Von Jörg Diehl
Frank Plasberg ist der Großmeister der offenen Frageform: Was denken Sie? Wie fühlen Sie sich? Wie haben Sie reagiert? Wo andere Talkmaster sich in selbstverliebten Endlossätzen verheddern, setzt der ehemalige Boulevardjournalist auf die Stärke des Stakkato, auf die Kraft der Kürze. Die Antworten seiner Gäste, derart hervorgelockt, sind oftmals authentischer als die üblicherweise abgesonderten Stanzen in TV-Gesprächsrunden.
Auch am Montagabend, als es in Plasbergs Sendung "Hart, aber fair" um die Verbrechensserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) ging, funktionierte diese Technik eine Zeit lang ganz gut. Hülya Özdag, die mit ihren Eltern in der Kölner Keupstraße eine Konditorei betreibt, beschrieb eindrücklich, wie die Opfer der rechtsextremistischen Mörderbande unter den zahlreichen behördlichen Fehlern leiden, wie sehr sie jeder (vermeintliche) Skandal noch immer trifft.
Doch wenn es um mehr als um Gefühl, wenn es nämlich um Analyse geht, stößt die Plasbergsche Fragetechnik an ihre Grenzen. Zwar gelang der erfahrenen SPIEGEL-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen noch eine treffende Erklärung dafür, weshalb der NSU-Prozess das Aufklärungsinteresse der Hinterbliebenen geradezu zwangsläufig enttäuschen muss, doch bei der Frage aller Fragen, nämlich der danach, wie es geschehen konnte, verfiel sogar der Moderator in die ewiggleichen Phrasen.
Da waren die Behörden pauschal "auf dem rechten Auge blind", da wurde "Nazi-Bafög" an rechte V-Leute gezahlt, nur in eine Richtung ermittelt und eine "Mafiatheorie stur verfolgt", wie Plasberg behauptete. Es ist schon erstaunlich, wie vehement die deutsche Presse ungeachtet der Erkenntnisse zahlreicher Untersuchungsausschüsse und Expertenkommissionen den Strafverfolgern noch immer grundsätzliche Parteilichkeit unterstellen kann. Als sei eine angebliche Einseitigkeit der Ermittlungen wirklich die Antwort auf die Frage, weshalb der NSU unentdeckt geblieben war.
Nein, auch wenn es noch so schön schmissig klingt und auch wenn "Hart, aber fair" die skurrilsten Blüten aus elf Jahren Mordermittlungen noch einmal hervorkramte (Geisterbeschwörer, Polizei-Imbissbuden), eine Erklärung für die andauernde Erfolglosigkeit der Polizisten und Staatsanwälte ist das nicht. Zwar redeten fast alle in der Plasberg-Runde im Laufe der Sendung von Aufklärung und Aufarbeitung, von Lehren und Konsequenzen, doch schon eine zutreffende Beschreibung dessen, woran es eigentlich lag, dass die Rechtsterroristen nicht gefasst wurden, lieferte keiner.
Mehr als nur ein Problem im System
Dabei hätte der Moderator Plasberg den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU), in dessen Land immerhin die Hälfte aller NSU-Morde geschah, durchaus einmal fragen können, warum sich sein Ministerium in den vergangenen Jahren offenbar so vehement dagegen gewehrt hatte, die Ermittlungen an Bundesbehörden abzutreten, und damit möglicherweise eine echte Chance zur Aufklärung vergab? Oder: Weshalb auch in Bayern die Zusammenarbeit von Verfassungsschutz und Polizei mehr schlecht als recht funktionierte? Und: Wieso der Austausch von Informationen über Ländergrenzen hinweg so katastrophal war?
Die Antworten hätten in die Niederungen der Wirklichkeit geführt, weg von Meinungen, hin zu hässlich komplizierten Fakten. Von unendlich verschlungenen Dienst- und Meldewegen, die einzuhalten sind, wenn eine Nachricht etwa aus Jena die Polizei Köln erreichen soll, hätte ebenso die Rede sein müssen wie von profilierungssüchtigen Ministern und kleinmütigen Beamten, die argwöhnisch über die ihnen anvertrauten Informationen wachen und sie bloß nicht teilen wollen.
Ja, es gibt mehr als nur ein Problem im System, das hat der Fall des NSU offenbart, doch diese Missstände sind weder die Schuld einzelner, noch leicht zu beschreiben. Sie sind komplex und verwirrend und erfordern von denjenigen, die sie zu ergründen suchen, ein hohes Maß an Sachkenntnis und Konzentration. Für eine Stunde Fernsehen sind sie damit ganz und gar nichts.
Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, hat in der Sendung immerhin darauf hinweisen wollen, dass die Bedingungen, unter denen Verfassungsschützer und Ermittler arbeiten, die Art und Weise, wie sie miteinander kommunizieren und auch konkurrieren, die Gründe, weshalb in diesem Geflecht bestimmte Fehler passieren müssen, von der Politik bestimmt werden.
Auch die strikte Trennung von Polizei und Geheimdiensten, in der Bundesrepublik fast schon heilig, so Wendt, sei jahrzehntelang politisch gewollt gewesen. Übrigens - und das entbehrt nicht einer gewissen tragischen Ironie, profitierten doch ausgerechnet rechtsextreme Mörder von dieser Trennung - war sie eine Lehre aus der schrecklichen Allmacht der Gestapo im Dritten Reich.
"Ich wehre mich dagegen, dass die Politik sich nun so hinstellt, als hätte sie damit nichts zu tun", empörte sich Wendt noch.
Dann sagte ihm der bayerische Innenminister, dass er damit nun wirklich nichts zu tun habe.
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