Steinbrück bei Jauch Poltergeist außer Dienst

Kein Temperamentsausbruch, kaum ein Seitenhieb: Peer Steinbrück beantwortete gelassen, souverän und geschäftsmäßig alle Fragen von Günther Jauch - auch die zu seinen heftig diskutierten Nebeneinkünften. Klartext sprach der SPD-Kanzlerkandidat beim Thema Steuern.

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Vorwurf der Bankennähe einfach nur "absurd und dämlich"
dapd

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Vorwurf der Bankennähe einfach nur "absurd und dämlich"


Es war eine Woche, die es in sich hatte für Peer Steinbrück. Kaum proklamiert als SPD-Kanzlerkandidat zu einem ganz unvermuteten Zeitpunkt, rückte er sogleich mit aller Macht ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Aber als er dort eben Platz genommen hatte, und zwar so selbstverständlich, als sei es nie anderes zu erwarten gewesen, da fand er sich ebenso plötzlich auch schon aus der Position des Herausforderers in die eines Angegriffenen gedrängt, um wiederum in die Gegenoffensive zu gehen. Den Rest der Woche hatte er dann weniger seine hauptberufliche Politik zu erklären als vielmehr die Herkunft von Einkünften aufgrund nebenberuflicher Vortragstätigkeiten.

Und selbstverständlich konnte ihm auch Günther Jauch entsprechende Fragen nicht ersparen, wie man es denn eventuell zum Honorar-Millionär bringt. Allerdings geschah dies in solch sachlicher, ruhiger Form, dass dem Befragten kein Anlass geliefert wurde, den ihm vorauseilenden Ruf durch einen speziellen Temperamentsausbruch vor laufenden Kameras zu bestätigen.

Seine Antworten bewegten sich denn auch durchweg im Rahmen dessen, was er in den zurückliegenden Tagen in Interviews dazu geäußert hatte. Er habe sich an Recht und Gesetz gehalten und "es nicht für möglich gehalten, dass darüber Misstrauen entstehen kann". Ein unabhängiger Wirtschaftsprüfer sei mit der Sache beauftragt, der Vorwurf der Bankennähe einfach nur "absurd und dämlich", er lege gerne alle Daten offen. Wenn jemand schärfere Transparenzregeln wünsche - bitte sehr. Man müsse sich aber auch darüber klar sein, dass totale Transparenz letztlich Diktatur bedeute, eine "Horrorgesellschaft" im Zeichen des gläsernen Menschen, in der er nicht leben möchte.

Ob ihn das Honorar-Thema allmählich nerve, wollte Jauch wissen. Steinbrück: "Nee, glauben Sie, mir das anmerken zu müssen?"

Besonders viel merkte man ihm auch in anderer Hinsicht nicht an. Wer irgendetwas richtig Spektakuläres erwartet hatte, sah sich enttäuscht. Der gesamte Solo-Auftritt des Kandidaten zeichnete sich vielmehr durch eine gewisse Geschäftsmäßigkeit aus. Ein offenkundig gut präparierter, präzise und konzentriert fragender Gastgeber hatte es mit einem Gast zu tun, der seinerseits keine Antwort schuldig blieb und dabei ziemlich souverän und unaufgeregt wirkte.

"Es würde mich wundern, wenn ich nicht umstritten wäre"

Um das Klischee das arroganten, kantigen Klartexters und Gelegenheitspoltergeists nicht völlig in Vergessenheit geraten zu lassen, mussten Einspieler herhalten - live lief da nichts. Nicht einmal Rudolf Dressler, der Traditionslinke und frühere Sozialexperte der Partei, konnte mit seinen eingeblendeten scharfen Attacken gegen die Agenda 2010 und vor allem die befürchtete künftige Rentenpolitik den Kandidaten aus der Fassung bringen. Der parierte kühl und rückte relativ gelassen einiges zurecht, etwa, indem er betonte, eine Absenkung auf 43 Prozent sei gerade nicht die Ziel-, sondern die Interventionsmarke und die Demografie sowieso eine Realität - um dann, ganz im Sinne der zeitgemäßen sozialdemokratischen Programmatik, für Mindestlöhne, faire Arbeitsverhältnisse und insgesamt die Verhinderung der Erwerbsarmut als beste Versicherung gegen Altersarmut zu werben.

Aber es war ein weiteres Mal zu erahnen, dass wohl hier, im Verhältnis zur eigenen Partei, die wahren Herausforderungen für den Kanzlerinnenherausforderer liegen, auch aus dessen eigener Sicht. "Es würde mich wundern, wenn ich nicht umstritten wäre." Von einem Dialog sprach er, mittels dessen man sich auf ein Wahlprogramm verständigen müsse - aber eben auch von jener inzwischen viel zitierten "Beinfreiheit", die er benötige, um über die Grenzen der Partei hinaus wirken zu können.

Eines musste Steinbrück dann aber doch noch loswerden: eine Entschuldigung an die Adresse der Generalsekretärin Andrea Nahles, über die er sich unlängst nicht sehr freundlich geäußert hatte, so dass es klang, als wollte er ohne sie in den Wahlkampf ziehen. Das sei natürlich nicht der Fall, die unbedachte Bemerkung tue ihm leid. Was ansonsten die Stoßrichtung und Strategie des Wahlkampfs anbelangt, so mühte sich Jauch zwar redlich, dem Kandidaten mit Hinweis auf die aktuellen demoskopischen Fakten einerseits und das gute Verhältnis zur Kanzlerin in der großen Koalition andererseits etwas Prägnantes zu entlocken, doch mehr als das pflichtgemäße Credo auf Rot-Grün und ein "Vielleicht" zu einer Ampel mit einer sozialliberal erneuerten FDP kam dabei bündnistechnisch nicht heraus.

Bemerkenswert war allenfalls, wie moderat die Kritik an Merkels Kurs ausfiel und auch, dass die Absagen Steinbrücks an eine erneute Große Koalition schon einmal wesentlich kantiger geklungen haben. Sie sei kein erstrebenswertes Ziel - nun ja.

Klartext gab es, nach einem kurzen Ausflug Richtung Europa und Finanzkrise mit den zu erwartenden Statements, hingegen beim Thema Steuern. 49 Prozent Spitzensteuersatz, eine irgendwie geartete Heranziehung der Vermögenden und, vor allem, eine höhere Besteuerung von Kapitaleinkünften lautete die unmissverständliche Ansage des Finanzexperten. Da schwang, wie auch an einigen anderen Stellen, ein beinahe selbstkritischer Ton von mittlerweile geänderten Ansichten und neuen Einschätzungen mit. Das passte zu dem irgendwie abgemilderten Gesamteindruck, den der Kandidat an diesem Abend bot und der ein wenig abwich von jenem Bild, das großteils schon fertig schien.

Zum guten Schluss gewährte er auch noch, jenseits des Profanen und Polit-Prosaischen, einen kurzen Einblick in die Sphäre des höchst Privaten, die er im übrigen, "genau wie Frau Merkel", strikt aus der Öffentlichkeit herausgehalten wissen möchte. Gefragt, weshalb er nach 40 Jahren wieder in die Kirche eingetreten sei, offenbarte er, dass er diese inzwischen für eine stabilisierende Institution halte. Und, ja, er sei insofern gläubig, als er Gott als friedliches Prinzip für das Zusammenleben der Menschen erachte.

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betaknight 08.10.2012
1. Hauptberuf?
Zitat von sysopdapdKein Temperamentsausbruch, kaum ein Seitenhieb: Peer Steinbrück beantwortete gelassen, souverän und geschäftsmäßig alle Fragen von Günther Jauch - auch die zu seinen heftig diskutierten Nebeneinkünften. Klartext sprach der SPD-Kanzlerkandidat beim Thema Steuern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/television-peer-steinbrueck-zu-gast-bei-guenther-jauch-a-859986.html
Naja bei der hohen Anzahl der Vorträge, bezweifel ich, dass man da noch von hauptberuflicher Politik sprechen darf.
traldors 08.10.2012
2. Als ob Steinbrück (...)
die Fragen vorenthalten wären. Das übliche prozedere ist Fragen mitteilen, damit sich derjenige der die Antworten liefern kann, entsprechend vorbereiten und darstellen kann. Das einzig spontane ist vermutlich die jeweilige Sitzhaltung...
kalanak 08.10.2012
3. Mit anderen Worten:
Zitat von sysopdapdKein Temperamentsausbruch, kaum ein Seitenhieb: Peer Steinbrück beantwortete gelassen, souverän und geschäftsmäßig alle Fragen von Günther Jauch - auch die zu seinen heftig diskutierten Nebeneinkünften. Klartext sprach der SPD-Kanzlerkandidat beim Thema Steuern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/television-peer-steinbrueck-zu-gast-bei-guenther-jauch-a-859986.html
Geschwurbel ohne Inhalt! Vergeudete Sendezeit - aber macht nix. Der Steuerzahler bezahlt ja auch das.
MütterchenMüh 08.10.2012
4. Lupenrein oder vedeckter Lobbist
Zitat von sysopdapdKein Temperamentsausbruch, kaum ein Seitenhieb: Peer Steinbrück beantwortete gelassen, souverän und geschäftsmäßig alle Fragen von Günther Jauch - auch die zu seinen heftig diskutierten Nebeneinkünften. Klartext sprach der SPD-Kanzlerkandidat beim Thema Steuern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/television-peer-steinbrueck-zu-gast-bei-guenther-jauch-a-859986.html
Steinbrück´s Vorstellung bei Jauch war extrem enttäuschend. Plattitüden über Plattitüden, kein SPD-Stallgeruch, der Mann hätte auch für die FDP sprechen können. Bei seinem Einlass: "........es muss auch noch Privatsphäre bei Dingen wie Einkünften geben........" , muss man einwenden, dass es bei Personen die ein öffentliches Amt bekleiden oder haben wollen, eben diese Privatsphäre nicht geben kann. Der Wähler will schliesslich wissen, ob er etwas "Lupenreines" wählt oder einen vedeckten Lobbiysten.
hubertrudnick1 08.10.2012
5. Wahlkampf
Zitat von sysopdapdKein Temperamentsausbruch, kaum ein Seitenhieb: Peer Steinbrück beantwortete gelassen, souverän und geschäftsmäßig alle Fragen von Günther Jauch - auch die zu seinen heftig diskutierten Nebeneinkünften. Klartext sprach der SPD-Kanzlerkandidat beim Thema Steuern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/television-peer-steinbrueck-zu-gast-bei-guenther-jauch-a-859986.html
Alles nur noch Wahlkampf, soll das nun ein ganzes Jahre so weitergehen?
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