ZDF-Satiresendung "Durchgedreht!": Viagra hihi, Pippa höhö

Von Arno Frank

Comedians Freiling, Hoëcker bei "Durchgedreht!": Peinliches Gehampel Zur Großansicht
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Comedians Freiling, Hoëcker bei "Durchgedreht!": Peinliches Gehampel

Die "heute show" ist in der Sommerpause, Jörg Thadeusz versucht sich mit der ZDF-Satiresendung "Durchgedreht!" als Lückenfüller. Die Idee, mit Impro-Comedy das aktuelle Geschehen zu kommentieren, hat Charme. Heraus kommt aber nur Gehampel.

Wenn ein Sender ausnahmsweise mal Geduld zeigt, kann sogar Blech zu Gold reifen. Das beweist nicht zuletzt der Erfolg der "heute show", die gerade im Sommerurlaub weilt und so beliebt ist, dass das ZDF den Anhängern der travestierten Nachrichten nun auf dem gleichen Sendeplatz etwas Vergleichbares bieten möchte. Wer dort aufschlägt, und sei es auch nur ersatzweise für sechs Folgen, hat's nicht leicht.

Jörg Thadeusz und seinem Team ist nicht gering anzurechnen, es wenigstens zu versuchen. Zumal die Idee - Komödianten müssen sich aus dem Stegreif einen improvisierten Reim auf das aktuelle politische Geschehen machen - ihr eigenes Scheitern schon beinhaltet. Und das ist vollkommen.

Zwar gab es Impro-Comedy schon bei RTL, hieß "Frei Schnauze" und wurde von Dirk Bach moderiert, die Reaktion auf Zuruf kennt man aus der "Schillerstraße" bei Sat.1. Neu aber ist der Anspruch, aus dem Stegreif nicht etwa "Ausbruch aus der Irrenanstalt" zu spielen, sondern "Dopingbeichte von Jan Ullrich" oder "Trennung der Putins".

Mit ein wenig Glück und Können, das auch, könnte dabei als Mehrwert womöglich so etwas wie Charme herausspringen - also genau das, woran es Oliver Welke und seiner "heute show" leider gebricht. Dort waltet bekanntlich eine schadenfrohe Multifunktionshäme, die politische Haltung richtet sich jeweils nach der Machbarkeit der nächsten Pointe.

Spürbare Verzweiflung der Darsteller

Dabei hat Welke, wie sein US-Vorbild Jon Stewart in der unerreichbaren "Daily Show", immerhin ein verlässliches Drehbuch zu Hand. Bei Thadeusz dagegen begeben sich wechselnde "Comedians" um eine Kernmannschaft aus Bernhard Hoëcker und Max Giermann (beide bekannt aus "Switch reloaded") nun auf das dünne Eis ihrer eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten - während der Moderator den wohlwollenden Conférencier mimt. Die einzige eingebaute Sicherung besteht darin, dass "Durchgedreht!" als Aufzeichnung gesendet wird, allzu peinliche Hampeleien also unterschlagen werden können. Seltsam nur, dass trotzdem noch so viel peinliches Gehampel für sendewürdig befunden wird.

Auf einer Drehbühne nebst Green Box spielen die Künstler nach, was Thadeusz ihnen launig aufträgt. Etwa anhand einer willkürlichen Powerpoint-Präsentation eine Lösung für das Problem mit dem Atommüll präsentieren. Die abschreckenden Ekelbilder darstellen, die demnächst auf den Zigarettenpackungen abgebildet werden sollen. Wahlempfehlungen von Barbie und Ken, Max und Moritz oder Waldorf und Statler. Oder die Pressekonferenz von Pep Guardiola nachspielen. Oder im Stau sitzen, mal im Papstmobil, mal im UFO. Wo hier der satirische Erkenntnisgewinn liegen soll, bleibt ebenso unklar wie die Frage, gegen wen sich die zerstotterten Albernheiten eigentlich richten. Oft versuchen sich die Darsteller nur mit spürbarer Verzweiflung über die ohnehin schon knappe Zeit zu retten.

Der Charme hätte im Scheitern liegen können

Die Quoten sind schon nach zwei Folgen im freien Fall, weshalb der politische Anteil stark heruntergefahren wurde und "Durchgedreht!" jetzt deutlich mehr am Boulevard oder dem Sportteil orientiert ist - mit entsprechenden Folgen für das Niveau der Unterhaltung. Gelacht werden kann am herzlichsten unter Niveau, wohl wahr, aber zum Lachen sollte es doch reizen. Tut es aber nicht. Selbst Thadeusz ist in seinen Anmoderationen schon bei Zoten über Viagra (hihi) oder den "Popo" von Pippa Middleton (höhö) angelangt und mit seinem Latein offensichtlich am Ende.

Der Charme dieses Experiments hätte noch im Scheitern darin liegen können, dass fähige und halbwegs informierte Menschen spontan auf Nachrichten reagieren - in den ersten Folgen wurde das noch versucht. Schließlich stößt, was in der Welt so geschieht, uns allen meistens ebenfalls unvorhergesehen zu. Und gerade der schnelle Gedanke kann genialisch sein, die Situation zu unerwarteter Komik und magischen Momenten führen. Hier aber hecheln sich überwiegend Routiniers des Privatfernsehens durch ein Standardprogramm, über das nur sie alleine kichern können. Nebenbei erweist diese Sendung dem Improvisationstheater, das, wie Experten versichern, eigentlich eine feine Sache sein kann, einen Bärendienst.

Zuletzt bleibt die Frage, was ärgerlicher ist - der Mist oder die Tatsache, dass sich das ZDF fortwährend für seinen "Mut" auf die Schulter klopft, einen solchen Mist zu veranstalten. Wirklich übelnehmen darf man "Durchgedreht!", dass die Sendung eine zarte Sehnsucht nach Oliver Welke weckt, und vielleicht ist das der zynische Zweck dieser Urlaubsvertretung. Augen zu und durch. Drei Folgen noch, dann ist es überstanden. Dieses Blech bleibt Blech, da hilft auch keine Geduld, da bräuchte es schon Alchemie.

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insgesamt 60 Beiträge
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    Seite 1    
1. Mut?
teutoniar 29.06.2013
Zitat von sysopZDFDie "heute show" ist in der Sommerpause, Jörg Thadeusz versucht sich mit der ZDF-Satiresendung "Durchgedreht!" als Lückenfüller. Die Idee, mit "Impro-Comedy" das aktuelle Geschehen zu kommentieren, hat Charme. Heraus kommt aber nur Gehampel. http://www.spiegel.de/kultur/tv/television-zur-zdf-satiresendung-durchgedreht-a-908504.html
War klar, dass das scheitert. Ausgelutschtes Privatfernsehkonzept mit ausgelutschten Darstellern. Das ist also schon "Mut". Ich würde mir eine ähnliche Produktion wie Roche&Böhmermann auf diesem Sendeplatz wünschen. Dafür braucht es übrigens weder Roche noch Böhmermann, liebes ZDF.
2. Oh, dear....
mag-the-one 29.06.2013
@ SPON "Dort waltet bekanntlich eine schadenfrohe Multifunktionshäme, die politische Haltung richtet sich jeweils nach der Machbarkeit der nächsten Pointe." Mann, das ist aber ein Eigentor!
3. Dafür ...
thorkhan 29.06.2013
... werden Gebührenmillionen verschleudert?
4. Oh, dear....
mag-the-one 29.06.2013
@ SPON "Dort waltet bekanntlich eine schadenfrohe Multifunktionshäme, die politische Haltung richtet sich jeweils nach der Machbarkeit der nächsten Pointe." Mann, das ist aber ein Eigentor!
5. Das Salz der Häme
kentender 29.06.2013
Oliver Welkes "schadenfrohe Multifunktionshäme", von Euch gerügt, ist doch gerade das Salz in seiner Suppe. Leider vorbei sind doch die Zeiten, da man seine Omi für einen guten Spruch verhökern konnte! Stattdessen heute: Turnübungen...
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