Maischberger-Talk über Sinti und Roma: "Sie sind ein Rassist"
Mit der Frage "Feindbild Sinti und Roma: Sind wir zu intolerant?" wagte sich Sandra Maischberger in ihrer Talkshow auf vermintes Gelände. Die Zusammensetzung der Gästerunde sorgte für Schärfe und Polemik. Doch wer einfache Wahrheiten erwartet hatte, wurde enttäuscht.
Es ist womöglich schwierig, nichts Falsches zu sagen, wenn es um Sinti und Roma geht, dieses immer schon ungern gesehene, beargwöhnte, beleidigte, traktierte Volk. In Berlin wurde soeben ein Mahnmal eingeweiht für jene halbe Million seiner Mitglieder, die von den Nazis ermordet worden waren.
Doch 58 Prozent der Deutschen möchten sie noch immer nicht als Nachbarn, das ergab eine repräsentative Infratest-Umfrage aus dem Jahr 2002. Stattdessen geht weithin die Sorge um, es könnten ihrer zu viele herkommen aus Ost- und Südosteuropa. Und zwar des Geldes wegen - jenes, das sie entweder dem Sozialstaat missbräuchlich an Leistungen abnähmen oder dem braven Bürger auf dem Wege der Kriminalität.
Angesichts solch einer moralischen Fallhöhe stellt es ein gewisses Wagnis dar, sich in einer Talkshow dieses Themas anzunehmen, unter der Frage, ob es zu wenig Toleranz gegenüber den Sinti und Roma gebe. Dass Sandra Maischberger erstens sehr viel schlichten und zweitens irgendwann feststellen musste, man bewege sich "auf vermintem Gelände", war denn auch kaum überraschend.
Das lag nicht zuletzt an der Besetzung der Runde, die hinreichend Gewähr für Schärfe und Polemik und nahe liegende Empörungsrituale bot. Philipp Gut war nämlich da, jener stellvertretende Chefredakteur der "Weltwoche", dessen Beitrag über "Räuberbanden", "Kriminaltouristen", "Bettelbanden" und "verbrecherische Clanstrukturen" im April zweifelhaftes Aufsehen erregt und dem Blatt eine Rüge des Schweizer Presserats eingetragen hatte. Als besonders übel wurde empfunden, dass der Artikel mit einem manipulierten Foto illustriert war, das einen kleinen Jungen mit einer Spielzeugpistole zeigte. Hieran entzündete sich eine überaus heftige Kontroverse.
"Rassistische Hetze"
Grünen-Chefin Claudia Roth, frisch im Amt bestärkt und in alter Kampflaune, wetterte über "unethischen Journalismus". Und Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma, benutzte genau jenen Begriff, den er im Verlauf der Sendung in diversen Variationen noch häufiger einsetzen sollte, um sozusagen höchstmögliche Brandmauern einzuziehen: Rassismus. "Rassistische Hetze" sei dieser Zeitungsbeitrag, und, direkt an den Autor gewandt: "Sie sind ein Rassist." Der beharrte darauf, alles sei hieb- und stichfest recherchiert, und es handele sich nur um Fakten, und er gab sich dabei auf eine Art und Weise selbstsicher, die man, wie Frau Roth es tat, durchaus schwer erträglich finden konnte.
Aber leicht war an dieser Talkshow ohnehin nichts, und schon gar nicht waren einfache Wahrheiten zu haben. Darf man beispielsweise sagen, dass bestimmte Kriminelle Roma-stämmig sind? Oder hat man es dabei zu belassen, ihre östlichen Herkunftsstaaten zu nennen, so wie Bayerns Innenminister Joachim Hermann es als statthaft und üblich verstanden wissen wollte, was aber nicht ausreichte, um bei Roth und Rose den Verdacht der gezielten Stigmatisierung auszuräumen? Noch größer wurde das Dilemma, als die Rede auf den Anstieg der Asylbewerberzahlen etwa aus Serbien und Mazedonien kam, was der Christsoziale nicht nur mit Zeichen großer Besorgnis vortrug, sondern auch unter Hinweis darauf, dass die Roma, wenn sie Asyl begehrten, sich selbst auf ihre Abstammung beriefen.
Und dann gab es, per Einspieler, die Bilder aus den elenden Lagern, eines mit dem programmatischen Namen "Deponia", mit ihren unsäglichen, menschenunwürdigen Zuständen, dazu Berichte von Diskriminierungen und Misshandlungen.
Die gern bei ähnlichen Gelegenheiten gestellte Frage, ob es sich um "echte" Asylbewerber oder lediglich Wirtschaftsflüchtlinge handele, blieb natürlich auch nicht aus. Während Minister Hermann "keine asylrelevante Verfolgung" erkennen wollte und nicht ohne Genugtuung anmerkte, 99 Prozent der Anträge würden sowieso abgelehnt, äußerte die Grünen-Chefin den plausiblen Gedanken, dass doch wohl ein kausaler Zusammenhang zwischen Ausgrenzung und dem Fehlen jeder wirtschaftlichen Lebensgrundlage gebe. Bei all dem handele es sich im Übrigen um eine "populistische Missbrauchskampagne", die auch noch ausgerechnet an jenem Tag losgetreten worden sei, als die EU den Friedensnobelpreis zugesprochen bekam.
Zu welch abstrusen, bedrückenden Ergebnissen die herrschende staatliche Praxis führen kann, machte das Schicksal eines jungen Roma-Mannes deutlich. Als er fünf war, kam Damir Kovani erstmals mit seiner Familie nach Deutschland, besuchte in Hamburg Kindergarten und Schule. Er war 16, stand kurz vor dem Abschluss, als die Familie 2002 nach Serbien abgeschoben wurde, "in ein fremdes Land". Vor einem Jahr kehrte er, mittlerweile Vater von vier Kindern, nach Hamburg zurück und stellte einen Asylantrag, der jedoch abgelehnt wurde, da die Behörden ihm nicht glaubten, dass er und seine Familie im Heimatland, das ihm keines ist, verfolgt würden.
Es klang nicht einmal richtig bitter, sondern nur abgrundtief ratlos, als Kovani davon sprach, wie aussichtslos alles sei, wenn man hier wie dort nicht willkommen ist. Er selbst ist mittlerweile zu der Erkenntnis gelangt, dass das Asylverfahren generell keine Lösung ist. Und damit entstand gegen Ende der Sendung hin eine bemerkenswerte Allianz zwischen ihm, Romani Rose und dem bayerischen Innenminister, die das Gesamtproblem einträchtig dorthin weiterreichten, wo momentan fast alle Probleme angesiedelt sind, nach Europa. Die EU habe dafür zu sorgen, dass in den ihr zugehörigen oder beitrittswilligen Staaten die Minderheiten menschenwürdig behandelt würden. Nach wesentlich mehr als einem frommen Wunsch klang das freilich nicht.
So wäre es denn insgesamt ein ziemlich trostloser Abend geblieben, hätte in der Runde nicht auch Nizaqete Bislimi gesessen, der es vorbehalten war, gewissermaßen den einzigen Lichtblick zu verkörpern. Sie kam als 14-Jährige mit ihrer Familie als Flüchtlingskind aus dem Kosovo nach Deutschland. Sie machte das Abitur, obschon nur geduldet und ohne Bleiberecht, studierte, allen Widrigkeiten zum Trotz, nachdem sie, "das Zigeunermädchen", sich mit 18 anhören musste, sie solle lieber heiraten, und ist heute Rechtsanwältin.
Es habe immer Menschen gegeben, die an sie geglaubt und ihr geholfen hätten, sagte sie. Zu viele andere ihres Volkes finden solche Menschen leider nicht.
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