der Verfolgung in ihrem Land durch die arrangierte Ehe mit einem Hamburger Proll retten. Doch kurz vor der Eheschließung wurde der Proll von seinem Kampfhund zerfleischt. Schotty, der gerade die vom Hund übrig gelassenen Reste von dessen Herrchen vom Teppich kratzt, soll der neue Bräutigam werden.

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Am besten kommt das Gespür der "Tatortreiniger"-Macher für abstrus geschraubte Gespräche aber in der Episode "Schweine" zur Geltung: Da trifft Schotty seine einstige große Liebe (Fritzi Haberlandt), die er in ihrem Landhaus von einem im Wohnzimmer erschossenen Wildschwein befreien muss. Inmitten der Knochensplitter rekonstruieren die beiden das Scheitern ihrer Beziehung vor 15 Jahren. Und nebenbei erfahren wir, wie Schotty wurde, was er ist: ein sehnsüchtiger, lakonischer, stets feudelbereiter Vollprofi. Das Leben ist nun mal eine Blutlache.

Dabei sah es ja am Anfang so aus, als ob der wunderbaren Kunstfigur Schotty kein langes Leben vergönnt sein würde. Zwar ließ sich der NDR dazu hinreißen, beim "Stromberg"-Regisseur Arne Feldhusen das ungewöhnliche Projekt mit dem Ein-Mann-Ensemble Bjarne Mädel in Auftrag zu geben, die Entwicklung und Programmierung indes zog sich.

Dann kam die Sache ins Rollen: Auf Ausstrahlungen zu nachtschlafender Zeit folgten euphorische Zuschauerreaktionen, ein paar Folgen wanderten darauf vom Dritten ins Erste, später wurden sämtliche relevanten Fernsehpreise abgeräumt, die DVDs fanden reißenden Absatz, schließlich wurde die Sendung sogar nach Frankreich und in die USA verkauft.

Nun wird ab dem 3. Dezember erstmalig eine Staffel von acht komplett neuen 25-Minütern im NDR gezeigt. Drei Folgen davon sind schon fertig und werden bundesweit in großen Lichtspielhäusern präsentiert.

SPIEGEL ONLINE verlost zu der Kinotour insgesamt 100 Tickets, genauere Information finden Sie am Ende des Artikels. Die fünf weiteren Folgen werden zurzeit noch gedreht, unter anderem in Glückstadt an der Elbe, wo das Team gerade eine Watt-WM veranstaltet hat. Aus dem Elbschlick schickt Schotty alias Bjarne Mädel noch einen für die Rolle angemessen schlickigen Gruß an die Leser von SPIEGEL ONLINE.



Kartenverlosung zum "Tatortreiniger"

Möchten Sie die ersten Folgen der neuen Staffel vorab sehen? Studio Hamburg verlost exklusiv an SPIEGEL-ONLINE-Nutzer 50 x 2 Karten für die "Tatortreiniger"-Preview, die am 6.10. in Cinemaxx-Kinos in folgenden Städten stattfindet: Berlin, Bremen, Göttingen, Hamburg, Hamburg-Harburg, Hannover, Kiel, München, Oldenburg und Stuttgart. Pro Kino werden 5 x 2 Karten verlost.

Schreiben Sie einfach bis Donnerstag, 2. Oktober, 14.00 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff "Tatorteiniger" an gewinnspiel.shdm@studio-hamburg.de.

Bitte vergessen Sie nicht, Ihren vollständigen Namen und die E-Mail-Adresse anzugeben, damit Studio Hamburg Sie informieren kann. Bitte nennen Sie uns zudem unbedingt das gewünschte Kino.

Lesen Sie hier die genauen Teilnahmebedingungen.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
mein_standpunkt 01.10.2014
1. Verplante WDR-Schnarchzapfen
Tatortreiniger ist einer von vielen "besten Beweisen", dass der WDR es nicht drauf hat, zu erkennen, was wirklich gut ist. Mit "Im Angesicht des Verbrechens" war es dasselbe. Erst nach zig Preisen und Ehrungen wurde die Serie ab 23h wiederholt - ohne große Eigenwerbung. Als wolle man verheimlichen, dass man von Anfang an nicht verstanden hat, wie gut die Serie ist. Mit Tatortreiniger ist es genau so. Die Serie wird nirgends von Anfang an, kontinuierlich an einem festen Sendeplatz gezeigt. Traurig. Fremdschäm!
christian simons 01.10.2014
2.
Zitat von mein_standpunktTatortreiniger ist einer von vielen "besten Beweisen", dass der WDR es nicht drauf hat, zu erkennen, was wirklich gut ist. Mit "Im Angesicht des Verbrechens" war es dasselbe. Erst nach zig Preisen und Ehrungen wurde die Serie ab 23h wiederholt - ohne große Eigenwerbung. Als wolle man verheimlichen, dass man von Anfang an nicht verstanden hat, wie gut die Serie ist. Mit Tatortreiniger ist es genau so. Die Serie wird nirgends von Anfang an, kontinuierlich an einem festen Sendeplatz gezeigt. Traurig. Fremdschäm!
Ich habe da eine andere Theorie: Sie wissen zwar, was gut ist, wollen aber nicht, dass wir Zuschauer auf dumme Gedanken kommen. Je besser sie diese wenigen Perlen verstecken, um so weniger werden die Verantwortlichen von einem gesteigerten Anspruchsdenken der Gebührenzahler belämmert.
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