Kiezserie "Tempel" bei ZDFneo Rocky Balboa boxt jetzt in Berlin

Wir wollen unseren Kiez zurück! In der ZDFneo-Serie "Tempel" geht Ken Duken als boxender Altenpfleger aus Berlin-Wedding gegen Immobilienhaie und Yogamuttis vor - ein schön ironischer Milieuschocker.

ZDF/ Christian Stangassinger

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Wem gehört die Stadt? Für Mark Tempel ist die Antwort einfach: mir. Meiner Familie. Uns, die wir da schon immer gewohnt haben. Tempel, einst Boxer mit halbkriminellem Hintergrund, jetzt Altenpfleger mit Helfersyndrom, ist bereit, sein Revier zu verteidigen. Als seine Nachbarschaft in Berlin-Wedding verhökert werden soll, geht er in den Clinch mit Politikern und Spekulanten. Rocky Balboa gegen die Gentrifizierungsmafia.

Die Motivation für die Verwandlung vom Menschenfreund zur Kampfmaschine: Einer alten Dame, die Tempel betreut, haben Bauarbeiter die Fenster zubetoniert, um sie aus ihrer Wohnung zu vertreiben. Auch bei Tempels Familie selbst hat ein Trupp Vermummter verbeigeschaut, der Ehefrau im Rollstuhl gedroht und der Tochter die Geige kaputtgeschlagen.

Das ist Entmietung auf die harte Tour. Ein Konflikt, der in vielen Städten spielen könnte, der sich aber nirgends so eindrücklich erzählen lässt wie in Berlin. Hier, in der Stadt, die sich in den letzten 25 Jahren wie keine andere in Deutschland verändert hat, kann man diese Prozesse wie im Zeitraffer verfolgen.

Wem gehört der Wedding?

Und wem gehört denn nun Kreuzberg, Neukölln oder eben auch Wedding? Den Proleten, die sich in den letzten verbleibenden Boxbuden die Nasen brechen? Dem linksliberalen Milieu, das diese Proleten aus ihren Altbauten zu verdrängen droht? Den Kreativen aus aller Welt, die in den Hinterhöfen an einer besseren Welt zu schrauben glauben, während sie wiederum das linksliberale Milieu zu verdrängen drohen? Oder doch den Investoren, denen solche Überlegungen herzlich egal sind, während sie ganze Straßenzüge in Altbauwunderländer verwandeln?

Kompliziert? Nicht wirklich. Jedenfalls nicht in der Serie "Tempel" (sehen Sie hier einen Trailer), die ein fröhlicher Fausthieb in die Konsensgesellschaft ist. Der Einfachheit halber wird ein aufrechter Kämpfer in dieses äußerst brisante stadtpolitische Getümmel geschickt. Ein Prolet mit dem Herzen am rechten Fleck. Klar, damit wird der Konflikt folklorisiert. Gleichzeitig wird diese Folklorisierung in "Tempel" aber auch smart ironisiert.

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Berlin-Serie: Blut muss fließen in Berlin

Der Kiez soll gerettet werden, aber wer genau diesen Kiez verkörpert, lässt sich schwer sagen. Wunderbar die Dialoge in der Miniserie, die dieses Definitionsproblem auf den Punkt bringen. Sagt zum Beispiel ein wutentbrannter Boxstall- und Bordellbesitzer: "Der Kiez? Der Kiez ist wegsaniert! Guck dich doch um! Nur die arschlosen körnerfressenden Yoga-Fotzen, das ganze Yuppie-Pack. Immer schön gesund. Ficken und Koksen nur noch an Feiertagen. Kann doch keine Sau von leben!"

Liebling Kreuzberg trifft Luke Cage

Der Wedding brennt. In Flammen steht auch Ken Duken als Bewahrer dieses Wedding. Ein schöner Part für den Schauspieler, der sonst eher nachdenklich zerknautschte Typen verkörpert - der nun aber für die Raging-Bull-Rolle in "Tempel" einen Stiernacken zugelegt und das Rasieren aufgegeben hat. Aus seinem Bart tropft Wut.

Zwar geht es hier um Selbstermächtigungs-Action, wie wir sie aus den großen US-Serien kennen, aber sie wird mit Selbstironie eingepasst in die kleine deutsche TV-Landschaft. "Liebling Kreuzberg" trifft auf "Breaking Bad", "Der König von St. Pauli" flirtet mit "Luke Cage".

Andere Filmemacher sind auch schon dran am Thema. Der junge Berliner "Tatort" mit Mark Waschke und Meret Becker, in dem es um den neuen aggressiven Airbnb-Tourismus und das alte Schultheisssäufermilieu geht, spielt ebenfalls zu großen Teilen im Wedding. Und der Pay-TV-Sender TNT Serie zeigt Anfang des nächsten Jahres die Serie "4 Blocks", die von einem arabischen Clan in Neukölln handelt. Erste Bilder lassen auf eine düstere Gangster-Serie schließen, die mit den Erzähltricks der aktuellen Serienkunst auftrumpft.

Das geschieht, wenn auch immer mit dem Wissen um die eigenen Beschränkungen, auch in "Tempel" (Buch: Conni Lubek). Regie führte Philipp Leinemann, ein junger Genre-Könner, der den letzten Rostocker "Polizeiruf 110" als amtlichen Mafia-Thriller in Szene gesetzt hat. Es wird nun mit der genreüblichen Einer-gegen-alle-Psychologie gearbeitet: Je mehr der fightende Pfleger gegen die Spekulanten aufbegehrt, desto stärker wird er in das Milieu zurückgezogen, dem er doch eigentlich schon den Rücken gekehrt hat.

Im Krieg gegen die Diele-Stuck-Glasfahrstuhl-Dealer muss sich Tempel mit einer zwielichtigen Vatergestalt einlassen: Rotlichtimpresario Jakob (Thomas Thieme), der den verlorenen Quasi-Sohn zurückzugewinnen will, damit dieser sein Erbe übernehmen kann. Ein grimmiger, wankender Koloss der Halbwelt ist das, der um sein bröckelndes Rotlichtreich besorgt ist.

Und so tönt Großschauspieler Thieme, der auf der Theaterbühne schon einige der großen tragischen Shakespeare-Herrscher verkörpert hat, als eine Art Lotter-King-Lear gegen jene, die aus seiner Sicht schuld sind am Ende des Kiezes, wie er ihn haben will. Ein letztes schönes Zitat vom ihm: "Die sind drei Tage hier, dann sagen sie 'mein Kiez', dann machen sie Anwohner-Initiativen, dass sich bloß nichts verändert. Die kapieren ja nicht mal, dass sie die verschissene Veränderung sind."


"Tempel", dienstags, 21.45 Uhr, jeweils zwei Folgen, ZDF neo. Ab 20.15 Uhr stehen die beiden Folgen bereits in der ZDF-Mediathek.



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