"Teenie-Mütter" bei RTL II: Zeigt her eure Bäuche!

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Eine neue Dimension des Demütigungs-Fernsehens: In der Doku-Soap "Teenie-Mütter" weidet sich RTL II an der desolaten Situation schwangerer Minderjähriger - und präsentiert mit dem tapferen Frühchen Tyler das erste Baby des Trashsenders.

Doku-Soap auf RTL II: Nachwuchs mit Nikotinproblemen Fotos
RTL II

Wie kriegen die bei RTL II das bloß hin? Selbst ein eigentlich sympathischer Frauenarzt wirkt bei diesem Sender wie einer dieser erbarmungslosen TV-Aufklärer, die den Privatfernsehkunden mit Empörungsrhetorik über Mängel in den unteren Sektionen von Gastronomie und Touristik Auskunft geben.

"Ihre Plazenta sieht wirklich grausam aus. Ein einziger Kalkbrocken!" sagt der Arzt in "Teenie-Mütter" über jene minderjährige Raucherin, deren schwangeren Bauch er gerade untersucht hat. Er verzieht das Gesicht dabei ein bisschen wie einer dieser Hoteltester in thematisch doch ganz anderen, aber ähnlich aufgebauten Formaten, wenn der sich gerade über die Toilette in einer billigen Absteige erzürnt.

Aber hier geht es eben nicht um eine Toilette, sondern um eine der zwei minderjährigen Hauptfiguren in der ersten Folge der Doku-Soap "Teenie-Mütter". Und an deren Beispiel soll eigentlich, so die Eigenwerbung für diese jüngste RTL-Produktion, "auf sensible und behutsame Weise erlebbar gemacht werden, wie aus einem Teenie eine fast erwachsene Mutter wird".

Behutsam? Das fühlt sich in "Teenie-Mütter" folgendermaßen an: Während die Kamera eine eher trostlose Impression aus dem Kaff Werben in Sachsen-Anhalt zeigt, hallt aus dem Off die eiskalte Mundharmonika-Melodie von "Spiel mir das Lied vom Tod". Auf diese Weise wirkt denn auch die hochschwangere Virginie in der neuen RTL-II-Doku-Soap wie ein Todesengel - und nicht wie eine Lebensspenderin.

Beischlaf und Gebären - die Kamera immer dabei

Mit neun oder zehn, so erzählt ihre Mutter, habe Virginie das Rauchen angefangen. Zurzeit, das berichtet indes eine Stimme aus dem Off, unterhält die Minderjährige Beziehungen zu zwei Männern über 40; wer der Vater des Kindes in ihrem Bauch ist, wird noch zu klären sein. Das Rauchen, so die schlechte Nachricht, stellt Virginie im Laufe der von RTL II gnadenlos dokumentierten Schwangerschaft nicht ein. Der Erzeuger, so die gute, wird am Ende dieser Folge per Vaterschaftstest ermittelt sein.

Dass am Montag im Anschluss an "Teenie-Mütter" (und von den seriösen Medien fast unbemerkt) die elfte Staffel des einstigen Skandalformats "Big Brother" startet, passt da ganz gut ins Bild: Auch im neuesten RTL-II-Format geht es um die totale Durchleuchtung der Real-Life-Figuren, nur dass der Container durch den Kreißsaal ersetzt wurde. RTL II muss eben ein bisschen an der Aufmerksamkeits-Spirale drehen: Im April reichte es nur für einen Marktanteil von 5,4 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, die Quote bröckelte in den letzten Monaten stetig.

Nachwuchs könnte da das Senderprofil stärken. Es gehört inzwischen ja zur Strategie eines jeden privaten Fernsehunternehmens, dass man eine Senderfamilie aufbaut - und das nicht im übertragenen, sondern im biologischen Sinne: Erst gebärt man in Doku-Soaps oder Casting-Formaten eigene Stars, dann verkuppelt man diese in Reality-Shows, schließlich begleitet man sie während des Kinderzeugens und -gebärens.

Der einst so hitzig diskutierte Durchleuchtungsanspruch von "Big Brother" wirkt da beinahe schon rührend anachronistisch. Inzwischen sind die Privatsender längst nicht mehr nur beim Schäferstündchen mit der Infrarot-Kamera dabei, sie dokumentieren auch das folgende Hickhack rund um den Kreißsaal, weiden sich an den Schwierigkeiten, mit denen Reality-Stars in ihrer Rolle hadern. Sie stieren also nicht nur auf das Leben der Anderen, sie werfen gleich auch neues Leben in die Welt.

Teenie-Mutter mit altem Ehemann

Das erste ProSieben-Baby kam schon 2008 in der Realiy-Soap "Jana Ina & Giovanni - wir werden schwanger" auf die Welt. Damals schaute der Sender seinen beiden Stars, die man zuvor in hauseigenen Sendungen zu solchen erhoben hatte, bei anstrengenden Befruchtungs- und Shoppingtouren zu. Das erst Sat.1-Baby folgte 2009 in der Marathon-Soap "Deutschland wird schwanger", bei der gebärwillige Besserverdienende den Run auf Kinderwunschzentren und Hormonpräparate starteten. Resultat waren ein paar proppere Strampler, bestes Bildmaterial, um die langen Zeiten zwischen den Werbeblöcken mit Fertilisationhilfen und Schwangerenschick zu füllen.

Nun hat eben auch RTL II sein erstes eigenes Baby. Es heißt Tyler, entstand unter prekärsten Bedingungen, ist bei Geburt kaum 2,3 Kilogramm schwer - und nikotinabhängig. Kaum auf der Welt, muss es auf Entzug.

Es mag auf den ersten Blick richtig erscheinen, dass RTL II die eigene Klientel auf die Schwierigkeiten hinweist, die das Kinderkriegen mit sich bringt. Wie sich aber die Filmemacher in "Teenie-Mütter" an den Unzulänglichkeiten ihrer Protagonistin Virginie weiden, wie sie die Folgen ihrer Selbstsucht und Unreife anhand ihres Sohnes ausstellen, das führt tatsächlich in eine neue Dimension des Demütigungs-TV.

Am Ende der ersten Folge wird für die rauchende, überforderte, ewig aufmüpfige Teenie-Mutter trotzdem eine fröhliche Botschaft für die Fortsetzung verkündet: Da wird der fast dreimal so alte Mann, der vom Jugendamt als Vater von Tyler ermittelt wurde, Virginie einen Heiratsantrag machen. Bei RTL II geht so etwas wahrscheinlich als Happy-End durch.

"Teenie-Mütter - Wenn Kinder Kinder kriegen", montags 20.15 Uhr
"Big Brother", montags 21.15 Uhr, jeweils RTL II

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insgesamt 40 Beiträge
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    Seite 1    
1.
AGRB 02.05.2011
Die Truman Show lässt grüßen. Bin gespannt, ob die Kinder in späteren Formaten wieder auftauchen.
2. --------------------------
superbiti 02.05.2011
Zitat von sysopEine neue Dimension des Demütigungs-Fernsehens: In*der Doku-Soap "Teenie-Mütter" weidet sich RTL II*an der desolaten Situation schwangerer Minderjähriger - und präsentiert mit dem tapferen Frühchen Tyler das erste Baby des Trashsenders. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,760051,00.html
trash-tv geht in die nächste runde. wundert es irgendwem?
3. ...
faustjucken_tk 02.05.2011
Zitat von AGRBDie Truman Show lässt grüßen. Bin gespannt, ob die Kinder in späteren Formaten wieder auftauchen.
Schön wär's. Truman wusste ja nicht, dass er beobachtet wurde. Die hier machen freiwillig mit, so als wäre es das normalste von der Welt Millionen Menschen bei der Nichtbewältigung des eigenen Lebens zuschauen zu lassen. Muss da nicht mal das Jungendamt ran?
4. Zwei Fragen
Foul Breitner 02.05.2011
Wie kommt der Sender denn an die Protagonisten und warum machen die das ? Und: Könnte es sein, daß die "bekannteren" Darsteller Rollen nur erhalten, wenn sie sich auch für sog. Soaps zur Verfügung stellen ?
5. ....
mm01 02.05.2011
Zitat von Foul BreitnerWie kommt der Sender denn an die Protagonisten und warum machen die das ?
Selbstdarstellung und Narzissmus. Auf hohem Niveau Jammern und dabei den "Underdog" zur Schau stellen, natürlich mit "berechtigten" Forderungen an die Gesellschaft. Das Geld kommt vom "Amt" (für diese Darsteller auch ein sehr diffuses Gebilde). Mit 18 Jahren 3 Kinder, ohne die zeugenden und zahlenden Väter, Beruf: Hausfrau. Diese Aussage stammt nicht von mir, sondern meiner, im Sozialbereich arbeitenden, Schwester.
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