Serienmarkt im Umbruch Nun auch noch die Telekom

Die Telekom mischt jetzt beim Streaming mit. In ihrem Angebot: der große Gewinner bei den Emmys und eine Eigenproduktion mit Christoph Maria Herbst. Doch die Zukunft des Seriengeschäfts ist ungewiss.

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Bei der musikalischen Ausdrucksform Staccato wird eine Note so kurz gespielt, dass ein Effekt der abrupten Unterbrechung entsteht. Aus vorerst nicht ganz erfindlichen Gründen hält Wolfgang Elsäßer Staccato - kombiniert mit Management-Sprech - für das richtige Wort, um zu beschreiben, was er bei der Telekom im Bereich Entertainment angeschoben hat: ein "Innovations-Staccato".

Was das umfasst? Vor allem den Ausbau der Streaming-Sparte, ab dem 4. Oktober mit drei exklusiven Serien aus den USA und ab 2018 auch mit einer deutsch-französischen Eigenproduktion: der Culture-Clash-Comedy "Germanized" mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle. Am Donnerstagabend stellte Elsäßer, der lange Jahre Geschäftsführer von Astra Deutschland war und im März den TV-Bereich der Deutschen Telekom übernommen hat, in Berlin diese kleine Streaming-Offensive vor.

Sie umfasst einen Coup: Zu den drei exklusiven Serien gehört neben der US-Comedy "Better Things" und der kanadischen Thriller-Serie "Cardinal" auch "The Handmaid's Tale" - womöglich die Serie des Jahres überhaupt. Das dystopische Drama hat am Sonntag bei den Emmys acht der wichtigsten Preise abgeräumt, unter anderem den für die beste Dramaserie.

Margaret Atwood (rechts) mit dem Ensemble von "The Handmaid's Tale" bei den Emmys 2017
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Margaret Atwood (rechts) mit dem Ensemble von "The Handmaid's Tale" bei den Emmys 2017

Der Zehnteiler nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Atwood erzählt von einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, in der sich die USA in den ultrareligiösen Staat Gilead gewandelt haben. Im Mittelpunkt der Serie steht die junge Mutter June (Elisabeth Moss), die als Gebärvehikel zu Diensten sein muss, im Stillen aber dafür kämpft, ihre eigene Tochter wiederzusehen. Dafür muss sie sich mit anderen Mägden verbünden. Doch das ist in einem Staat mit Totalüberwachung lebensgefährlich.

In den USA ab der ersten Folge wegen der aktuellen politischen Resonanzen ein Gesprächsthema und Quotenhit, war "The Handmaid's Tale" in Deutschland bislang weder als Stream noch als Download verfügbar. Die Neugier auf die Serie (deutscher Titel: "Der Report der Magd") dürfte deshalb groß sein. Aber verhilft sie der Telekom auch zu dem nötigen Aufmerksamkeitsschub, um den Anschluss im umkämpften Streamingmarkt zu schaffen?

Hulu: Der Underdog zeigt Krallen

Der Vorstoß der Telekom kommt jedenfalls zu einem interessanten Zeitpunkt, denn auch die Giganten im Markt stellen sich gerade neu auf - aufgescheucht nicht zuletzt durch den Erfolg von "The Handmaid's Tale". Die Serie stammt nämlich von der US-Streamingplattform Hulu, dem Underdog in einem Kampf, der sich bislang vornehmlich wie ein Duell zwischen Netflix und Amazon ausnahm.

Mit "The Handmaid's Tale" ist Hulu nun das gelungen, was die beiden großen Konkurrenten seit Jahren vergeblich versuchen: den Emmy für die beste Dramaserie zu gewinnen. Der Preis ist nicht deshalb so begehrt, weil er für Prestige sorgt, sondern weil er Aufmerksamkeit für Produkt und Anbieter bringt.

Im umkämpften amerikanischen TV-Markt, auf dem Kunden ständig zwischen Netflix-Abo, Amazon-Prime-Kosten und Kabelgebühren abwägen, ist es äußert schwierig, neue Kunden zu gewinnen. Das gelingt, so die wachsende Überzeugung der Sender-Chefs, nur noch mit exklusiven und unverwechselbaren Inhalten - und nicht mit einem breiten, in viele Nischen reichenden Angebot.

Amazon sucht den globalen Hit

Amazon Studios hat deshalb jüngst einen abrupten Kurswechsel vollzogen: Zwei seiner aktuellen Neustarts, die period pieces "The Last Tycoon" und "Z: The Beginning of Everything", wurden nach nur jeweils einer Staffel abgesägt. Bei "Z" hatte es sogar schon grünes Licht für eine Fortsetzung gegeben, dann kam das Kommando rückwärts - laut Branchenberichten direkt von Amazon-Chef Jeff Bezos, der mit der Entwicklung der Seriensparte unzufrieden sein soll. Ein globaler Hit vergleichbar mit " Game of Thrones" soll nun her. "Wir suchen nach großen Shows, die auf der ganzen Welt maximal herausstechen", hat Roy Price, Chef von Amazon Studios, erklärt.

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"Handmaid" trifft auf David Fincher: Wem gelingt der nächste Serienhit?

Eigentlich hatte Amazon die Hulu-Strategie vorweg genommen: Mit der Dramedy "Transparent" war dem Studio der wichtige Kombinationssieg aus Preis-Pionier (erste Golden Globes für einen Streamingdienst) und Diskussionsstoff (Hauptfigur erstmalig eine Transgender-Frau) gelungen. Doch diese Erfolge liegen bereits drei Jahre zurück, und Formate, die daran anschließen könnten, sind nicht in Sichtweite. Was auch immer die Zukunft für Amazon bringen wird: Kleinere, kunstvolle Shows wie "I Love Dick" von "Transparent"-Schöpferin Jill Soloway dürften nach dem Kurswechsel kaum noch eine Chance haben.

Netflix: David Fincher legt nach

Netflix hat bislang keine ähnlich drastischen Änderungen vorgenommen. Noch setzt die Plattform auf eine Mischung aus global angelegtem traditionellen Erzählfernsehen (z.B. "The Crown"), auf nationale Märkte zugeschnittenen Produktionen (jüngst wurde Agnieszka Holland mit der Entwicklung der ersten polnischen Netflix-Serie beauftragt) und radikaler Nische (z.B. das Anime-Projekt "Neo Yokio" von Vampire-Weekend-Sänger Ezra Koenig).

Doch mit dem Oktober steht Netflix ein Schicksalsmonat ins Haus: Am 27. startet die zweite Staffel von "Stranger Things". Die Achtzigerjahre-Teen-Thriller-Hommage war einer der größten Serienhits 2016 und damit die dringend benötigte Stärkung der Dramasparte bei Netflix. Aber das Risiko, dass das Zitatfeuerwerk schon mit der ersten Staffel abgebrannt ist, ist groß. Auch wenn die Zugriffszahlen am Startwochenende sicherlich Rekorde brechen werden, ist überhaupt nicht gesichert, dass Netflix hier einen langjährigen Quotenhit aufgebaut hat, der die Abonnenten bei der Stange hält.

Mit ähnlicher Spannung wie "Stranger Things" dürfte auch der Start von "Mindhunter" am 13. Oktober bei Netflix verfolgt werden. Die im Jahr 1979 angesiedelte Thriller-Serie um eine FBI-Einheit, die Serienmörder und Vergewaltiger jagt, stammt vom noch immer größten Star der Plattform: von David Fincher. Der hatte mit "House of Cards" 2013 den Serienboom maßgeblich vorangetrieben. Doch kann er diesen Erfolg wiederholen? Ohne eine grandiose britische Vorlage und ohne einen Star wie Kevin Spacey als Hauptdarsteller? Ende Oktober dürfte der Algorithmus für Netflix einige interessante Ergebnisse parat halten - und die Konsequenzen daraus bald zu Tage treten.

Telekom: Deutsch-französische Eigenproduktion - mit englischem Titel

Dass ein Vorstoß in den Streamingmarkt nicht ohne Eigenproduktionen funktioniert, hat man natürlich auch bei der Telekom abgespeichert. Die deutsch-französische Co-Produktion "Germanized" soll Entertain TV im kommenden Jahr neue Kunden zutragen. Noch wird an den Drehbüchern zu der Comedyserie geschrieben, unter anderem von Thomas Rogel, Autor bei der "heute Show", und den Franzosen Alexandre Charlot und Franck Magnier.

Von letzteren stammt das Drehbuch zu dem Kinohit "Willkommen bei den Sch'tis", und von dem Erfolgsrezept des Culture Clash scheinen sie auch hier nicht abzuweichen: Ein französisches Örtchen mit Finanzproblemen verkauft ein großes Grundstück an einen deutschen Unternehmer, der sogleich seine gesamte Firma für Automobil-Produktdesign dorthin verlegt - natürlich zum Missfallen der Einwohner, die darin eine zweite deutsche Invasion sehen.

Weder die Germanisierung noch die Frankofonisierung scheinen soweit fortgeschritten zu sein, dass die Serie auf einen englischen Titel verzichten könnte. Drehstart soll jedenfalls im März sein mit einem deutsch-französischen Cast, der von Christoph Maria Herbst und Roxane Duran angeführt wird. Die Ausstrahlung ist für Ende 2018 geplant, doch auf was für einen Serienmarkt "Germanized" dann trifft, ist völlig ungewiss. Womöglich ist Staccato doch genau die richtige Bezeichnung für das, was die Telekom soeben angeschoben hat.

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skeptiker97 22.09.2017
1. Auf das Kerngeschäft konzentrieren!
Die Telekom sollte sich endlich mal auf ihr Kerngeschäft, den Aufbau und Betrieb leistungsfähiger Kommunikationsnetze kümmern. Es wird zwar von "Digitaler Agenda" geredet, nur sind wir im EU-Vergleich bezüglich leistungsfähiger Glasfaservernetzung an vorletzter Stelle in Europa. Das wird auch nicht anders, solange man der Telekom gestattet, statt dessen finanzielle Mittel für Fernsehsoaps zu verwenden und das finanzielle Wachstum vorrangig durch Drosselung von Übertragungsraten und Datenvolumen beim Kunden kraft Monopolstellung zu generieren.
territrades 22.09.2017
2. Fragmentierung
Diese Fragmentierung des Marktes macht ihn zunehmend unattraktiv. Amazon Prime habe auch nur weil es mit in Prime dabei ist und sich die Kosten im Rahmen halten. Wer schließt schon ein Abo bei der Telekom für ein oder zwei Serien ab?
edhusic 22.09.2017
3. Ich habe Prime und Netflix
Das genügt mir und wenn es Serien & Filme noch woanders gibt muss ich halt auf "alternativen" ausweichen
niska 22.09.2017
4.
The Handmaid's Tale wäre schon interessant. Doch nur wegen einer Serie wird niemand Geschäfte mit der Telekom machen, oder gar ein Abo abschliessen. Dazu ist der Ruf zu schlecht und mit den zwei "traditionellen" Anbietern zahlt man auch schon gut für mehr Gutes als man jemals ansehen kann. Also heisst es Verzicht üben oder im Ausland streamen. Mit so einere Minioffensive kann man niemals den Markt umkrempeln. Man verärgert eher das Publikum.
COLLOT 22.09.2017
5. #1 Wieso Monopol?
Im Mobilfunk ist Marktführer nach Marktanteil O2. Telekom liegt dahinter. Im Festnetz gibt es keine Drosselung, aber auch da ist Telekom mit ca. 40% Marktanteil schon seit längerem kein Monopolist mehr.
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